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Intelligenz macht auch beim Ventilator den Unterschied

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Vor sieben Jahren wurde EBM-Papst mit dem Deutschen Nachhaltigkeitspreis ausgezeichnet. Inzwischen geht das Unternehmen neue Wege bei der Suche nach Einspar- und Optimierungsmöglichkeiten. Im Interview erläutert Vorstandschef Stefan Brandl, wie die Krise hier zusätzlich als Beschleuniger wirkt.

Ein Mitarbeiter in Hollenbach verpackt einen großen Ventilator. Über Sensoren können die Motoren überwacht und damit intelligent gesteuert werden.
EBM-Papst
Ein Mitarbeiter in Hollenbach verpackt einen großen Ventilator. Über Sensoren können die Motoren überwacht und damit intelligent gesteuert werden. EBM-Papst  Foto: privat

EBM-Papst hat in der Corona-Krise vieles richtig gemacht und damit das Interesse von Medien weltweit geweckt. Von so viel Publicity könnten Sie doch langfristig profitieren?

Stefan Brandl: Erst einmal waren auch wir überrascht, als der US-Sender CNBC ein Live-Interview angefragt und das "Wall Street Journal" uns auf die Titelseite gehoben hat. Das war nicht zuletzt ein Erfolg unseres gut vernetzten Kommunikationschefs Hauke Hannig. Unser Anspruch ist aber nicht, von Publicity zu profitieren. Wir hatten einfach das Glück, durch die frühen Einblicke in China und geschicktes Management in der Krise besser als andere dazustehen. Da ging es vor allem darum, unsere Mitarbeiter zu schützen und alles am Laufen zu halten. Dass wir das geschafft haben, darauf sind wir sehr stolz, weniger auf das Echo in den Medien.

 

Hygienemaßnahmen und eigene Corona-Schnelltests sind heute bei vielen Firmen Standard. Was hat die Krise sonst noch bei Ihnen ausgelöst?

Brandl: Drei Phasen haben wir durchlaufen. In der ersten, wie eben erwähnt, ging es um Sicherheit, Liquiditätssicherung und Aufrechterhaltung des Betriebs. Dann folgte etwas, was ich mit Housekeeping oder Aufräumen überschreiben würde. Wir wollten alte Zöpfe abschneiden. Auch im Portfolio wurden Produkte aussortiert, die beispielsweise nicht nachhaltig, nicht sparsam genug waren. Zudem haben wir die Strukturen im Haus angeschaut und uns da etwas schlanker gemacht. Phase drei ist dann die Überprüfung der Strategien. Wir wollen unsere Ziele mit einer deutlich gesteigerten Dynamik erreichen. Da sind wir mittendrin.

 

Klimaschutz und Sparsamkeit spielen bei Ihnen eine große Rolle. Motoren können aber doch kaum noch effizienter werden...

Brandl: Unser Gründer war hier sehr visionär. Gerhard Sturm hat mit der Umstellung von AC- auf EC-Motoren den entscheidenden Schritt getan. Das hat uns viele Jahre Wachstum beschert. Mittlerweile sind aber auch Wettbewerber auf einem Niveau, wo die Unterschiede nicht mehr so groß sind. Wir müssen unsere Alleinstellungsmerkmale also ausbauen. Deshalb müssen wir unsere Produkte intelligent und smart machen. Wir statten sie mit Sensoren aus. Auf Greentech, auf das wir uns vor knapp zwölf Jahren eingeschworen haben, haben wir Green Intelligence folgen lassen und damit die Digitalisierung mit unseren Nachhaltigkeitsbestrebungen verknüpft.

 


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Durch intelligente Steuerung können also spürbare Einsparungen erreicht werden?

Brandl: Ja, es geht im ersten Schritt aber noch nicht primär um Einsparungen, sondern eher um einen erhöhten Funktionsumfang.

 

Wie muss ich mir das vorstellen?

Brandl: Unser Ventilator kann Informationen über ein Bus-System in die Cloud melden. Mit diesen Daten kann der Kunde dann den Betriebszustand optimieren oder auch beispielsweise eine Unwucht bemerken und dadurch einen Ausfall des Bauteils und somit vielleicht der gesamten Anlage verhindern. Das kann dann am Ende auch Geld sparen.

 

Muss der Kunde das selbst programmieren?

