In der Krise die Kontrolle behalten
Wer überlebt, wer geht? Die Evolutionstheorie spielt derzeit auch in der Wirtschaft eine nicht zu unterschätzende Rolle. Erkenntnisse aus dem Strategie- und Controlling-Kongress, der erstmals online stattfand.

Ungewohnt war die Situation für die Teilnehmer ebenso wie für die Referenten. Nicht der persönliche Kontakt stand im Vordergrund des diesjährigen Strategie- und Controlling-Kongresses, nicht das Netzwerken, sondern das Thema: Wie gelingt eine erfolgreiche Unternehmenssteuerung in einem immer volatileren Umfeld. Risikomanagement, Talentförderung, Planung - es kommt jetzt auf viele Faktoren an.
"Wir haben im letzten Jahr noch etwas abstrakt darüber geredet, dass die Welt doch sehr viel flüchtiger, komplexer und unvorhersehbarer wird", erinnert sich Organisator Ralf Dillerup. Jetzt sei diese "VUCA-Welt" Realität geworden. VUCA wie volatil, unsicher, komplex und mehrdeutig (ambigous). "Die Frage ist: Wie gehen wir damit um?"
Plötzlich ist sie da, die volatile Welt
Er selbst bietet zum Einstieg theoretischen Hintergrund. In zunehmend komplizierten Systemen, die sich dann auch noch schnell verändern, muss man demnach immer schneller reagieren. Und weil es in dieser Krise bald auch ums Überleben geht, kommt schon hier Charles Darwin ins Spiel: "Systeme, die sich nicht entwickeln, die gehen mit der Zeit." Doch vorhersagen lasse sich dieser Selektionsprozess kaum.
Völlig beherrschen lasse sich die Situation jedenfalls nicht, sagt Dillerup. Die Welt befinde sich insofern teilweise im Chaos - in einem Grenzbereich zwischen Ordnung und Unordnung. Da gibt es zwar immer wieder stabile Bereiche, doch Veränderungen am System können unvorhersehbare Wirkungen zeigen. "Wie funktioniert nun Unternehmenssteuerung in solchen hochdynamischen Kontexten?", fragt Dillerup. Jedenfalls nicht mit klassischen Ansätzen, lautet seine Antwort. Für langwierige Analysen bleibe keine Zeit. "Aus einem Chaos muss man so schnell wie möglich heraus, egal wie."
Sobald man sich dann wieder in einem halbwegs beherrschbaren Bereich bewege, seien agile Methoden der richtige Ansatz: "Wir müssen Dinge ausprobieren, experimentieren, und dann sehen, wie die Umwelt reagiert."
Bald den ersten Schritt machen
Deutlich wird bei dieser Veranstaltung natürlich auch, dass traditionelle Werte auch jetzt von Vorteil sein können. Wer zum Beispiel in der Vergangenheit gut gewirtschaftet und sich einen finanziellen Puffer geschaffen hat, dem bleibt mehr Zeit zu reagieren. Und natürlich ist nicht jede Handlung, nicht jede Umstrukturierung und jedes Experiment in der Krise ratsam. Doch wer sich beispielsweise aufmachen möchte in Richtung Digitalisierung, der sollte baldmöglichst damit anfangen, rät etwa Stephan Biallas, Unternehmensberater bei Ernst & Young in Hamburg.
Die Mitarbeiter machen in einem volatilen, dynamischen Umfeld häufig den Unterschied, erklärt Manuel Pflumm vom Beratungsunternehmen Talentturbine in Stuttgart. Also gelte es, die Talente der Mitarbeiter zu entwickeln. Die Frage nach dem Warum, die Sinn-Frage, spiele dabei vor allem für hochqualifizierte Mitarbeiter eine entscheidende Rolle. Auch er unterstreicht die Grundregel von Darwin: "Überleben werden die Anpassungsfähigsten."
Krisenmanagement unter neuen Bedingungen
Seit mehr als 30 Jahren beschäftigt sich Bernd Wanke bereits mit Krisenmanagement. Für ihn steht fest: "Es ist egal, wodurch eine Umsatzkrise ausgelöst wurde." Deshalb könne man auch mit den bekannten Methoden darauf reagieren. Der wichtigste Punkt, der in einner akuten Umsatzkrise geprüft werden muss, stehe ganz am Anfang: das Geschäftsmodell. "Wenn das nicht funktioniert, brauche ich gar nicht weitermachen." Und um dieses Geschäftsmodell am Leben zu erhalten, sei immer wieder eine Revitalisierung möglich. "Man darf nur den Zeitpunkt nicht verpassen", mahnt Wanke, der geprägt ist vom Würth-Konzern, in dem er 50 Jahre seines Berufslebens verbrachte.
Wie schnell solche Ansätze helfen können? Wanke ist kein "Berufspessimist", wie er betont, doch eine kurzfristige Bewältigung der Corona-Krise sei kaum möglich. Keinesfalls dürfe sie aber als Ausrede herhalten für Probleme, die schon vorher bestanden. "Das wichtigste ist: Man muss schnell ins Handeln kommen." Nur so könne man wieder Herr der Lage werden.
Ausnahmejahr
Gemeinsam mit der IHK hatte Ralf Dillerup, Controlling-Professor an der Hochschule Heilbronn, die Runde organisiert - so wie die letzten 19 Male. Um den Teilnehmern einen ganzen Tag mit Vorträgen vor den Bildschirmen zu ersparen, fand die Veranstaltung in diesem Jahr in zwei Teilen statt. Das soll sich zum 20-Jährigen nächstes Jahr wieder ändern. Der Termin steht: Donnerstag, 24. Juni 2021, ab 8.30 Uhr im Haus der Wirtschaft in Heilbronn.

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