Stimme+
Waldenburg
Zur Merkliste Lesezeichen setzen

Tanker R. Stahl wieder auf Kurs gebracht

   | 
Lesezeit  4 Min
Erfolgreich kopiert!

Nach seinem Amtsantritt vor drei Jahren war R.-Stahl-Chef Mathias Hallmann nicht nur von der finanziellen Situation, die er vorfand, überrascht. Inzwischen hat er die AG in vielen Bereichen auf Effizienz getrimmt und spricht offen über die Defizite der Vergangenheit.

Finanzchef Jürgen Linhard (links) und Vorstandschef Mathias Hallmann vor dem Porträt des Firmengründers Rafael Stahl.
Fotos: Christian Gleichauf
Finanzchef Jürgen Linhard (links) und Vorstandschef Mathias Hallmann vor dem Porträt des Firmengründers Rafael Stahl. Fotos: Christian Gleichauf  Foto: Gleichauf, Christian

Weltmarktführer zu sein kann offenbar dazu verleiten, etwas sorglos zu werden. Der Explosionsschutzspezialist R. Stahl in Waldenburg hat diese Erfahrung hinter sich. In kürzester Zeit musste Vorstandschef Mathias Hallmann nach seinem Amtsantritt 2017 das Unternehmen auf Kurs bringen. Manches ließ sich ziemlich schnell umsetzen. Die Unternehmenskultur zu verändern und Aktionäre zu überzeugen, braucht allerdings Zeit.

Rückblick auf eine schwierige Zeit

Die Situation, die Martin Hallmann 2017 vorfand, hat ihn überrascht. Ein großer Teil des Umsatzes war nicht profitabel, es habe keine Prozessstandards und keine durchgängigen Kennzahlen gegeben, 21 ERP-Systeme liefen parallel und die Produktwelt war so komplex, dass selbst die eigenen Mitarbeiter Mühe hatten, den Überblick zu behalten. "Das war das Welcome-Package, das ich hier vorgefunden habe", sagt Hallmann.

4000 Produkte von heute auf morgen gesperrt

So lag der Tanker R. Stahl nahezu manövrierunfähig auf hoher See. "Die Produktkomplexität musste deutlich verringert werden. Nach genauer Analyse haben wir eines Tages rund 4000 Produkte, die seit langem nicht mehr nachgefragt worden waren, im System für den Vertrieb gesperrt. Die Mitarbeiter hatten über Nacht keinen Zugriff mehr. Und dann haben wir gewartet, was passiert." Passiert sei nichts. Tagelang. "Das zeigte uns, dass wir mit unserer Bewertung richtig lagen."

Umsteuern war nicht einfach. "Manche Gesellschaft im Unternehmen sah sich eher als unabhängige Insel denn als Teil eines Ganzen." In dieser Situation mussten im Februar 2018 rund 30 Banker vom Potenzial des Unternehmens überzeugt und Vertrauen musste zurückgewonnen werden, um die langfristige Finanzierung zu sichern. Hauptthema war der Abbau der Verschuldung.

Lean Management machte Millionen locker

Balanced Score Cards zeigen in der Produktion mithilfe von Kennzahlen, an welchen Stellen nachjustiert werden  muss und wo es gut läuft.
Balanced Score Cards zeigen in der Produktion mithilfe von Kennzahlen, an welchen Stellen nachjustiert werden muss und wo es gut läuft.  Foto: R, Stahl

Immerhin war es möglich, durch erste Optimierungen 20 Millionen Euro aus dem kurzfristig finanzierten "Working Capital" herauszunehmen. Das Zauberwort war Lean Management, wie es Toyota vor mehr als 50 Jahren vorgemacht hatte.

Mit Bernardo Kral kam ein Experte auf diesem Gebiet ins Unternehmen. Seitdem hängen an jeder Produktionseinheit eine Vielzahl von Schaubildern, Visualisierungen, Fotos, Kurven. Mithilfe von Balanced Scorecards wurde die Leistung im Unternehmen messbar gemacht, neue Ziele wurden kommuniziert.

Nicht alle Veränderungen wurden sofort begrüßt

Obwohl die Qualität der Stahl-Produkte nie das Problem war, sanken von nun an Fehlerquoten, ging der Ausschuss zurück, wurden Wege in der Produktion verkürzt. Das Kaizen-Prinzip der ständigen Verbesserung gehört heute zum Alltag.

Dabei sei die Bereitschaft zur Veränderung anfangs nicht sehr groß gewesen. Es habe einige Personalwechsel auf Managementebene gebraucht, um hier die Reihen zu schließen.

Inzwischen ist die Finanzierung langfristig gesichert

"Die damals kurzfristig möglichen Verbesserungen brachten uns die erforderliche Liquidität", erzählt Hallmann. Dadurch bekam die Firma bereits Mitte 2018 die Zusage der Banken, dass langfristige Kredite weitergeführt werden.

Trotzdem forderten die Institute ein Sanierungsgutachten, trotzdem bezahlte R. Stahl Zinsaufschläge. Ende 2019 konnte die Finanzierung mit einem Konsortialkreditvertrag zu dann wieder marktüblichen Konditionen auf neue Beine gestellt werden.

