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Wie das Start-up Gropyus von Eppingen aus den Bau umkrempeln will

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Hinter der 50-Millionen-Euro-Investition in das Sägewerk Richen stecken Tech-Pioniere. Ihre Vision ist günstiges Bauen von Mietwohnungen - mit Automatisierung und serieller Fertigung. Aber das streben sie nicht zum ersten Mal an.

So sieht das erste Projekt von Gropyus aus: In Weißenthurm bei Koblenz wurde ein neunstöckiges Gebäude in serieller Holz-Hybrid-Bauweise mit 54 Wohnungen fertiggestellt und übergeben.
So sieht das erste Projekt von Gropyus aus: In Weißenthurm bei Koblenz wurde ein neunstöckiges Gebäude in serieller Holz-Hybrid-Bauweise mit 54 Wohnungen fertiggestellt und übergeben.  Foto: gropyus

Der erste, der mit seinem Namen und dem Projekt Gropyus an die Öffentlichkeit trat, war zwar Bernd Oswald. Doch die Gruppe, die nun 50 Millionen Euro in das ehemalige Brettschichtholzwerk in Richen investiert, umfasst noch weitaus illustrere Namen. Der Österreicher ist sogar der einzige, der zuvor in der Holzbranche tätig war, beim Konzern Mayr Melnhof und einem Architektur-Start-up in Vorarlberg.

Der Gründer gründete auch Delivery Hero

Gründer von Gropyus war jedoch jemand ganz anderes: Markus Fuhrmann, heute Unternehmenslenker, hat einst den Lieferdienst Delivery Hero mit aus der Taufe gehoben. Nach dem Börsengang verließ er das Unternehmen und nahm sich die nächste Branche nach dem Lebensmittel-Einzelhandel vor - den Bau. Seine Idee: günstige, leicht zu konfigurierende Häuser, gefertigt in industriellem Maßstab und hochautomatisiert. Mit Philipp Erler, einst Technikchef bei Zalando, gewann er einen wesentlichen Mitstreiter.

Zu den weiteren Akteuren zählen Michael Menz, zuvor Syndikus bei Zalando, und - bis zu seinem Ausscheiden - der Tech-Investor Florian Fritsch, der zuletzt als Aufsichtsratsvorsitzender fungierte. Zu den Aktionären zählen unter anderem die Vienna Insurance Group (VIG) und die schwedische Wallenberg-Gruppe. Kein Wunder, dass das Start-up Gropyus inzwischen auf 350 Millionen Euro taxiert wird.


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Foto: Andrey Popov/stock.adobe.com
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Weniger Raum für Extrawünsche

Die 50 Millionen Euro, um das Werk in Richen komplett umzukrempeln, waren da entsprechend schnell beisammen, berichtet Bernd Oswald. "Wir haben Investoren, die eine ähnliche Zielrichtung verfolgen", sagt er. "Wir sind ein Technologieunternehmen. Automatisierung beschreibt Gropyus besser als Holz." Dabei sei Dekarbonisierung einer der zentralen Trends, der mit dem Unternehmen bedient werden soll, ebenso die Nachfrage nach günstigen Mietwohnungen. Preisentwicklung und Energieeffizienz spielten dem Start-up in die Hände. Dass Systembau weniger auf Kundenwünsche eingehe als Fertighäuser, sei einkalkuliert. "Da fällt natürlich ein Teil der Projekte raus, aber für den Rest sind wir super positioniert."

"Wir können unser Modell global skalieren."

Und immerhin - das erste Gebäude steht bereits: Ende Mai wurde ein neunstöckiger Neubau bei Koblenz feierlich übergeben. Oswald denkt aber längst weiter: Gropyus will in Deutschland, Österreich und der Schweiz, in ganz Europa und weltweit aktiv werden. "Wir können unser Modell jederzeit global skalieren", sagt er selbstbewusst. Inzwischen seien Projekte mit einer Gesamtfläche von 100.000 Quadratmetern im Gespräch - wobei sich die Verhandlungen "in unterschiedlichen Stadien" befänden, wie der Österreicher einräumt. "Aber nach unserem Wissen gibt es niemanden, der so integriert arbeitet wie wir. Das macht uns einzigartig." Gropyus wolle vom Grundstückserwerb bis zum Gebäudeservice alle Dienstleistungen übernehmen.

Es werden mehr Softwareentwickler als Bauingenieure beschäftigt

Antrieb sei gewesen, sich strikt nach den Kundenwünschen auszurichten. "Wir haben erst einmal geschaut: Was wollen die Mieter überhaupt? Und was suchen Immobilienbestandshalter?", erklärt Oswald. Daher sei alles hochtechnisiert - von der Kommunikation zwischen Mieter und Vermieter über Wartung bis zum Betrieb. Entsprechend sei das 300 Mitarbeiter starke Team strukturiert. "Wir haben mehr Softwareentwickler als Bauingenieure", erzählt Oswald. Sechs Standorte hat das Unternehmen. Der größte befindet sich in Berlin, zudem bestehen Niederlassungen neben Richen in Liechtenstein, Deutschland und Österreich.

Dass der Marktstart in Deutschland war, ist für den Manager auch kein Zufall. "Hier unterliegt der Holzbau den schärfsten Vorschriften", erklärt er. "Was in Deutschland erlaubt ist, kann ich also in anderen Ländern jederzeit bauen."

Das Werk in Richen

Das Holzwerk am Ortsrand des Eppinger Stadtteils Richen wurde 1976 errichtet und gehörte zunächst zur Losberger-Gruppe, die damals noch in Heilbronn ansässig war. 1996 übernahm der Sägewerkkonzern Heggenstaller den Standort. Die österreichische Kaufmann AG erwarb 2002 das Werk von dem bayrischen Unternehmen. Kaufmann wurde schließlich 2008 vom österreichischen Holz-Riesen Mayr-Melnhof geschluckt. Der Standort Richen war bis zur Übernahme durch Gropyus stets auf Brettschichtholz, also zusammengeleimte Holzteile bis hin zu großformatigen Balken, spezialisiert.

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