Jetzt ist bei Audi auch Leidensfähigkeit gefragt
Nach dem Corona-Stillstand ist das Audi-Werk Neckarsulm wieder problemlos angelaufen. Doch die Erfahrungen der vergangenen Wochen zeigen: Ohne den persönlichen Austausch fehlt etwas.

In Wechselschichten arbeitet Mario Palasti normalerweise in der Vormontage der A6- und A7-Hinterachse. Nach dem Produktionsstopp ist es für den Audianer allerdings noch nicht wieder so richtig losgegangen.
Eine Woche war er im Einsatz, jetzt folgte eine zweiwöchige Pause. Trotzdem ist er optimistisch: "Wir sind stabil aufgestellt. Ich bin überzeugt, dass wir das überstehen", sagt der 46-Jährige aus Mosbach.
Große Leistungs- und Leidensfähigkeit der Belegschaft
Diese positive Grundstimmung erlebt auch der Neckarsulmer Betriebsratschef Rolf Klotz. "Es ist ein Merkmal unserer Belegschaft in Neckarsulm, dass sie sich wie in keinem anderen Werk im Konzern mit dem Unternehmen, der Marke und dem Standort identifiziert." Es gebe hier eine große Leistungs-, aber auch eine Leidensfähigkeit. Die sei nun wohl auch gefragt. "Wir stellen uns auf schwierige Jahre ein", sagt Klotz.
Dessen ist sich Philipp Hohnerlein bewusst. Der Industriemeister arbeitet seit 15 Jahren bei Audi. "Ich mache mir schon über die Zukunft Gedanken, auch wenn mich jetzt keine Existenzängste plagen", sagt der 37-Jährige. In Deutschland befinde man sich, was die Absicherung angeht, in einer sehr guten Position. Deshalb sei der Ansatz jetzt eher: "Wir kriegen das hin. Wir schauen, dass der Laden wieder läuft." Bleibe nur zu hoffen, dass die Bestellungen bald wieder anziehen.
Hohnerlein hat in der Qualitätssicherung auch während des Produktionsstopps durchgearbeitet und die Vorbereitungen für den Wiederanlauf live erlebt. In den Diskussionen in den Pausenräumen und auf dem Werksgelände habe er eine Veränderung bemerkt. Während es vor dem Produktionsstopp noch Gegner und Befürworter strenger Corona-Maßnahmen gegeben habe, seien diese zwei Gruppen für ihn nun nicht mehr erkennbar.
Der morgendliche Handschlag war bisher eine Art Zeremonie
Den Wiederanlauf hat der Betriebsratschef persönlich verfolgt. "Ich war an dem Montagmorgen in aller Frühe da, weil ich auch Bedenken hatte, dass manche sich schwertun." Der morgendliche Handschlag sei bisher schließlich eine Art Zeremonie gewesen. Doch nur an den Drehkreuzen hätten die Kollegen zu Stoßzeiten anfangs die Abstandsvorgaben missachtet. "Wir haben sie noch einmal sensibilisiert", sagt Klotz. Inzwischen sei das kein Problem mehr.
Dieser Text stammt aus der Beilage Wirtschaftsstimme, die am Dienstag, 19. Mai, in der Heilbronner Stimme/Hohenloher Zeitung/Kraichgau Stimme erscheint. Diesmal stehen die Themen ganz im Zeichen der Corona-Krise und ihrer Auswirkungen auf die Wirtschaft in der Region.
Dass er bei der Arbeit nun ganztägig einen Mund-Nase-Schutz tragen muss, ist für Mario Palasti ein akzeptables Übel. "Es kommt schon vor, dass man mal vergisst, die Maske wieder hochzuziehen, wenn man abseits von den Kollegen kurz Luft geholt hat", räumt er ein. Doch insgesamt hielten sich die Kollegen sehr diszipliniert an die Vorgaben. Von einigen seien auch Vorschläge gekommen. "In den Pausenräumen sitzen die Kollegen jetzt ja durch Kartons getrennt voneinander am Tisch. Da kam schon der Wunsch, dass man hier Plexiglas oder ähnliches verwendet, damit man sich wenigstens sehen kann", erzählt Palasti.
Unklarheit, ob Betriebsversammlung stattfinden kann
Solche Verbesserungsvorschläge werden bei Audi in Neckarsulm und Ingolstadt oder bei VW in Wolfsburg in den Krisenstäben besprochen und teils zügig umgesetzt. Der Informationsfluss auf den digitalen Kanälen funktioniert. Was dem Betriebsrat Sorgen bereitet, ist der fehlende Austausch auf persönlicher Ebene. Für den 2. Juli sei eine Betriebsversammlung geplant gewesen.
Auf welchem Weg die jetzt stattfindet, wird derzeit ausgelotet. Von einer komplett digitalen Variante sind die Verantwortlichen wenig begeistert. "Wir möchten ja auch sehen, wie die Kollegen reagieren, ihre Mimik und Gesten", sagt Pascal Romeiss, Referent des Betriebsrats. Die Betriebsversammlung regelkonform in kleineren Gruppen abzuhalten, sei allerdings ein riesiger Aufwand.
Insgesamt sei die Betriebsratsarbeit nicht einfacher geworden. "Ich muss ja immer auch einschätzen können, wie mein Gegenüber emotional drauf ist", sagt Rolf Klotz. Und das sei umgekehrt auch so. Gerade für die vier neuen Vorstandsmitglieder von Audi sei es daher sehr unglücklich, dass sie derzeit keine Tuchfühlung mit der Belegschaft aufnehmen können.
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