Würth-Chef Friedmann: "Es boomt nicht nur der Bau"
Zweistelliges Umsatzwachstum, Gewinnsprung auf eine halbe Milliarde: Würth-Chef Robert Friedmann zu einem außergewöhnlichen Halbjahr und die Sicherheit, die ein Reinhold Würth auch unter besonderen Rahmenbedingungen gibt.

Von historischen Zahlen im ersten Halbjahr 2021 spricht Robert Friedmann, der Sprecher der Würth-Konzernführung, im Interview mit unserer Zeitung. Überall geht es nach den Schreckmomenten im vergangenen Jahr steil nach oben - und das trotz Engpässen in der Lieferkette und ständigen Preiserhöhungen. Der Schraubenhändler aus Künzelsau zeigt sich von vielem unbeeindruckt.
Herr Friedmann, die Preise steigen. Überall werden Artikel inzwischen in kurzen Abständen neu ausgezeichnet. Wie viel teurer sind Würth-Produkte in diesem Jahr geworden?
Robert Friedmann: Rohstoffe machen teils täglich Preissprünge - dazu die Lieferengpässe und die Verteuerung der Frachtpreise. Das führt dazu, dass auch wir in diesem Jahr je nach Produkt um 5 bis 20 Prozent teurer werden mussten. Ähnlich verrückte Situationen gab es zuletzt wohl in den 1960er Jahren. Es ist jedenfalls eine große Herausforderung.
Aber Sie sind lieferfähig?
Friedmann: Überwiegend ja, und offenbar stehen wir im Vergleich sehr gut da. Aber es gibt Produkte wie zum Beispiel ein einfaches Stromkabel, das ist momentan schwer lieferbar. Da ist ein Weichmacher drin - ein Vorprodukt der Kerosinproduktion - der coronabedingt derzeit besonders schwer zu bekommen ist. Solche Beispiele gibt es viele. Und weil die Kunden teilweise Sorge haben, rechtzeitig genügend Material zu bekommen, wird die Situation durch Hamstereffekte verschärft. Deshalb befinden wir uns in einem sogenannten Lagerzyklus. Wenn die Nachfrage wieder abnimmt, könnte dies irgendwann auch in sinkenden Umsätzen und sogar in sinkenden Preisen resultieren. Momentan haben wir aber stark inflationäre Tendenzen.
Welche konkreten Effekte hat das für Ihr Unternehmen?
Friedmann: Es geht jetzt zum Beispiel darum, mit sehr viel Bedacht einzukaufen. Wenn wir zu viel Ware zu teuer einkaufen, dann bekommen wir ein Problem. Aber grundsätzlich muss man sagen, dass wir derzeit in vielen Bereichen eine überraschend schnelle Erholung erleben.
Wie liefen denn die Umsätze in den ersten Monaten des Jahres?
Friedmann: Wir hatten sehr starke Monate. Im März plus 23 Prozent, im April plus 48 Prozent, im Mai 26 Prozent. Im Juni liegen wir ebenfalls über 20 Prozent, und das sind wie üblich um Arbeitstage, Währungen und Akquisitionen bereinigte Werte. Man muss allerdings dazusagen, dass wir im April 2020 einen Umsatzrückgang von 21 Prozent hatten. Es gibt einen gewissen Basiseffekt, der im zweiten Halbjahr dann auch in die entgegengesetzte Richtung wirkt. Aber ein Halbjahr mit über 20 Prozent Wachstum, das sind historische Zahlen.
Bei 48 Prozent Wachstum dürfte es aber an mancher Stelle knirschen im Unternehmen...
Friedmann: Natürlich, schauen Sie mal in die Logistik. Wenn man so viel mehr Ware durch ein Unternehmen bringen muss als in einem normalen Jahr, ist das schon eine Herausforderung.
Sie rechnen also auch mit einem Rekordumsatz in diesem Jahr?
Friedmann: Ja, wir erwarten einen Umsatz von rund 16 Milliarden Euro. Aber es gibt auch Risiken, vor allem die mögliche vierte Welle.
Der Gewinn ist ja sogar um 85 Prozent auf über eine halbe Milliarde Euro im Halbjahr gewachsen?
Friedmann: Wir haben durch wegfallende Messen und die fehlenden Reisen signifikant geringere Kosten bei dem höheren Umsatz, das führt zu einer deutlichen Gewinnsteigerung. Und das, obwohl wir den gerade beschriebenen Druck auf den Materialpreisen haben.
Welche Gründe gibt es noch für diese außergewöhnliche Entwicklung?
