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"Menschen wollen weiter miteinander reden"

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Die Bandbreite wächst: An Heilbronner Schulen hat Vodafone eine Glasfaser-Offensive gestartet, 5G wird zügig ausgebaut. Selbst die Versorgung kleiner Orte wie Bittelbronn bei Möckmühl rückt in greifbare Nähe. Der Vodafone-Deutschlandchef Hannes Ametsreiter im Interview.

Arbeiter in Berlin montieren auf einem Funkmast in gut 50 Meter Höhe Antennen für die neue Mobilfunk-Generation 5G: Auch in der Region hat der Ausbau begonnen. Foto: dpa
Arbeiter in Berlin montieren auf einem Funkmast in gut 50 Meter Höhe Antennen für die neue Mobilfunk-Generation 5G: Auch in der Region hat der Ausbau begonnen. Foto: dpa  Foto: Christoph Dernbach

Die Digitalisierung erfordert schnelle Internetverbindungen. In der Region hat der Ausbau des neuen 5G-Mobilfunkstandards begonnen. Schulen und Unternehmen werden vermehrt ans Glasfasernetz angeschlossen. Im Gespräch mit unserer Zeitung erläutert Vodafone-Deutschland-Chef Hannes Ametsreiter, was sich hier alles tut. Er hat sogar eine Überraschung für Bittelbronn parat, das bis heute ein weißer Fleck auf der Mobilfunk-Landkarte ist.

 

Heilbronn war ja mit Unitymedia die erste Gigabit-City. Gibt es da Pläne für ein weiteres Modellprojekt?

Hannes Ametsreiter: Wir sind mittendrin. In Heilbronn werden gerade 34 Schulen mit einem Glasfaser-Anschluss versorgt. Damit haben sie künftig auch im Upload Gigabit Geschwindigkeit, was beim Homeschooling Engpässe beseitigt. Das ist ein großer Schub. Jetzt können sich Schulen voll auf ihren digitalen Unterricht konzentrieren. Die Basis dafür haben wir gelegt.

 

Wie kam es zu diesem Projekt?

Ametsreiter: Da braucht es ein paar beherzte Lehrer und den Willen bei den politischen Entscheidungsträgern. Heilbronn war hier jedenfalls ganz vorne mit dabei und die Zusammenarbeit mit der Stadt war vorbildlich. Das zeigt sich auch daran, dass der Vergabe- und Genehmigungsprozess in sechs Monaten erledigt war, was üblicherweise 18 Monate dauert. Wenn alle ein gemeinsames Ziel verfolgen, dann geht es eben auch schneller.

 

Die Welt verändert sich rasant. Jeder ist online. Da kann man sich als Telekommunikationsanbieter doch sehr gut profilieren, oder nicht?

Ametsreiter: Diese Pandemie ist der größte Digitalisierungsturbo, den wir je erlebt haben. Die letzten Monate haben gezeigt, wie wichtig Infrastruktur und Digitalisierung für Deutschland sind. Aber die Zeit ist für uns auch herausfordernd, weil sich das Datenvolumen mehr als verdoppelt hat und die Aufmerksamkeit bei den Kunden riesig ist. Wer vor dem Bildschirm sitzt, merkt natürlich sofort, wenn etwas mal nicht funktioniert.

 

Woran können Sie die veränderten Verhaltensweisen der Menschen noch festmachen?

Ametsreiter: Beispielsweise daran, dass seit der Pandemie Telefonate im Schnitt 40 Sekunden länger dauern, wie wir herausgefunden haben. Das zeigt, dass die Menschen weiterhin miteinander reden wollen, auch wenn man sich nicht mehr treffen kann. Eine schöne Entwicklung, wie ich finde.

 

Der Aufbau neuer Infrastruktur dauert in der Regel Jahre. Wie bekommt man da mehr Geschwindigkeit rein?

Ametsreiter: Mit neuen Standards und Softwareanpassungen können wir im Festnetz noch einiges herausholen - das ersetzt in vielen Fällen das Graben mit der Schaufel. Im Mobilfunkbereich können wir zusätzliche Frequenzen benutzen. Aber natürlich müssen wir auch die Infrastruktur weiter ausbauen. Wir haben einen großen Vorteil: Wir haben im Boden bereits eine gigabitfähige Infrastruktur liegen - bei unserem Netzausbau erhöhen wir vor allem den Glasfaseranteil überall dort, wo es notwendig ist.

 

Der Upload ist der Flaschenhals, wie derzeit viele Homeoffice-Arbeiter merken. Wie viel geht da noch beim klassischen Kabelanschluss?

Ametsreiter: Das braucht noch eine gewisse Zeit. Derzeit sind 50 Megabit im Upload das Maximum. Wir planen, das Tempo zunächst zu verdoppeln. Im nächsten Schritt bringen wir dann noch mehr Glasfaser bis an die Verteiler. Mit dem künftigen Übertragungstechnologie DOCSIS 4.0 werden perspektivisch 10 Gigabit im Download und 1 Gigabit im Upload möglich sein - so viel wie heute fürs Herunterladen zur Verfügung steht.