Unternehmenskultur verändert sich langsam

Dabei hatte es schon in der Vergangenheit mehrfach Programme zur Erhöhung der Profitabilität gegeben. Auch unter Hallmanns Vorgänger Martin Schomaker waren Sparrunden ausgerufen worden. Doch sie hatten nicht gegriffen. So hatte sich auch eine gewisse Gleichgültigkeit unter den Mitarbeitern breit gemacht. Hier wieder neue Perspektiven zu bieten, sei entscheidend gewesen. Eine Mitarbeiterbefragung habe dann bestätigt, dass die Mannschaft sich - trotz einiger Kritikpunkte - überwiegend mitgenommen fühlt. Unternehmenskultur lässt sich eben nicht verordnen.

Neuer Finanzchef sofort mit Corona konfrontiert

Elektronik in einem explosionsgeschützten Aluminiumgehäuse.
Elektronik in einem explosionsgeschützten Aluminiumgehäuse.  Foto: Gleichauf, Christian

Der neue Finanzchef Jürgen Linhard, der im Frühjahr nach Waldenburg kam, ist überzeugt, dass die Firma gut unterwegs ist. Vielversprechend war es im ersten Quartal

2020 losgegangen. Da erreichte der Auftragseingang mit 80 Millionen Euro einen Höchstwert für die vergangenen vier Jahre - "und die Aufträge hatten eine Qualität wie selten zuvor, waren hochprofitabel", betont Hallmann.

Doch die Pandemie und der mit ihr einhergehende Nachfrage- und Preisrückgang blieben für R. Stahl nicht ohne Folgen. Kunden aus der Ölbranche hielten sich fortan zurück. "Wenn der Ölpreis um zwei Drittel absackt und die verkaufte Menge um ein Drittel, dann blieben ihnen eben nur noch 22 Prozent der Einnahmen", sagt Hallmann. Immerhin, hier gibt es Entspannung. Es gab jedoch auch gegenläufige Entwicklungen. "Weil jetzt Zeit war, haben überraschend viele Unternehmen Wartungen vorgezogen und beispielsweise ihre explosionsgeschützten Leuchten erneuert", erzählt Hallmann. Andere Aufträge kamen wie aus dem Nichts. Doch die Unsicherheit bleibt. Unter dem Strich soll am Ende des Jahres ein Umsatzminus von maximal fünf Prozent stehen.

Am Ende soll R. Stahl besser dastehen als vor Corona

Hallmann und Linhard sind optimistisch, dass sie nach Corona auf der Gewinnerseite stehen. Es habe durch die Krise weitere Impulse gegeben, "ein paar Dinge richtig zu machen", wie Hallmann es formuliert.

Die Automatisierung werde zunehmen. Damit verbessern sich die Chancen, Produktion wieder nach Deutschland zurückzuholen. "Wo eine Maschine das Blech zuschneidet und schweißt, ist schließlich egal." Derzeit finden bei Stahl immerhin noch 60 Prozent der Wertschöpfung in Waldenburg statt.

Aktienkurs bei knapp über 19 Euro

Die Rückkehr in die gesunde Profitabilität braucht nun noch ein wenig mehr Zeit, was auch Investoren an der Börse nicht verborgen blieb. Der Aktienkurs, der sich 2019 kräftig erholt hatte, bewegt sich nach dem Ab und Auf in der Corona-Krise langsam nach unten Richtung 19 Euro - vielleicht ein Grund, warum das Führungsduo nun auch öffentlich so klare Worte findet.

 

Woher das Know-how kommt

R. Stahl liefert elektrische und elektronische Schaltgeräte, Leuchten, Kameras, Bediengeräte und Systeme für den industriellen Einsatz in explosionsgefährdeten Bereichen. Diese Produkte lassen sich auch dort jederzeit sicher betreiben, wo explosionsfähige Luft-Brennstoff-Gemische vorliegen und etwa Funkenbildung in einem herkömmlichen Schalter eine Explosion auslösen würde. Um diese Schutzwirkung zu erreichen, werden Bauteile durch massive und druckfeste Gehäuse gekapselt. Entzündet ein Funke ein Gasgemisch im Inneren des Gehäuses, bleibt die Explosion innerhalb der Kapsel. Solche Lösungen werden unter anderem auf Bohrinseln und Großtankern oder auch an Tankstellen benötigt.

Die Firma R. Stahl wurde 1876 in Stuttgart gegründet und war zunächst vor allem als Hersteller von Aufzügen bekannt. 1944 siedelte die Firma nach Künzelsau um. Für den sicheren Betrieb der eigenen Aufzüge in explosionsgefährdeten Bereichen wurden später auch explosionsgeschützte Komponenten hergestellt, woraus sich ein eigenes Geschäftsfeld entwickelte.

2006 verkaufte R. Stahl die Fördertechniksparte, konzentriert sich seitdem ausschließlich auf den Explosionsschutz und gehört auf diesem Gebiet zu den drei führenden Unternehmen weltweit. Die Firma beschäftigt heute knapp 1700 Mitarbeiter. Der Umsatz lag 2019 bei 275 Millionen Euro.

 

 
Kommentare öffnen
Nach oben  Nach oben