Fühlen sich die Unternehmen überrollt von der Digitalisierung?
Der neue Fortschrittsbarometer hält fest: Zu wenige Unternehmen sind vorbereitet auf das, was jetzt kommt, warnen TUM-Forscher. Wie damit umzugehen ist, darüber haben regionale Unternehmensführer auf dem Bildungscampus diskutiert.

Eine Strategie zu haben, wie man mit Digitalisierung umgehen will, qualifiziert ein Unternehmen im Jahr 2023 noch immer, als "Vorreiter" zu gelten. So zumindest hat es das Forscherteam der TU München in ihrem ersten Fortschrittsbarometer definiert. "Nachzügler" sind jene, die diese Strategie nicht haben. Davon gibt es viele: 62 Prozent der Mittelständler in der Region. Es könnte für sie bald schon zum großen Nachteil werden: "Die Digitalisierung kommt jetzt unglaublich schnell und ist unausweichlich", sagt Christoph Geier, Digitalisierungsexperte der TUM Heilbronn, bei der Vorstellung des ersten Fortschrittbarometers.
Erkenntnisse des TUM-Fortschrittsbarometer: Partnerschaften helfen
Bei der anschließenden Diskussionsrunde zeigt sich, dass die Vorreiter in allen Bereichen zu finden sind. Beim großen Maschinenbauer Schunk aus Lauffen ebenso wie beim kleineren Arbeitskleidungs-Händler Eskon aus Neckarsulm oder bei der Stadt Heilbronn.
Ein wichtiger Punkt für Schunk-CTO Timo Gessmann ist die Begeisterung, mit der man an das Thema herangeht. "Das macht es auch einfacher, Partnerschaften zu schließen" - auch das ein wichtiger Punkt bei dem Thema.
Für Eskon-Chef Elvis Seretinek war es vor sechs, sieben Jahren allerdings nicht nur "der Spaß an der Freud", sondern eine Notwendigkeit, Prozesse zu digitalisieren. "Das war wettbewerbsgetrieben." Jetzt sei es trotzdem eine Freude, wenn Kunden zufrieden sind und mancher mühsame Arbeitsschritt von früher heute automatisiert erledigt wird.
Als Beispiel nennt er die Information an den Kunden, dass Ware zur Abholung bereitliegt. Die Software hat er überwiegend maßgeschneidert für das Unternehmen schreiben lassen. Damit umschifft er auch Probleme wie die DSGVO, die Datenschutzgrundverordnung, die sofort zum Problem wird, sobald Kundendaten beispielsweise auf US-Servern gespeichert werden.
Stadt Heilbronn stemmt sich gegen Vorurteile
Jens Ewald treibt bei der Stadt Heilbronn das Thema Transformation voran. Dort gebe es auch eine Innvationsstrategie, aber wichtiger sei, was die Mitarbeiter antreibt. "An Umsatz und Ertrag kann man den Erfolg bei uns nicht messen", sagt Ewald.
Ohnehin sei noch vieles in der "Reallabor"-Phase. Doch er freut sich, dass schon jetzt aus so vielen Bereichen Impulse kommen - vom Theater- bis zum Naturwissenschaftler würden sich Mitarbeiter einbringen - ganz im Gegensatz zu manchem Vorurteil, nach dem man in einer öffentlichen Verwaltung vor allem Beharrungskräfte erwartet.

Krcmar: Freude an Digitalisierung ist auch Freude an der Leistung
Eine Erklärung dafür hat Helmut Krcmar, der Gründungsdekan der TUM Heilbronn: "Die Freude an der Leistung dürfen wir hier nicht vergessen." Wenn funktioniert, was man tut, dann werde es beim nächsten Mal schon leichter. "Der Muskel muss trainiert werden."
Es bleibt die Erkenntnis, dass zu viele Unternehmen mit diesem Training noch nicht begonnen haben. Der Begriff "Digitale Transformation" sei leider etwas unglücklich, das weiß auch Christoph Geier. "Er hört sich so gewaltig an." Vor allem kleinere Unternehmen - immerhin die Hälfte der befragten Mittelständler macht unter 2 Millionen Euro Umsatz - könnten sich davon abgeschreckt fühlen. Dabei gebe es für die Digitalisierung in der Regel viele kleinere Ansatzpunkte.
Weckruf für die Unternehmen
Jene, die das Thema bereits angegangen sind, erwarten sich immerhin kurzfristig, dass sie mit der Digitalisierung Kosten reduzieren können. In Zukunft aber soll vor allem der Umsatz gesteigert werden. Beim Thema Künstliche Intelligenz sind noch 98 Prozent der Mittelständler in der Zuschauerrolle. Die Ergebnisse will das Forscherteam um Jens Förderer deshalb auch als Weckruf für die Unternehmen verstanden wissen.





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