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Eine neue Denke zieht ins Tauber Valley

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Gunther Wobser nutzte eine Lernreise ins Silicon Valley, um sein Unternehmen und seine Heimat im Taubertal fit für den Wandel zu machen. Im Bahnhof von Lauda-Königshofen soll die neue Kultur einen festen Platz finden.

Der Bahnhof von Lauda-Königshofen stammt aus dem 19. Jahrhundert. Hier soll ein Innovationszentrum entstehen, das die Weichen fürs 21. Jahrhundert stellt.
Foto: privat
Der Bahnhof von Lauda-Königshofen stammt aus dem 19. Jahrhundert. Hier soll ein Innovationszentrum entstehen, das die Weichen fürs 21. Jahrhundert stellt. Foto: privat  Foto: Goebel, Dieter

Heilbronn jubelte, als das Land vor wenigen Wochen drei von sechs eingereichten Projekten aus Heilbronn-Franken mit mehr als 20 Millionen Euro Fördergeld bedachte. 60 Kilometer entfernt im Taubertal spürte Gunther Wobser so etwas wie Nadelstiche. Dass sein Projekt "Brainstation" nicht berücksichtigt wird, war zu erwarten. Doch dass dies in Heilbronn niemanden zu interessieren schien, schmerzte. Abhängen lassen will er sich nicht - seine Firma nicht, und auch nicht das Taubertal.

Großer Bahnhof für Gründer und Kinder

Das Taubertal hat mit dem Silicon Valley erstmal nicht viel gemein, das weiß Gunther Wobser. Er will das ändern und kauft dazu den altehrwürdigen Bahnhof von Lauda-Königshofen. Ein Hotel und eine Gastronomie sollen darin unterkommen, und eben auch die "Brainstation", wo eine Gründerkultur für junge Firmen geschaffen werden soll. In der "Traumfabrik" daneben sollen Kinder lernen, ihre Ideen umzusetzen - ein Maker Space, wie ihn zum Beispiel auch die Experimenta in Heilbronn bietet.

Gunther Wobser hat als Chef des Temperierspezialisten Lauda ein Jahr im Silicon Valley verbracht. Foto: Christian Gleichauf
Gunther Wobser hat als Chef des Temperierspezialisten Lauda ein Jahr im Silicon Valley verbracht. Foto: Christian Gleichauf  Foto: Gleichauf, Christian

Wobser hat es geschafft, bundesweit ins Gespräch zu kommen. Vielleicht noch nicht mit dem Brainstation-Projekt, obwohl das auch Aufmerksamkeit auf sich zieht. Aber vor allem mit seinem Buch "Neu erfinden: Was der Mittelstand vom Silicon Valley lernen kann", das vor einem guten halben Jahr erschienen ist. Nun ist er - überwiegend virtuell - unterwegs als Redner, Impulsgeber, Berater. "Das Thema Innovation ist auf jeden Fall ein Türöffner", sagt Wobser.

Ein Jahr in den USA veränderte die Geisteshaltung

Was der Mittelstand vom Silicon Valley lernen kann, wollte der 50-Jährige vor vier Jahren selbst herausfinden. Der geschäftsführende Gesellschafter des Temperiergeräte- und -anlagenherstellers Lauda hatte sich 2017 gemeinsam mit seiner Ehefrau und seinem damals 14-Jährigen Sohn auf eine "Lernreise" nach Kalifornien gemacht.

Ein Jahr lang führte er sein Unternehmen aus dem Homeoffice dort, frühmorgens bis zur Mittagszeit, um anschließend in das weltweit einmalige Ökosystem des Valley einzutauchen. "Anfangs wusste ich noch nicht einmal, ob ich die Firma überhaupt verändern will", erzählt Wobser. Doch geträumt habe er immer schon von so einer Art Daniel-Düsentrieb-Werkstatt, einem Innovation Lab, wo alles Mögliche ausprobiert werden könnte. Denn sein Unternehmen Lauda, davon war Wobser in jedem Fall überzeugt, wird für die Zukunft neue Ansätze brauchen.


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Innovationsschub für Heilbronn


Eine eigene Tochterfirma soll die Innovationen vorantreiben

Heraus kam das Innovationslabor New Degree mit aktuell sechs Mitarbeitern, das neue Geschäftsideen entwickelt.

Die Zeichen stehen auf Ausbau, aktuell werden weitere Innovationsexperten gesucht. Dahinter steht die Idee der Ambidextrie, zu Deutsch Beidhändigkeit, die besagt, dass man einerseits das Bestehende im Unternehmen nutzen und verwerten muss - letztlich um Geld zu verdienen. Dann sollte man gleichzeitig aber auch Neues erkunden, um den Erfolg von Morgen zu sichern.

