Stimme+
Region
Zur Merkliste Lesezeichen setzen

Künstliche Lunge aus Heilbronn hat weltweit den Durchbruch geschafft

   | 
Lesezeit  3 Min
Erfolgreich kopiert!

In der Pandemie hat das Medizintechnikunternehmen Xenios gezeigt, wozu die ECMO-Therapie in der Lage ist. Jetzt steht sogar das Tor zum Reich der Mitte offen.

Im Zukunftspark Wohlgelegen in Heilbronn ist ein Großteil der Produktion der künstlichen Lungen − im Bild links die dafür notwendigen Membranen − untergebracht.
Xenios
Im Zukunftspark Wohlgelegen in Heilbronn ist ein Großteil der Produktion der künstlichen Lungen − im Bild links die dafür notwendigen Membranen − untergebracht. Xenios  Foto: Xenios

Lange hatten sich die Heilbronner Medizintechnik-Spezialisten von Xenios um eine Zulassung ihrer künstlichen Lunge in den USA bemüht. Als die FDA dann vor einem Jahr grünes Licht gab, richteten sich gleichzeitig alle Augen auf China. Dort hoffte man, mit dieser Art der Therapie auch schwerstkranke Covid-Patienten retten zu können.

Innerhalb kürzester Zeit musste sich Xenios entscheiden, nach welchen Kriterien das Unternehmen die rapide zunehmenden Bestellungen annimmt. Der Bedarf dürfte auch nach der Pandemie hoch bleiben.

Dem Covid-Patienten wird Zeit geschenkt

Covid-Patienten bekommen durch die sogenannte ECMO-Therapie vor allem Zeit geschenkt. Zeit, in der sich die Lunge erholen kann. ECMO steht dabei für "extrakorporale Membranoxygenierung" oder auf deutsch für eine Lungenunterstützung, die außerhalb des Körpers stattfindet. Dem Blut wird das Kohlendioxid entzogen, es wird mit Sauerstoff angereichert.


Mehr zum Thema

metamorworks/stock.adobe.com
Stimme+
Region
Hinzugefügt. Zur Merkliste Lesezeichen setzen

Corona wirkt als Booster für die Medizintechnik


Erstaunlicherweise war die Technik zwar in den 1970er Jahren in den USA entwickelt worden. Doch als erstem Anbieter gelang es Xenios, in den USA eine FDA-Zulassung für sein kompaktes Novalung-System zu erhalten. "Das hatte mit der Corona-Pandemie gar nichts zu tun", erzählt Jürgen Böhm, der als Vorstand bei Xenios den medizinischen Bereich und die Produktion verantwortet.

Ärzte hätten ECMO auch mit Systemen anderer Hersteller zuvor nur im "off-label use", also auf eigene Verantwortung, eingesetzt.

Misserfolge zu Beginn der Pandemie

Fast zeitgleich war schon nach den ersten Corona-Ausbrüchen in China deutlich geworden, dass die Technik eine wichtige Rolle in der Behandlung von Covid-19-Patienten spielen könnte. Kurz nach dem Ausbruch in Wuhan gab es deshalb eine Sonderzulassung in China.

Dieser Artikel stammt aus der WirtschaftsStimme, die am Dienstag, 2. März, der Tageszeitung beiliegt. Die Schwerpunktthemen sind Medizintechnik und Kunststoff. 

Im März startete ein erstes Flugzeug mit 20 Novalung-Systemen, weitere folgten. Es war allerdings nicht der durchschlagende Erfolg, den sich viele erhofft hatten. "Anfangs wurde ECMO zu spät eingesetzt, bei schwerstkranken Patienten, die mit dem Rücken zur Wand standen", erzählt Böhm. So hätten weniger als zehn Prozent von ihnen überlebt.

Der wissenschaftliche Austausch war vorbildlich

Doch die Lernkurve ging steil nach oben. "Ich habe in den 30 Jahren, in denen ich im klinischen Bereich tätig bin, noch nie erlebt, dass so offen und transparent kommuniziert wird, und das global", so der 54-Jährige. Wohl auch deshalb überleben heute mehr als die Hälfte der Covid-Patienten, die an künstliche Lungen angeschlossen werden.

 Foto: Xenios

Mit der neuen Aufmerksamkeit für ECMO begann auch ein Run auf die Systeme. Xenios verdoppelte die Produktion auf etwa 500 Konsolen pro Jahr - die komplette Endmontage findet in Heilbronn statt. Die Mitarbeiterzahl an allen vier Standorten Radeberg, Stolberg, Reutlingen und Heilbronn stieg um rund 100 Mitarbeiter auf 330.

"Trotzdem war die Nachfrage teils zu groß und wir mussten entscheiden, wen wir beliefern", sagt Böhm. Bevorzugt wurden Länder, wo das Infektionsgeschehen hoch war und es Erfahrung und personelle Kapazitäten gab. "Es sollte ja nicht in der heißen Phase damit experimentiert werden."

In Bergamo etwa hätten die Kliniken vor einem Jahr gar keine Zeit für die aufwendige ECMO-Therapie gehabt, erzählt Böhm. Weil es durch die Reisebeschränkungen nicht möglich war, die Einweisung persönlich vorzunehmen, mussten zudem Schulungen per Video stattfinden.

Vertrauen in China ist groß

 Foto: Xenios

Inzwischen gilt ECMO weltweit als anerkannt. Nur die Hoffnung, dass mit der Zulassung der Durchbruch in den USA gelingt, hat wohl einen Dämpfer bekommen. Die Krankenhäuser dort hätten momentan nicht die finanziellen Mittel, die bis zu 100 000 Euro teuren Systeme in größerer Zahl anzuschaffen - wegen Corona. "Da zeigen sich leider die Schwächen des amerikanischen Gesundheitssystems", sagt Böhm.

Doch auch andere Länder wie Kanada hätten eine Sonderzulassung erteilt. Und China ließ sich durch die anfänglichen Misserfolge nicht abschrecken. Im Dezember erhielt Xenios sogar die offizielle, dauerhafte Zulassung. Für Böhm "ein Riesenerfolg" in diesem bewegten Jahr 2020. Schließlich sei der Bedarf in einem so bevölkerungsreichen Land sehr groß.

Neue Therapie vermeidet auch Beatmung bei chronischen Lungenleiden

Stillstand gibt es jedenfalls nicht. Xenios sieht in der mit ECMO verwandten ECCO2R-Therapie eine weniger belastende "Therapie der Zukunft". Sie könnte standardmäßig bei chronischen Lungenerkrankungen zur Vermeidung einer mechanischen Beatmung zum Einsatz kommen. Xenios wird dazu in Europa zwei große Studien durchführen.

 

 
Kommentare öffnen
Nach oben  Nach oben