Friedmann: Reinhold Würth war es immer wichtig, nie abhängig zu sein von einzelnen Branchen, von Regionen oder Kunden. Das spielt uns derzeit in die Karten. Überraschend stark ist beispielsweise unsere Würth Elektronik eiSos mit über 30 Prozent Wachstum im ersten Halbjahr - und das trotz des Chipmangels. Der Elektrogroßhandel liegt organisch bei 26 Prozent Plus. Das hatten wir noch nie. Es boomt nicht nur der Bau. Über unsere Multi-Kanal-Strategie sind wir auch nicht mehr nur von einem Vertriebskanal abhängig.
Zeigt Würth an der einen oder anderen Stelle auch Schwächen?
Friedmann: Bis auf den Handel, der lockdownbedingt unter dem Vorjahr liegt, ist es ein sehr homogenes Wachstum. Unter dem Strich geht es in Deutschland um 16 Prozent, in Westeuropa um 27, in Südeuropa um 35 Prozent nach oben. Die schwächste Region ist Skandinavien mit plus zehn Prozent.
Worauf führen Sie zurück, dass sie wieder schneller wachsen als die Wettbewerber?
Friedmann: Die Nachfrage ist ja erst einmal implodiert. Jetzt beschäftigt uns zwar Corona länger als gedacht. Aber dass die Nachfrage so schnell und mit dieser Intensität zurückkommt, damit hat kaum jemand gerechnet. Wir haben frühzeitig gesehen, dass ein kompletter Lockdown wie anfangs in Frankreich und Italien nicht über Monate gehen kann. Deshalb haben wir die Kapazitäten oben gehalten und auf eine V-förmige Entwicklung gehofft. Unser Außendienst war immer durchgängig erreichbar. Das haben die Kunden honoriert.
Sie wollten in diesem Jahr 2000 Außendienst-Mitarbeiter einstellen. Wie weit sind Sie da gekommen.
Friedmann: Ja, die 2.000 waren für den Vertrieb insgesamt vorgesehen. Davon haben wir bereits 1.300 neu besetzt. Bei den Verkäufern sind wir 500 über Vorjahr. Insgesamt haben wir nun mehr als 81.000 Mitarbeitende an Bord. Wir sind damit zugleich unter Plan, weil die Rekrutierung schwieriger ist als in normalen Zeiten.
Corona hat viele Veränderungen erzwungen. Wäre es gut, wenn der Druck zu Innovation und Digitalisierung noch ein wenig anhält?
Friedmann: Es ist gut, wenn wir nach der Pandemie wieder frei entscheiden können, was wir von diesen erzwungenen Neuerungen beibehalten wollen. Es gibt auch zu viele Gruppen und Branchen, die massiv gelitten haben. Die können Corona nichts Gutes abgewinnen. Aber bei uns hat es tatsächlich vieles beschleunigt und gezeigt, wo es noch klemmt. Teilweise hat es zu einer größeren Qualität geführt, vor allem in der Kommunikation und in der Digitalisierung. Wenn wir in ein paar Jahren zurückblicken, dann werden wir wahrscheinlich sagen, ohne Corona wären wir noch nicht so weit.
Was haben Sie schätzen gelernt?
Friedmann: Wir alle, glaube ich, den Wert der persönlichen Beziehung. Aber ich habe gelesen, dass in der Vergangenheit fünf Jahre nach jeder Pandemie alles wieder vergessen war, was man daraus lernen wollte. Ich würde mir wünschen, dass dieses Bewusstsein diesmal eine Weile länger anhält.
Was bemängeln Sie am bisherigen Umgang mit der Pandemie?
Friedmann: Man hätte bei der Impfkampagne von Anfang an mehr auf die Unternehmen setzen sollen, dann hätten wir eine höhere Durchdringung. Ich glaube, dass in Unternehmen die Bereitschaft, sich impfen zu lassen, höher ist als aus dem privaten Umfeld heraus. Insgesamt lief es dank der deutschen Politik in Deutschland aber nicht so schlecht. Man muss ja nur mal links und rechts schauen. Vor allem das Instrument der Kurzarbeit brachte Flexibilität. Das war wichtig.
Wie viel Kurzarbeit nutzen Sie noch?
Friedmann: Fast nichts im Vergleich zum Höchststand im Konzern von 20.000 im April 2020. Es sind noch einige Hundert, was zeigt, dass es noch Unternehmensbereiche gibt, die durch Corona belastet sind.
Reinhold Würth ist im vergangenen Jahr 85 Jahre alt geworden. Wie hilfreich ist es, jemanden wie ihn im Rücken zu haben? Ist es hilfreich?
Friedmann: Er ist jemand, der eine Berufserfahrung von 72 Jahren hat. Und auch wenn er selbst sagt, dass er so etwas noch nie erlebt hat, so waren seine langfristige Orientierung und sein Verantwortungsgefühl für Unternehmen und Mitarbeiter ein enormer Stabilisator in dieser Zeit. Es ist auch für mich schön, keinen Private-Equity-Eigentümer zu haben, der durchdreht, wenn ihm der kurzfristige Gewinn durch die Lappen zu gehen droht.
