Kretschmann in Lampoldshausen: Raumfahrt ist unterschätzter Standortfaktor
Ministerpräsident Winfried Kretschmann ist erstmals zu Besuch auf dem Triebwerkstestgelände des DLR im Harthäuser Wald. Grüner Wasserstoff, KI und Raketentechnik greifen dort ineinander.

Mit Zukunftsthemen wie Raumfahrt oder grünem Wasserstoff will das Land im internationalen Wettbewerb punkten. Das Triebwerkstestgelände des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Lampoldshausen darf deshalb seit gestern darauf hoffen, dass auch der Ministerpräsident dabei hilft, die Sichtbarkeit des Standorts zu erhöhen. "Denn ohne Aufmerksamkeit gibt"s kein Geld", erklärte Winfried Kretschmann bei seinem ersten Besuch in Lampoldshausen.
Der erste Elektrolyseur produziert grünen Wasserstoff
Genau zum richtigen Zeitpunkt kam das Landesoberhaupt, um den ersten Elektrolyseur am Standort in Betrieb zu sehen. Der Energieversorger Zeag hat ihn für das DLR installiert.
"Seit zwei Wochen wird hier mit Strom aus dem Windpark Harthäuser Wald Wasserstoff erzeugt", erzählt Zeag-Chef Franc Schütz. Seit 2015 läuft das Projekt. Derzeit werde der dritte Trailer-Tank mit verdichtetem grünem Treibstoff gefüllt. "Viel Lehrgeld" habe man bezahlen müssen, aber wichtige Erfahrungen gesammelt, räumt Stefan Schlechtriem, Direktor des DLR-Instituts für Raumfahrtantriebe in Lampoldshausen, ein.
Die Erfahrung soll helfen, wenn mit Zero Emission die nächste Stufe beim Wasserstoff folgt. Daniela Lindner, Abteilungsleiterin beim DLR und verantwortlich für das Projekt, erläutert, wie mit einem zweiten Elektrolyseur der Kraftstoff für Triebwerkstests CO2-neutral hergestellt und der Standort klimafreundlich betrieben werden soll. Außerdem sollen Industrie und Wissenschaft in einem Wasserstoff-Technikum Wasserstofftechnologien unter realen Bedingungen entwickeln und erproben können.

Hier soll ein Wasserstoff-Cluster entstehen
Der Ministerpräsident zeigt sich an zahlreichen technischen Details interessiert. "Wasserstoff wird der Betriebsstoff in zehn Jahren sein", kommentiert er. Vor allem in industriellen Prozessen werde er eine wichtige Rolle spielen.
Deshalb müsse man daran arbeiten, bis dahin die Technologien dafür bereitzustellen, auch wenn die Produktion des grünen Wasserstoffs in Zukunft nicht im Südwesten möglich sei. Clusterbildung, mit geballtem Know-how, sei dabei wichtig und werde auch von vielen Ebenen entsprechend gefördert.
In Europa kann man nicht ohne Hilfe der Politik bestehen
Noch deutlicher werden die Hoffnungen auf die Unterstützung des Ministerpräsidenten beim Thema Raumfahrt zur Sprache gebracht. Innerhalb der europäischen Weltraumorganisation Esa habe jede Region ihr eigenes Interesse, erklärt DLR-Standortleiter Schlechtriem am neuen Standort P5.2, wo die Oberstufe mit dem neuen Vinci-Triebwerk für die neue europäische Trägerrakete Ariane 6 in den kommenden Wochen getestet wird.
Politik spiele da eine wichtige Rolle. Wenn Kretschmann helfe, dass Lampoldshausen künftig die Abnahmetests für alle Vinci-Triebwerke bekomme und somit langfristig ausgelastet werde, sei Kretschmann ein Denkmal auf dem Gelände sicher, verspricht Schlechtriem.

Kretschmann: "Raumfahrt läuft zu sehr unter dem Radar"
Der Ministerpräsident lässt sich zu keiner Aussage hinreißen. Doch er sagt am Rande des Besuchs: "40 Prozent der Raumfahrtaktivitäten liegen in Baden-Württemberg. Das läuft aber zu sehr unter dem Radar." Das soll sich ändern. "Wir wollten uns dem schon länger intensiver widmen, das ist durch Corona etwas verzögert worden."
Hightech in allen Variationen wird ihm noch näher gebracht. So werden Triebwerkstests künftig mithilfe von Künstlicher Intelligenz vorbereitet und überwacht, wie DLR-Gruppenleiter Günther Waxenegger-Wilfing erläutert. Die Datenmengen bieten sich dafür an. Am Ende zeigt Thomas Dekorsy, Direktor des DLR-Instituts für Technische Physik, wie man mit Laser Wasserstoff auf 100 Meter detektieren und somit Leckagen entdecken kann.
Fördermillionen und wofür sie ausgegeben werden
Viele Fördermillionen sind für Lampoldshausen schon locker gemacht worden. Vom Land gab es zuerst 850 000 Euro für das Projekt H2orizon, das gemeinsam von DLR und Zeag umgesetzt wurde. So war auch Zeag-Chef Franc Schütz vor Ort, um dem Ministerpräsidenten die erste grüne Wasserstoffproduktion am Standort zu zeigen.
16 Millionen Euro kamen dann vom Landeswirtschaftsministerium, um den Standort klimaneutral zu betreiben. Zero Emission heißt das Projekt, das DLR-Abteilungsleiterin Daniela Lindner verantwortet. Auch hier spielt Wasserstoff eine zentrale Rolle.
Über das Regiowin-Programm des Landes und mit Efre-Fördermitteln der EU konnten die Region und ihre Wirtschaftsförderer dann im vergangenen Jahr noch einmal punkten und bekamen grünes Licht für das Zwölf-Millionen-Projekt Hydrogen Hub. Damit soll beim DLR in Lampoldshausen ein Know-how-Zentrum entstehen.
Die Wirtschaftsfördergesellschaften WFG und WHF warten zudem noch auf einen zweistelligen Millionenbetrag aus dem Bundeswirtschaftsministerium für Transformationsnetzwerke in der Fahrzeug- und Zulieferindustrie. Damit wollen sie auch die Wasserstoff-Kompetenz in der Region stärken.
In Lampoldshausen plant die Arianegroup, einen Verflüssiger für Wasserstoff zu entwickeln. Allerdings müsse sich der Betrieb dann rechnen, erläutert Stefan Hässler, Standortleiter der Arianegroup in Lampoldshausen. Auch hier dürfte es daher ohne Förderung nicht funktionieren.



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