Handel fordert Abkehr von Corona-Sonderregeln
Egal ob Discounter oder größerer Supermarkt: Kritik an der im Südwesten noch immer besonders vorsichtigen Gangart in der Corona-Krise wird lauter. Selbst zwischen Landkreisen gibt es teilweise unterschiedliche Interpretationen.

Die Corona-Krise kostet den Handel weiterhin viel Geld. Die Umsatzrückgänge liegen nach Angaben des Handelsverbands Baden-Württemberg in der dritten Woche nach vollständiger Öffnung bei 20 bis 40 Prozent. Gleichzeitig sind hohe Investitionen für Hygiene- und Schutzmaßnahmen notwendig. Hier fordern auch namhafte Handelsvertreter ein Ende des Flickenteppichs, was Verordnungen und Vorgaben angeht.
"Wir wären glücklich, wenn wir einheitliche Regelungen zumindest in Deutschland bekämen", sagt Lidl-Deutschlandchef Matthias Oppitz. Dabei bezieht er sich vor allem auf die Vorgabe, dass in Baden-Württemberg pro Kunde 20 Quadratmeter Ladenfläche gefordert sind. Wird der Wert unterschritten, muss weiteren Kunden der Zutritt verwehrt werden. In den meisten Bundesländern liegt dieser Wert bei zehn Quadratmeter pro Person.
Ampel oder Displays regeln den Einlass
Lidl testet dazu derzeit in Neckarsulm und weiteren Märkten eine Ampel, die bei Unterschreiten der Quadratmeter-Grenze auf Rot springen kann. Sie sollen aber nur in stark frequentierten Märkten zum Einsatz kommen. Ein ähnliches System hat beispielsweise auch Edeka-Ueltzhöfer in seinen fünf Märkten in Stadt und Landkreis Heilbronn. Jedes dieser Systeme kostet einen vierstelligen Betrag.
"Insgesamt haben wir schon mehrere Zehntausend Euro für die Schutzmaßnahmen ausgegeben", erklärt Ludwig Schmid, der bei Ueltzhöfer für Administration und Personal verantwortlich ist. "Und dass ich einmal damit beschäftigt bin, Passierscheine für Mitarbeiter auszustellen, das hätte ich bis vor einigen Monaten auch nicht gedacht."
Angst vor einem Sommer mit Maske
Auch die Maskenpflicht für Mitarbeiter entpuppt sich als Herausforderung. "Das ist eine wahnsinnige Belastung. Mit der Zeit werden die Masken feucht, mehrmals am Tag muss man sie wechseln", erzählt Beate Plötz, stellvertretende Leiterin des Edeka-Markts an der Heilbronner Charlottenstraße. "Wir haben wirklich Bedenken, wie das im Sommer wird." Eine Alternative wären sogenannte Face-Shields, doch die sind noch nicht als Ersatzmaßnahme zugelassen.

Zumindest hinter dem erweiterten Spuckschutz dürfen die Edeka-Kassiererinnen den Mund-Nase-Schutz ablegen. Die Einhaltung der Vorgaben prüft unter anderem das kommunale Gewerbeaufsichtsamt. "Einzelne Kreise legen die Regeln sehr streng aus, andere weniger streng, das kann doch nicht sein", klagt die Hauptgeschäftsführerin des Handelsverbands Baden-Württemberg, Sabine Hagmann.
Gebremst durch Abstimmungsbedarf zwischen Ministerien
Friedlinde Gurr-Hirsch (CDU), Staatssekretärin im Verbraucherschutzministerium, räumt ein, dass man auch in der Landesregierung mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten unterwegs ist. "Das Wirtschaftsministerium wäre gern schneller, das Sozialministerium ist vorsichtig." Bei vielen Themen müssen sie auf einen gemeinsamen Nenner kommen. Das koste Zeit.
Der Schutz der Mitarbeiter liegt dabei auch den Verantwortlichen am Herzen. "Es ist uns aber kein einziger Fall bekannt, wo sich ein Mitarbeiter auch tatsächlich im Verkauf mit Corona infiziert hat", sagt Handelsverbands-Chefin Hagmann. "Und die Kranken-Quote ist so gering wie nie", ergänzt Ueltzhöfer-Personalchef Schmid.
Kunden machen mit und zeigen Verständnis
Offenbar gibt es nur wenige Kunden, die sich in den Geschäften nicht an die Vorgaben halten. "Uns ist nur ein einziger Fall bekannt, wo es wegen der Corona-Regeln zu einer Auseinandersetzung kam", erzählt Lidl-Deutschlandchef Oppitz. Dann sei die Polizei gerufen worden. Auch wenn Sicherheitsdienste im Einsatz seien, haben die Händler nicht die ordnungspolitische Aufgabe, die Regeln durchzusetzen.
Fast durchweg hätten die Menschen aber viel Verständnis, erzählt Daniel Capriuoli, der stellvertretende Leiter des Lidl-Markts in Untergruppenbach. "Die Kunden sind untereinander sehr streng." Sie wiesen einander darauf hin, wenn Abstandsregeln oder das Maskengebot missachtet würden. Die Mitarbeiter erlebten zudem eine besondere Wertschätzung. "Wir haben Pralinen und Blumen bekommen. Das hat uns extrem gefreut."

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