Wie hat Reinhold Würth reagiert?
Friedmann: Man kann von Reinhold Würth jeden Tag etwas lernen, denn er ist Unternehmer durch und durch. Wir wissen beispielsweise aus der Krise 2008/2009, dass Firmen vor allem durch die fehlende Liquidität in Schieflage gerieten. Also hat er vor einem Jahr angeschoben, eine Anleihe in Höhe von 750 Millionen Euro zu begeben. Jetzt haben wir zwar Negativzinsen und müssen für das Geld Strafzinsen bezahlen...
Zur Person
Robert Friedmann, der in wenigen Tagen 55 Jahre alt wird, wuchs in Lindau am Bodensee auf, lernte erst einmal Industriekaufmann und setzte anschließend über den 2. Bildungsweg ein FH-Studium drauf. In den USA machte er in Bloomington, Indiana, den MBA und wurde anschließend bei Würth Assistent von Rolf Bauer, stellvertretender Sprecher der Konzernführung. 1997 schickte ihn Reinhold Würth zum Tochterunternehmen Hahn+Kolb in Stuttgart, bevor er ihn 2004 in die Konzernführung berief und ein Jahr später zum Sprecher der Konzernführung machte.
...und wie viel macht das aus?
Friedmann: Es ist schon ein einstelliger Millionen-Betrag. Aber was ich sagen wollte: Betriebswirtschaftlich geht es jetzt vielleicht nicht auf, aber taktisch und für das Wohlbefinden aller war es genau die richtige Entscheidung. Wir konnten in all den Monaten voller Unsicherheit besser schlafen als manch andere. Das ist viel wert. Es hat uns das Durchhaltevermögen gesichert. Wir mussten strukturell keine Kapazitäten abbauen.
Sie haben in den USA studiert und noch immer einen Blick auf das Land. Spüren Sie, dass sich mit dem Wandel nach Trump auch das Geschäft wieder verändert?
Friedmann: Das geht auf jeden Fall alles in die richtige Richtung. Das spüren auch unsere Kollegen drüben. Es wird wieder Politik gemacht, es geht um Beziehungspflege und Koexistenz und nicht um egozentrisches Verhalten eines Einzelnen.
Und wo bleibt Europa im Kampf der Großmächte USA und China?
Friedmann: Wir werden nicht als Deutschland überleben, sondern nur als Europa. Da halte ich es mit Reinhold Würth. Das ist die einzige Antwort, die wir geben können, wenn wir zwischen den zwei großen Blöcken nicht zerrieben werden wollen.
Sie selbst sind jetzt 29 Jahre im Unternehmen tätig. Was wollen Sie noch erreichen?
Friedmann: Ich wünsche mir, dass wir das dynamische Wachstum der vergangenen Jahre in die Zukunft fortsetzen können. Die nächste Schwelle, die wir überschreiten wollen, liegt bei 20 Milliarden Euro Umsatz. Unser Unternehmen hat noch immer einen so geringen Marktanteil, dass dieses Wachstum möglich ist.
Das heißt, Sie machen noch eine ganze Weile weiter?
Friedmann: Diese Frage müssen Sie jemand anderem stellen. Solange ich morgens noch aufwache und Spaß und Energie mein Antrieb für den Tag sind, muss ich noch nicht darüber nachdenken, ob ich nicht lieber Rosen züchte.
Rekord-Halbjahr
Die Würth-Gruppe verzeichnete im ersten Halbjahr 2021 einen Umsatz von 8,4 Milliarden Euro. Dies entspricht einem Plus von 20,9 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, währungsbereinigt sind es sogar 22,6 Prozent. Der Gewinn stieg um 85 Prozent auf 520 Millionen Euro. Aufs Jahr rechnet der Weltmarktführer aus Künzelsau mit einem Umsatz von mindestens 16 Milliarden Euro.
Würth-Konzernchef Robert Friedmann ordnete den bisherigen Geschäftsverlauf im Interview mit der „Heilbronner Stimme“ so ein: „Ein Halbjahr mit über 20 Prozent Wachstum, das sind historische Zahlen.“ Vier Monate in Folge habe das Umsatzwachstum jetzt gegenüber dem Vorjahr über 20 Prozent gelegen, im April sogar gut 46 Prozent über dem Vorjahresmonat.
Lieferengpässe und Preissteigerungen stellen auch den Handelskonzern vor Probleme „Das führt dazu, dass auch wir in diesem Jahr je nach Produkt um 5 bis 20 Prozent teurer werden mussten“, erklärte Friedmann. Die Mitarbeiterzahl hat sich im ersten Halbjahr um 2626 auf 81 765 erhöht. Die Würth-Gruppe in Deutschland erwirtschaftete einen Umsatz von 3,4 Milliarden Euro. Hier sind 24 971 Mitarbeiter beschäftigt.


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