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Warum die digitale Verwaltung nicht vorankommt – Erklärung von Professor aus Heilbronn

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Bürger nutzen digitale Verwaltungsdienste und stehen dem Einsatz von KI in Behörden offen gegenüber. Doch oftmals hinkt der Staat bei der Digitalisierung der Wirtschaft hinterher —und das wirkt sich aufs Vertrauen in staatliche Stellen aus.

Der Heilbronner Professor Helmut Krcmar arbeitet am E-Government-Monitor mit.
Der Heilbronner Professor Helmut Krcmar arbeitet am E-Government-Monitor mit.

Jedes Jahr geben die TU München (TUM) und die Digitalinitiative D21 den E-Government-Monitor heraus. Die Studie zeigt, wie digitale Verwaltungsdienste genutzt werden und wie gut oder schlecht die Bevölkerung damit klar kommt. "Ich will gar nicht nur Trübsal blasen", fasst TUM-Gründungsdekan Helmut Krcmar die Ergebnisse zusammen. "Es scheitert jedenfalls nicht daran, dass die Bürger nicht wollen."

Denn unterm Strich hat Krcmar, der die Studie mit umgesetzt hat, viel Positives zu berichten. Fast drei Viertel der Bürger sehen einen Mehrwert, wenn Verwaltungen ihre Dienste digital anbieten. 65 Prozent bevorzugen es, Dinge online zu erledigen, sobald dieser Weg angeboten wird. Die Online-Funktion des Personalausweises verwenden allmählich mehr Menschen. 14 Prozent waren es diesmal, während es im Vorjahr noch 10 Prozent waren. Ein sprunghafter Anstieg, wenn auch auf niedrigem Niveau.

Staat hinkt Wirtschaft hinterher: Mehr Zusammenarbeit für Digitalisierung nötig

Besonders die jungen Generationen nutzen die Funktion häufig. Das liege auch daran, dass die Energiekostenpauschale für Studierende nur digital beantragt werden konnte, erklärt Krcmar. "Das zeigt, dass Nutzungen die Sache vorantreiben." Der Experte plädiert dafür, dass so etwas öfter geschieht – einzelne, wichtige Leistungen digitalisieren und dadurch "zeigen, was geht". "Digital first" sei das Motto.

In anderen Bereichen sieht es dagegen mau aus. Noch immer könne man den Online-Ausweis kaum nutzen, beklagt Krcmar. Zwar gebe es genug Anwendungsfälle in der Wirtschaft, etwa wenn es darum geht, sich für ein Bankkonto oder eine Sim-Karte zu identifizieren. Der Staat hinke der Wirtschaft dabei hinterher. "Da braucht es mehr Zusammenarbeit."

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Nutzungszahlen beim Online-Elterngeldantrag sind "katastrophal"

Natürlich findet Krcmar viele Befunde "katastrophal", etwa, dass nur zwei Drittel das Elterngeld digital beantragen. "Das ist eine Leistung, die Eltern zusteht." Das Auto an- oder abmelden sowie Ummelden beim Umzug sind weitere Beispiele für Leistungen, die kaum online genutzt werden, obwohl sie häufig vorkommen. Auf diese müsse man sich fokussieren und den Prozess einfacher und bekannter machen. "Ich würde nicht empfehlen, den Rentenantrag digital zu machen."

Die Gründe, warum Menschen auf Online-Dienste verzichten, sind weitestgehend gleich geblieben. Die Hälfte der Befragten sieht es als eine Gewohnheit, aufs Amt zu gehen, bevorzugt persönliche Ansprechpartner oder hat Angst vor Fehlern. Letztlich sei der persönliche Kontakt auch eine Dienstleistung, sagt Krcmar.

Bürger stehen KI in Behörden aufgeschlossen gegenüber – unter Bedingungen

Hervorheben möchte Krcmar, dass die Bürger den Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) in Behörden keinesfalls ablehnen. Es gebe aber noch viel Unsicherheit, was die Technik bringt. So gehen viele davon aus, dass Bearbeitungszeiten eher kürzer werden und weniger Fehler passieren.


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Gleichzeitig fordern die Befragten, dass erklärt wird, wo genau KI eingesetzt wird, dass die Software unabhängig überprüft wird, man dem Einsatz von KI widersprechen können muss und die wichtigsten Entscheidungen weiter von Menschen getroffen werden. Die Politik sei in der Pflicht, für den Nutzen von KI zu werben, sagt Krcmar. "Dann wird das ins Positive umschlagen."

Keine Nebensache: Lahmende Digitalisierung beschädigt Vertrauen in den Staat

Die Digitalisierung anzugehen, ist keine Nebensache, stellt Helmut Krcmar klar. Das geht ebenfalls aus dem Bericht hervor: Zwischen der Digitalisierung der Verwaltung und dem Vertrauen der Bürger in den Staat besteht ein direkter Zusammenhang. Nur 35 Prozent geben an, Vertrauen in den Staat zu haben, ein neuer Tiefstwert. "Das hat uns schon ziemlich erschrocken."

Der Unmut über die Unfähigkeit des Staates bei der Digitalisierung beschädige zunehmend das generelle Vertrauen, dass der deutsche Staat funktioniert. Es werde einfach erwartet, dass die Verwaltung digital funktioniert. "Die Bürger wollen das. Es wird Zeit, dass ihr loslauft", lautet Krcmars Appell. Inzwischen sei eine neue Generation in der Politik und Verwaltungen angekommen. "Deshalb bin ich verhalten optimistisch, dass sich etwas bewegt."

 

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