Brandl: Er kann eigene Algorithmen einsetzen. Aber natürlich nutzen erst einmal wir die Daten, um etwa das Verhältnis von Luftleistung und Energieeffizienz zu optimieren oder den bevorstehenden Ausfall vorherzusagen. Da ist aber noch viel mehr möglich.

 

Welche Rolle spielt bei solchen Überlegungen die Tochtergesellschaft Neo, die sie vergangenes Jahr in Dortmund gegründet haben?

Brandl: Dort versuchen wir, Möglichkeiten auszuloten, die abseits von Ventilatoren und unserem normalen Denken in Mulfingen vorstellbar sind. Ein Beispiel: In einem Gebäude erfassen wir die Umgebungsparameter, etwa CO2-Gehalt, Temperatur und so weiter. Über ein Building-Management-System weiß man, wann welcher Raum genutzt werden soll. So kann Luftqualität zielgerichtet verbessert sowie effizient gekühlt oder geheizt werden. Natürlich kann so auch das Licht gesteuert werden. Das wäre ein Komplettpaket inklusive Software, das wir anbieten möchten.

 

Zur Person

Der gebürtige Kitzinger Stefan Brandl (52) kam nach dem Elektrotechnik-Studium an der FH Schweinfurt 1991 als Regionalvertriebsleiter zu EBM. Nach Management-Stationen bei der EBM-Papst-Tochter in Landshut wurde er 2017 zum CEO der EBM-Papst-Gruppe in Mulfingen berufen. Brandl ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Dann könnten Sie auch die jetzt so gefürchteten Aerosole erfassen...

Brandl: Daran arbeiten wir in der Tat bereits mit Partnern. Wir wollen kleinste Mikroorganismen und Partikel messbar machen. Manches ist noch im Forschungsstadium. Unter dem Strich spielen damit drei Megatrends für uns eine entscheidende Rolle: erstens Energieeffizienz, zweitens Digitalisierung und drittens die Luftqualität.

 

Sie wollen mit Neo das Gründer-Biotop in Dortmund nutzen. Lässt sich Startup-Kultur so einfach verordnen?

Brandl: Da wird nichts verordnet. Die Kollegen sind fast alle neu dazugekommen. Wir haben uns bewusst für Dortmund entschieden, um Abstand vom Mutterhaus zu halten. Am TZDO, dem Technologiezentrum Dortmund, haben wir in angemieteten Räumen auch eine spezielle, offene, ja, crazy Atmosphäre geschaffen, die junge, kreative Leute anspricht.

 

Wie schnell erwarten Sie Ergebnisse?

Brandl: Wir haben einen ambitionierten Plan, wir wollen in fünf Jahren 100 Millionen Euro Umsatz machen in einem komplett neuen Umfeld. Aus vielen Ideen wurden bereits die ersten vier Geschäftsmodelle herausgefiltert. Wir sind da agil unterwegs. Nächstes Jahr wollen wir immerhin schon mehr als eine Million Euro umsetzen.

 

Künstliche Intelligenz soll dabei eine Rolle spielen?

Brandl: Natürlich. Wir hatten kürzlich Professor Wolfgang Wahlster für mehrere Workshops im Hause. Er zählt zu den Erfindern der Industrie 4.0. Er hat uns bescheinigt, dass wir uns schon auf einem hohen Niveau befinden. Im Produktionsbereich nutzen wir viel KI. Jetzt wollen wir solche lernenden Systeme auch für unsere Produkte einsetzen und so einen Mehrwert für unsere Kunden generieren.

 

Anlässlich der Preisverleihung zum Entrepreneur des Jahres hat EBM-Gründer Gerhard Sturm gesagt, er habe sich eher als Coach denn als Unternehmer gesehen. Wie sehen Sie sich?

Brandl: Ja, ich bin jetzt 30 Jahre im Unternehmen und habe erleben dürfen, wie Herr Sturm dieses Unternehmen visionär und mit viel Persönlichkeit geführt hat. Das war immer ein Leitbild für mich, aber ich möchte ihn nie kopieren. Das würde mir nicht gelingen. Ich sehe mich als Spielertrainer, der mit anfasst und mit angreift, der nah am Kunden ist. Ich möchte von der Vision bis in die Umsetzung dabei sein und so auch mein Team anzuspornen nach dem Motto: Wenn der läuft, dann laufen auch wir.

 

 

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