 

Die Netzanbindung kann zunehmend zu einem entscheidenden Wirtschaftsfaktor in einer Region werden. Anhand welcher Kriterien entscheiden Sie, wo sie investieren und wo nicht?

 Foto: Vodafone

Ametsreiter: Manche Investitionen ziehen wir bundesweit durch. Für besondere Ansprüche gibt es dann natürlich immer individuelle Lösungen. Wenn ein Unternehmen auf uns zukommt, dann verlegen wir auch mal drei Glasfaserkabel auf ein Gelände. Das ist projektbezogen. Da kommt dann teilweise auf dem Gelände bereits der neue Mobilfunkstandard 5G in geschlossenen Campus-Netzen zum Einsatz. Das bedeutet, dass die Bandbreite garantiert ist, selbst wenn ein Reisebus mit 100 Touristen vorbeifährt. Dieses sogenannte Kern-Slicing können derzeit übrigens nur wir anbieten, weil nur wir in Deutschland bisher über ein 5G-Standalone-Netz verfügen, also nicht mehr 5G über das 4G-Kernnetz laufen lassen müssen.

 

In der Region gibt es schon einige 5G-Sendemasten, aber von einem engen Netz kann man noch nicht sprechen...

Ametsreiter: Nun, es sind immerhin schon 17 Standorte im Landkreis Heilbronn und im Hohenlohekreis. Bis Mitte 2021 werden dann 24 der 179 Mobilfunkstationen die 5G-Technologie an Bord haben. Wie es danach genau weiter geht, kann ich noch nicht mitgeben. Aber klar ist: Überall wo heute 4G funkt, funkt in Zukunft 5G.

 

Sie hatten angekündigt, Sendemasten künftig mit den Wettbewerbern gemeinsam nutzen zu wollen. Funktioniert das?

Ametsreiter: Ja. Kartellrechtliche Fragen mussten noch geklärt werden. Es war lange Zeit Vorgabe, dass jeder sein eigenes Netz mit eigenen Standorten hat. Aber jetzt werden Telekom, Telefonica und Vodafone kooperieren. Und wenn 1&1 sich auch noch durchringen kann, sind wir auch dafür offen.

 

5G ist auch ein emotionales Thema. Es gibt viele, die Angst vor einer angeblich schädlichen Wirkung haben.

Ametsreiter: Es gibt keine ernstzunehmenden Studien, die so etwas belegen. Aber jeder Fortschritt ist auch ein emotionales Thema. Die Politik und die Bundesnetzagentur fordern jedenfalls einen schnellen Ausbau. Wenn wir weiter mobil telefonieren wollen, dann brauchen wir ein Netz. Wir drehen die alten Mobilfunkgenerationen ja auch ab - in zwei Monaten zum Beispiel 3G. Das sind jene UMTS-Frequenzen, die vor 20 Jahren viel zu teuer versteigert wurden. Und in vielleicht 15 Jahren, wenn 5G und 6G etabliert sind, werden wir 4G abschalten. Neben vereinzelter Gegenwehr beim 5G-Ausbau haben wir aber eher die Diskussion, dass wir die weißen Flecken auf der Mobilfunk-Landkarte schließen.

 

Wir haben ein Paradebeispiel: Bittelbronn bei Möckmühl. Da hat es bisher kein Mobilfunkanbieter hingekriegt, einen Sendemast hinzustellen. Versagt hier der Wettbewerb?

Ametsreiter: Nein, gar nicht. Wir haben ja die Versorgungsauflage, dass wir 97 Prozent der Haushalte abdecken müssen...

 

...wenn ein Ort aber so klein ist, wie Bittelbronn, dann spielt das prozentual kaum eine Rolle.

Ametsreiter: Wir haben dort auch topografisch eine wirklich sehr schwierige Situation. Und natürlich versorgen wir zuerst die Orte, wo viele Menschen leben. Haben aber dabei auch das Land klar im Blick. Jedoch, die Versorgung von dünn besiedelten Landstrichen ist wirtschaftlich herausfordernd. Aber ich darf verraten, dass wir dort spätestens 2022 Mobilfunk anbieten. Das wird übrigens im Rahmen eines Kooperationsprojektes mit anderen Anbietern passieren.

 

Zur Person
Hannes Ametsreiter (54) ist seit Oktober 2015 CEO von Vodafone Deutschland und zugleich Mitglied des Konzernvorstandes ("Executive Committee") der weltweiten Vodafone Gruppe. Der gebürtige Salzburger war vor seinem Einstieg bei Vodafone unter anderem sechs Jahre Chef der Telekom Austria Group (die in acht Ländern agiert). Der Manager, der 1994 zum Thema Biervermarktung promovierte, ist verheiratet und Vater von zwei Töchtern.

 
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