Vor der Tarifrunde 2022: IG Metall wieder zwischen den Stühlen
Wie hoch darf eine Lohnforderung sein, wenn jederzeit die Wirtschaft durch externe Faktoren abgewürgt werden kann?

Die IG Metall in Baden-Württemberg hat den Fahrplan für die nächste Tarifrunde in der Metall- und Elektroindustrie vorgestellt. Der baden-württembergische Bezirksleiter Roman Zitzelsberger versucht allerdings, sich angesichts der Risiken noch nicht zu früh festzulegen. Allerdings betonte er vor Journalisten in Stuttgart: "Die letzte Erhöhung der Monatsentgelte liegt jetzt auch schon vier Jahre zurück."
Zitzelsberger: "Wir brauchen Flexibilität"
Vor drei Jahren beschränkte sich der Tarifabschluss auf Sonder- und Einmalzahlungen. Dann kam das Virus, die IG Metall nahm Rücksicht auf die gesamtwirtschaftliche Lage und konzentrierte sich auf das Thema Transformation. Nun sitzt sie wieder zwischen den Stühlen. Die Beschäftigten haben angesichts der Inflation hohe Erwartungen, was monatliche Entgelterhöhungen angeht, so Zitzelsberger.
Doch die Risiken durch Lieferengpässe, Krieg und Corona-Pandemie sind kaum abzuschätzen. Jederzeit kann ein Gaslieferstopp alles ausbremsen. "Wir brauchen Flexibilität, um gegebenenfalls in die eine oder andere Richtung nachsteuern zu können", erklärte Zitzelsberger.
Tarifpartner können Inflation nicht verhindern
Erste Zahlen zu möglichen Forderungen sollen demnächst beim Treffen der Großen Tarifkommissionen auf den Tisch kommen. Auch bei der IG Metall gebe es vereinzelt Stimmen, die ein zweistelliges Lohnplus fordern. Dass Zitzelsberger diese nicht unterstützt, ließ er durchblicken.
Allerdings erklärte er auch, dass es nicht Aufgabe der Tarifpolitik sein könne, die Inflation im Zaum zu halten. Das sei auch gar nicht möglich: Der Lohn- und Gehaltsanteil in vielen Betrieben liege "signifikant unter 20 Prozent". Die Auswirkungen von Tarifsteigerungen sind somit nicht mehr so groß wie in den 70er Jahren. Eine Lohn-Preis-Spirale werde es nicht geben, allenfalls eine Preis-Lohn-Spirale.
Noch überwiegt die Zuversicht
Bei vielen Umfragen - so auch beim aktuellen Stimmungsbarometer der IG Metall - zeigt sich, dass die derzeitige Lage in der Industrie alles andere als trostlos ist. Die Mehrzahl der Unternehmen will einstellen. Die Aussichten fürs nächste halbe Jahr bewerten 77 Prozent der befragten Betriebsräte sehr gut, gut oder normal.
Allerdings sehen auch 73 Prozent Auswirkungen durch den Krieg in der Ukraine. 90 Prozent sind von steigenden Energiekosten betroffen. 85 Prozent leiden unter Lieferschwierigkeiten. Ob und wann sich das in ausbleibenden oder stornierten Aufträgen niederschlagen wird, ist offen.
Erfolg bei Betriebsratswahlen
Bestätigt sieht sich Zitzelsberger durch die guten Ergebnisse der IG Metall bei den derzeit laufenden Betriebsratswahlen. Dabei sei besonders erfreulich, dass die IG Metall auch in Unternehmen punkten konnte, wo sie bisher kaum oder gar nicht vertreten war - zum Beispiel beim Ventilatorenhersteller EBM-Papst in Mulfingen oder dem Schraubenkonzern Würth in Künzelsau.
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