Dünger, Stahl und grüner Strom warten auf den Wasserstoff
Die Fraunhofer-Gesellschaft hofft auf einen schnellen Einstieg in die neue Energiewirtschaft. Der Staat müsse aber noch den richtigen Rahmen schaffen, um mittelfristig eine rentable Produktion zu ermöglichen.

Die Wasserstoff-Wirtschaft in Deutschland muss zügig Fahrt aufnehmen, wenn die Klimaschutzziele erreicht werden sollen. Davon ist die Fraunhofer-Gesellschaft überzeugt, wie sie in einem Gespräch mit Journalisten betont. Dabei sind die Experten optimistisch, dass manche Entwicklung schon sehr weit gediehen ist. Von der Bundesregierung fordern sie trotzdem eine Korrektur bei Steuern, Umlagen und Abgaben.
Bisher noch kein nennenswerter Anteil
Zwei Millionen Tonnen Wasserstoff werden momentan in Deutschland pro Jahr verbraucht. Er stammt in erster Linie aus fossilen Quellen. "Würden wir ihn durch grünen Wasserstoff ersetzen, könnten wir damit zwei Prozent des CO2-Ausstoßes einsparen", erklärt Reimund Neugebauer, Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft in München.
Doch es gehe nicht nur darum. Sobald die entsprechende Infrastruktur aufgebaut ist, könnte grüner Wasserstoff natürlich in vielen Bereichen zum Einsatz kommen und auch dazu beitragen, überschüssigen Grünstrom zu speichern.
Deutschland kann als Hightech-Nation profitieren
"Viele Regionen der Welt bereiten sich darauf vor", sagt Neugebauer. Deutschland könne dabei eine entscheidende Rolle spielen. "Wir sind das Land der Ingenieure und des Anlagenbaus." Elektrolyseure müssten jetzt im großen Stil installiert werden.
Länder wie Marokko oder Saudi-Arabien kommen dafür infrage. Und auch in Deutschland müsste der jährliche Zubau schon bald im Gigawattbereich liegen, um die Klimaschutzziele zu erreichen, so Neugebauer.
Wasserstoffstrategie gibt die Richtung vor
Die Roadmap, die dazu notwendig ist, hat Fraunhofer bereits geliefert. Sie war die Basis für die Nationale Wasserstoffstrategie, die die Bundesregierung im vergangenen Juni vorgestellt hat. Mit ihr wurde die umweltfreundliche Produktion von Wasserstoff auch endlich von der EEG-Umlage befreit.
Deutschland sei auf einem guten Weg. Aber auch das sagt Mario Ragwitz, Leiter der Fraunhofer-Einrichtung für Energieinfrastrukturen und Geothermie IEG: "Dringend ist eine Reform der Steuern, Abgaben und Umlagen." Bis dahin sei ein wettbewerbsfähiger Preis kaum möglich.
So braucht es derzeit noch die Bereitschaft der Wasserstoffnutzer, einen Aufpreis für nachhaltig hergestelltes Gas zu bezahlen, wie Christopher Hebling, Bereichsleiter Wasserstofftechnologien am Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE in Freiburg, betont.
Verschwindend geringer Anteil ist grün
Obwohl so viel in Bewegung zu geraten scheint, steht die Entwicklung generell noch ganz am Anfang. Das illustrieren auch die Zahlen, die die Experten präsentieren. Derzeit werden nur 0,5 Prozent der jährlich 75 Millionen Tonnen Wasserstoff weltweit über Elektrolyse erzeugt - also aus Wasser, das mithilfe von Strom in seine Bestandteile Wasser- und Sauerstoff zerlegt wird. Dieser Anteil müsste gewaltig anwachsen, wenn eine neue, weltweite Wasserstoffwirtschaft entstehen soll.
Die Anwendungsgebiete sind dabei nicht auf reine Energiespeicherung beschränkt. 20 Millionen Tonnen CO2 könnten eingespart werden, würde das Eisenerz in deutschen Stahlwerken beispielsweise mit grünem Wasserstoff statt mit Koks "reduziert" werden.
Und auch die Düngemittelindustrie könnte mit grünem Wasserstoff einen Großteil ihrer Emissionen reduzieren. Derzeit benötigt sie rund ein Viertel des weltweit überwiegend klimaschädlich hergestellten Wasserstoffs.
Transport
Der Transport des Wasserstoffs könnte künftig zu einem Großteil über Pipelines erfolgen. In den Niederlanden würde bereits umgestellt, "Wir werden schnell eine Menge an Wasserstoff-Pipelines sehen", prognostiziert Fraunhofer-Experte Christopher Hebling. Die umstrittene Pipeline Nord Stream 2 sei nicht auf 100 Prozent Wasserstoff ausgelegt. Dort wie auch im Verteilnetz auf regionaler Ebene könnte ein gewisser Anteil an Wasserstoff mit eingespeist werden. Dazu laufen bereits Pilotprojekte, in der Region etwa in Öhringen.

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