Nach Lockdown-Blues ist Parfüm wieder in
Die Aussichten für den Faltschachtelhersteller Westrock sind mittlerweile wieder sehr gut. Während der ersten Pandemie-Zeit gab es allerdings eine Durstrecke für Kosmetikverpackungen.

Es wird eingestellt bei Westrock: Drucker, Maschinenführer, Elektriker und mehr. Es läuft wieder bei der ehemaligen Cartondruck. Der Name ist natürlich Geschichte. Das Geschäft der Obersulmer dagegen hat sich wenig verändert. Zu 95 Prozent produzieren sie hochwertige Faltschachteln für die Kosmetikindustrie. Ausgerechnet dieses Geschäft mit Parfüm und Make-up litt besonders stark unter den Corona-Lockdowns, und so waren auch keine Verpackungen mehr gefragt. Doch der Rückschlag ist überwunden.
Kein Duty-free, keine Kosmetik als Mitbringsel
Im Frühjahr 2020 sah es erst einmal schlecht aus. Die Menschen gingen nicht mehr ins Büro, besuchten keine Veranstaltungen mehr, benötigten folglich weniger Lippenstift und Make-up.
Zudem wurde nicht mehr gereist und damit auch nichts mehr im Duty-free-Shop gekauft. "Nur das Geschäft mit Haarkolorationen legte zu, weil man nicht mehr zum Friseur konnte", erzählt Standort-Geschäftsführer Steffen Schnizer. Unter dem Strich stand ein dickes Minus.
Die Abhängigkeit von der Kosmetikbranche sei dennoch kein Problem, sagt Schnizer. "Wir könnten jederzeit auch andere Märkte bedienen." Doch das erscheint ihm angesichts der weiterhin exzellenten Wachstumsaussichten der Kosmetikunternehmen wenig sinnvoll. Was in zehn Jahren sei, möchte er nicht prognostizieren. Doch momentan gebe es keinen Grund, an der Zukunftsfähigkeit des Standorts zu zweifeln.
Von jeder Schachtel kann ein digitaler Fingerabdruck genommen werden
Das Westrock-Werk in Obersulm macht aus einfachen Kartonbögen fast alles außer Allerweltsschachteln. Werksleiter Götz Schümann zeigt, wie mit der Digitaldruckmaschine individuelle Faltschachteln hergestellt werden können.
Zum klassischen Geschäft gehört hier zudem, Reliefs oder Strukturen zu prägen, glänzende Buchstaben in Gold oder Silber aufzubringen. Metallic-Effekte werden mit Sonderfarben oder mit Folien erzielt. "Zudem nehmen wir von jeder Schachtel den individuellen Fingerabdruck auf, so dass wir auch gefälschte Verpackungen als solche identifizieren können", erklärt Schümann.
Trend zur Nachhaltigkeit eröffnet neue Chancen
L'Oreal & Co. haben in der Regel die höchsten Ansprüche, was Veredelungstechniken angeht. Einschränkungen im Portfolio gibt es trotzdem. Für Festkartonagen, die aus einem harten Boden oder Deckel bestehen, gibt es im Westrock-Konzern andere Spezialisten. "Das Innenleben, das bisher oft aus Kunststoff bestand, können wir inzwischen auch aus Karton herstellen", sagt Schnizer. Damit profitiert das Unternehmen vom Trend weg vom Plastik, leistet auch einen Beitrag zur Nachhaltigkeit von Verpackungen.
Trotz aller Bemühungen um möglichst umweltfreundliche Techniken: Recyclingkartonage spielt hier keine Rolle. "Wir beziehen unser Material aus nachhaltiger Forstwirtschaft", sagt Schnizer. Westrock habe dafür sogar eigene Wälder und Papierfabriken. Aber die mineralölhaltigen Druckfarben, die andernorts teilweise noch verwendet werden und im Altpapier landen, dürften nicht in Kontakt mit Lebensmitteln oder pharmazeutischen Produkten kommen, für die hier ebenfalls Faltschachteln hergestellt werden. Wichtig: Auch die glänzenden Kartons können übers Altpapier recycelt werden.
Gerade jetzt wird wieder an Innovationen gearbeitet
Das Veredelungs-Knowhow, das seit 1969 in Obersulm erarbeitet wurde, ist gefragt im Konzern. Steffen Schnizer ist nicht nur für den Standort verantwortlich, sondern hat die globale Vertriebsverantwortung für die Kosmetik-Sparte bei Westrock.
Vieles ist im Umbruch, seitdem der Kunststoff in Verruf gekommen ist - eine Chance für innovative Kartonhersteller. "Wir werden hier bald schon Neuigkeiten präsentieren", verspricht Schnizer. So wie vor einigen Jahren, als die ersten Adventskalender produziert wurden, in denen nicht nur Schokoladenfiguren zu finden waren. Heute gehören sie zum Standard in jedem Weihnachtsgeschäft.
Firmenhistorie
Peter Schnizer gründete Cartondruck 1969. Um die Jahrtausendwende wurden in den USA und in Polen neue Werke eröffnet. Die Söhne Marc und Steffen Schnizer übernahmen 2004 das Unternehmen. Um im internationalen Wettbewerb zu bestehen, gingen die Obersulmer 2011 mit Multi Packaging Solutions (MPS) zusammen. 2018 kaufte der börsennotierte Westrock-Konzern MPS und Marc Schnizer verließ das Unternehmen. Westrock machte im Geschäftsjahr 2020/21 einen Umsatz von 16 Milliarden Euro. Transparente Geschäftszahlen für die einzelnen Standorte werden nicht veröffentlich. In Obersulm sind rund 400 Mitarbeiter beschäftigt.


Stimme.de
Kommentare