Ein Selbstläufer wurde der Ansatz nicht

Ob das bisher Erreichte als Erfolg oder Misserfolg bezeichnet werden sollte, hängt wohl vom Maßstab ab, den man anlegt. Rein ökonomisch war der Ausflug vor allem kostspielig - die Unterhaltung einer Dependance in der teuren Bay Area bei San Francisco entpuppte sich als Geldschlucker.

Die erfolgversprechendste dort entwickelte Geschäftsidee eines portablen Insulin-Kühlgeräts wurde zuletzt aufgegeben. "Es wurde klar, dass wir das Gerät nicht so günstig produzieren können wie wir es müssten, um für Diabetiker wirklich eine Alternative zu Kühlakkus und ähnlichen Hilfsmitteln zu sein", erzählt Wobser.

Monteur Frank Fischer an einer Heiz- und Kühlanlage, die Lauda ebenso produziert wie kleinere Temperiergeräte. Foto: Christian Gleichauf
Monteur Frank Fischer an einer Heiz- und Kühlanlage, die Lauda ebenso produziert wie kleinere Temperiergeräte. Foto: Christian Gleichauf  Foto: Gleichauf, Christian

Umso größer war der Erkenntnisgewinn. Eine neue Wendigkeit sollte Einzug halten in der Firma. Agiles Arbeiten ist ein Beispiel, obwohl der Begriff für Wobsers Geschmack zu häufig verwendet wird. Die damit verbundenen iterativen Methoden, wo Schritt für Schritt alles verbessert wird, versucht er trotzdem einzuführen, mit Design Thinking soll nach neuen Lösungen aus Kundensicht gesucht werden. Sein Innovationslabor ist jetzt in Deutschland angesiedelt.

Jetzt soll wieder Ruhe einkehren

"Es ist mühsam, die richtigen Menschen für solche Themen zu finden", so die Erfahrung des promovierten Diplom-Kaufmanns Wobser. "Immerhin sind wir inzwischen bei diesen Themen aber deutlich weiter als noch vor vier Jahren, als ich mich in die USA aufgemacht habe.

Nun gelte es zwar, wieder etwas Ruhe in die Firma zu bringen. "Aber wir haben jetzt eine Zukunftsstrategie, wie wir in den nächsten fünf Jahren agieren wollen." Allein damit sei sein Unternehmen weiter als viele andere, allein dafür habe es sich schon gelohnt. Die Erfahrungen mit den neuen Methoden werden zudem in ein neues Buch über agiles Innovationsmanagement einfließen, das im November erscheint.

Der disruptive Wandel kann jederzeit vor der Tür stehen

Von einem disruptiven Wandel, den die Autoindustrie erlebt, ist Wobsers Unternehmen bisher verschont geblieben. Dennoch ist er wachsam: "Hersteller neigen dazu, ihre Produkte immer besser und teurer zu machen. Dann bieten sie allerdings die offene Flanke für andere Anbieter, die deutlich günstiger und einfacher sind." Es gab auch in seiner Branche solche Versuche, vor allem aus China. Bisher habe das Unternehmen aber immer reagieren können.

Damit ist Lauda in seiner Nische ein Hidden Champion geblieben, ist führender Anbieter für Temperierlösungen etwa im OP-Saal, in der Chemie, der Pharmazie oder bei Testumgebungen für die neueste Batterietechnik. "In Klimakammern wird z. B. bei Batterien innerhalb kürzester Zeit der Alterungsprozess von Jahren simuliert", erklärt Wobser.

Seiner Heimat will er etwas zurückgeben

Mit Äußerungen zur Politik will sich Wobser zurückhalten. Dann sagt er doch: "Was die Schnelligkeit angeht, haben wir in Deutschland inzwischen eine sehr bedenkliche Situation." Da würde er sich gezieltere Maßnahmen wünschen, um dem Marktversagen entgegenzuwirken. Weil aus seiner Sicht so wenig passiert, hat er sich entschieden, selbst etwas an das ländlich geprägte Taubertal zurückzugeben - wenn auch die Pläne ohne das eigentlich dringend benötigte Fördergeld etwas angepasst werden müssen. Das Mindset, das so viele Innovationen im Silicon Valley ermöglicht hat, soll in der Brainstation in Lauda-Königshofen seinen Platz finden.

Das Projekt Brainstation

100.000 Euro jährlich gibt sein Unternehmen, die Lauda Dr. R. Wobser GmbH Co. KG, für den Betrieb der "Brainstation", fünf Jahre lang. Einen Betrag von mehr als fünf Millionen Euro wird Gunther Wobser privat einsetzen, um das denkmalgeschützte Bahnhofsgebäude dafür zu kaufen und umfassend zu renovieren. Das unterstützen Land und Stadt mit rund einer Million Euro. "Es sollte sich am Ende selbst tragen", lautet sein Anspruch. Wobser ist überzeugt, dass es koordinierende Institutionen braucht, um auch weitab von den Metropolen und Oberzentren Ökosysteme zu schaffen, die Innovationen fördern.

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