Krise zwingt auch junge Unternehmen aus der Region zu Kreativität
Wenn ein Geschäftsmodell nicht mehr funktioniert, dann wird improvisiert - oder optimiert und durchgehalten. Eine Umfrage bei Startups

"Uns geht es gut", sagt Heiko Kreiter. Mit seiner Event- und Ticketplattform tut er sich in einer Zeit, in der es nichts zu veranstalten und nichts zu verkaufen gibt, zwar schwer. Dennoch zeigt er sich optimistisch, dass es nach dem Lockdown umso besser weitergeht. Damit ist er nicht allein. Manch anderes Startup kann in der Krise sogar richtig Gas geben.
Kreiters sechsköpfiges Team ist seit April in Kurzarbeit. Die Hilfen aus Berlin und Stuttgart kommen, wenn auch langsam. "Wir haben das Glück, dass wir den Hauptumsatz mit unserer Ticketsystem-Software machen", sagt Kreiter. So sind die Fixkosten nicht allzu hoch.
Die veranstaltungsfreie Zeit nutzte er aber, um eine neue Firma zu gründen. Mit der sogenannten UVC-Technik soll die Atemluft in Räumen entkeimt werden. "Wir haben ein eigenes Tischgerät entwickelt, seit zwei Wochen sind die ersten Exemplare da", erzählt der 44-Jährige. Für sein neues Unternehmen Corvex-Air sei er bereits in Gesprächen mit Gemeinden, Schulen, Büros. "Den Startup-Spirit haben wir uns erhalten", sagt Kreiter.
Europaweit das Geschäft weggebrochen
Ein "sehr schlechtes Geschäftsjahr" hatte 2020 auch das junge Unternehmen Kruu aus Bad Friedrichshall, wie Philipp Schreiber aus dem dreiköpfigen Geschäftsführungs-Team erzählt. In guten Zeiten verschickt Kruu bis zu 1000 Fotoboxen zu Veranstaltern in ganz Europa.
"Vor allem bei Hochzeiten sind wir sehr gefragt", sagt Schreiber. Doch die Feiern fallen seit Corona überwiegend aus. Nur im Sommer sei es kurzzeitig wieder gut gelaufen.
Zwischenzeitlich in Schockstarre verfallen
Jetzt befinde sich das Unternehmen wieder in Warteposition. Schreiber: "Wenn das hier vorbei ist, dann erwarten wir das Geschäftsjahr unseres Lebens, weil viele Feiern natürlich nachgeholt werden."
Nach einer "Schockstarre" im vergangenen Frühjahr habe man die Zeit genutzt, die Produkte zu verbessern, Software und Marketing zu optimieren. Entsprechend stellt das fünf Jahre alte Startup auch ein - obwohl die Mitarbeiter momentan noch in Kurzarbeit sind.
Man sollte die Krise als Chance betrachten

Diginights und Kruu sind Beispiele dafür, wie junge Unternehmen in dieser Krise überraschend große Widerstandsfähigkeit zeigen, erklärt Oliver Hanisch, Geschäftsführer des Gründungszentrums Campus Founders in Heilbronn.
"Es profitieren insbesondere Unternehmen mit digitalen Geschäftsmodellen und Startups, die die Krise als Chance betrachten und ihre Geschäftsmodelle an die veränderten Bedingungen anpassen."
Hinzu kommt eine bewusstere Wahrnehmung unseres gesellschaftlichen Umfeldes. Im Trend seien beispielsweise sogenannte "Impact Startups, die auch gesellschaftliche Themen wie Nachhaltigkeit und soziale Verträglichkeit mit wirtschaftlichem Erfolg verknüpfen", sagt Hanisch.
Der richtige Riecher, und doch kein Selbstläufer
Ein Beispiel dafür ist das erst im Mai 2020 gegründete Startup Frisches Zeug. Mit einer neuen Internet-Plattform will es Verbraucher mit Hofläden und Erzeugern aus der Landwirtschaft vernetzen, Austausch ermöglichen.
Ein Selbstläufer ist es aber auch in solchen Fällen nicht. "Wir tun uns schwer, mit den Landwirten in Kontakt zu kommen", erzählt Gregor Friedrich-Baasner, einer der Geschäftsführer von Frisches Zeug. Auch die Grüne Woche habe gefehlt, um die Idee einer breiten Öffentlichkeit vorzustellen.
"Aber der Trend zu mehr Regionalität wurde durch Corona natürlich noch verstärkt." Die zwei Gründer aus Würzburg und München haben sich nun den Campus Founders angeschlossen, um von dem wachsenden Netzwerk zu profitieren.
Expansionspläne wurden ausgebremst
Schon seit zehn Jahren im Geschäft mit nachhaltigen Lebensmitteln ist das Heilbronner Unternehmen Fresh Five mit seinem Bio-Jogurt-Eis Kiss-Yo. "Mit Suppen oder Fertiggerichten könnten wir vom Lockdown sogar profitieren, das gelingt uns mit dem Eis eher nicht", sagt Geschäftsführer Lutz Haufe.
Das potenzielle Wachstum sei etwas gehemmt, Expansionspläne in Österreich wurden ausgebremst. "Von daher war 2020 ein verlorenes Jahr, aber wir können froh sein, dass wir mit dem Lebensmitteleinzelhandel zusammenarbeiten und nicht mit der Gastronomie und Eisdielen - die hat es wirklich getroffen", sagt der 51-Jährige. Seine 15 Mitarbeiter waren und sind teilweise in Kurzarbeit. Jetzt hofft Haufe aufs Frühjahr.
Bloß kein weiterer Lockdown nach der Öffnung
Das tut auch Heiko Kreiter von Diginights. Doch wichtig ist ihm auch, dass es nach einer Lockerung dann auch wirklich losgeht. "Das Hochfahren kostet Geld. Das Schlimmste wäre, wenn dann sofort der nächste Lockdown folgt."
Sneakers im Homeoffice weniger gefragt
Eine Verlagerung der Interessen hat Eugen Falkenstein mit seinem Unternehmen Everysize erlebt. In der Vergangenheit war das Preisvergleichsportal für Schuhe aus Heilbronn vor allem bei Sneakers stark gefragt. "Die sind im Homeoffice nun nicht wirklich lebensnotwendig", sagt Falkenstein. Doch da die Menschen teilweise mehr Sport machten, brauchen sie nun eher Laufschuhe und ähnliches. "Uns kam zugute, dass wir rechtzeitig vor Corona unser System für Suchmaschinen optimiert haben. Deshalb geht es uns mit der Corona-Krise gut, aber nicht wegen Corona", sagt der 40-Jährige.
Gegen den Strich denken, aber lieber nicht quer
Einen negativen Effekt hatte die Krise dennoch. Falkenstein hatte bislang eine Art Holding, eine Firma, unter deren Dach er neue Geschäftsideen ausprobierte, bis sie reif für den Markt waren. Falkenstein hatte sie 2018 Querminded genannt, als der Begriff querdenken noch nicht politisch aufgeladen war. Das hat sich durch die Corona-Leugner geändert. "Spätestens als der Postbote mich aber schräg angeschaut hat und fragte, was das eigentlich für eine Firma ist, war das Thema durch." Jetzt heißt sie Mind63.

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