Welche Ziele der neue Bürkert-Chef verfolgt
Georg Stawowy ist gut 100 Tage Geschäftsführer des Ventilherstellers aus Ingelfingen. Was die Internationalisierungsstrategie für Hohenlohe bedeutet und welche Pläne der 54-Jährige für die Zukunft hat.

Seit gut 100 Tagen ist Georg Stawowy neuer Geschäftsführer bei Bürkert in Ingelfingen. Mit vielen Nachbarn hat er schon Kontakt aufgenommen, im Unternehmen gibt er erste Impulse. Geographisch hat er ein neues Ziel für den Ventilhersteller ausgemacht: Indien.
Eine "sehr dynamische Zeit" habe er beim Kabelspezialisten Lapp in Stuttgart erlebt. Dann aber hat er, mit knapp über 50, doch die Lust verspürt, für einige Themen die Gesamtverantwortung als CEO zu übernehmen, wie er erzählt. "Bürkert war ein Volltreffer für mich." Ein großer Mittelständler, international aufgestellt, ein Marktführer, der nachhaltig denkt und handelt, mit Eigentümern, die extrem werteorientiert sind - "das passt auch kulturell", ist der 54-Jährige überzeugt.
Warum der neue Bürkert-Chef nicht alles ändern möchte
Das 3700-Mitarbeiter-Unternehmen will er nicht komplett neu aufstellen. Gerade was die prozessorientierte Organisation des Unternehmens angeht, findet er viele lobende Worte für seinen Vorgänger Heribert Rohrbeck. "Das hat er früh angestoßen und war damit weit vor der Welle."
In dieser Richtung hat Stawowy selbst noch einiges vor. Denn mit den klassischen Hierarchien könne man der wachsenden Komplexität nicht Herr werden.
Bürkert will weg vom Image des "Ventilherstellers"
Stawowy will sich auch von der Vorstellung lösen, Bürkert sei nur "Ventilhersteller". Das erste Produkt, das Christian Bürkert nach dem Krieg erfunden habe, sei schließlich ein Sensor gewesen, kein Ventil. "Er hat damals schon über Regelkreise nachgedacht", sagt Stawowy.
System- und Lösungsanbieter für Fluidik-Regelkreise - damit komme man der Sache wohl näher. Vorstöße in dieser Richtung hatte es allerdings schon häufiger gegeben.
Außergewöhnliches Jahr 2022 für Bürkert
Bürkert hat erfolgreiche Jahre hinter sich. Auf 723 Millionen Euro wurde der Umsatz 2022 gesteigert, ein Plus von 12,3 Prozent, und auch was den Gewinn angeht, war es ein neuer Rekord. Mehr sagt das Unternehmen nicht zum Ergebnis. "Das letzte Geschäftsjahr war - nicht nur bei uns - Resultat einer gewissen wirtschaftlichen Übertreibung", sagt Stawowy. Viele Unternehmen hätten mehr bestellt als sie benötigten.
Jetzt wirke der Peitschen- oder Bullwhip-Effekt in die andere Richtung. "Um zehn Prozent sind die Auftragseingänge bei den Maschinenbauern zurückgegangen, aber bei denen hinten in der Nahrungskette, also auch bei uns, ist der Rückgang deutlich größer." Im vierten Quartal erwartet er deshalb eine Delle. "Momentan liegen die Umsätze noch über dem Vorjahr."
Bekenntnis zur Region schon verinnerlicht
Stawowy ist gut aufgenommen worden in Hohenlohe, wie er findet. "Es war mir klar, dass es hier viele namhafte Unternehmen gibt, aber so viele?" Überrascht sei er auch von der guten Vernetzung untereinander. Zu ersten Gesprächen wurde er schon eingeladen. Und so hat er auch das Bekenntnis zur Region schon verinnerlicht.
Auch die größten Investitionen wird es demnächst in Hohenlohe geben. 17 Millionen Euro in Criesbach, wo in den nächsten Tagen der Spatenstich stattfindet. Insgesamt sind es in 2,5 Jahren mehr als 70 Millionen Euro, 60 Millionen davon in Criesbach, Öhringen und Gerabronn. "Das ist auch ein Signal an die Belegschaft." Mehr als 100 Stellen hat Bürkert in Deutschland ausgeschrieben. Das Wachstumspotenzial in Westeuropa sei weiterhin groß.
Besondere Verbindung nach Indien
Die Internationalisierung gehe dennoch weiter, betont Stawowy. "Umsatzanteile werden sich verschieben." In den USA sei schon viel investiert worden, in China wird im Oktober der neue Standort Taicang Port eröffnet. Zusätzlich will der Chef neue Chancen für Bürkert ausloten: "Indien ist unterschätzt", das hat er bei seinem früheren Arbeitgeber bemerkt.
Andreas Lapp, der auch indischer Honorarkonsul ist, hat Stawowys Blick auf dieses Land gelenkt. Dort möchte er Kontakt aufnehmen. Angesichts der Größe des Landes ist auch die kleinste Nische noch immer ein riesiger Markt.
Und sonst? Das Thema Nachhaltigkeit brennt Stawowy noch auf den Nägeln. Bürkert sei bei den eigenen Aktivitäten bereits CO2-neutral. Doch das sei über Investitionen in erneuerbare Energien und Kompensationen vergleichsweise einfach machbar. "Das meiste CO2 steckt aber in unseren Produkten." Deshalb sei es die große Aufgabe, dieses Thema "in den Griff zu bekommen". Auf Effizienz zu achten sei überdies auch eine wirtschaftliche Notwendigkeit, denn der Anteil der Materialkosten werde künftig überproportional steigen.
Zur Person

Georg Stawowy (54) stammt aus dem Rheinland, studierte in Aachen Maschinenbau, konzentrierte sich dann auf Organisationsentwicklung und Produktionsmanagement. "Ich habe eigentlich nie als klassischer Ingenieur gearbeitet", sagt er.
Nach Stationen bei Heidelberger Druck und zehn Jahren bei Freudenberg in Weinheim wechselte er 2013 als Vorstand zur Lapp-Gruppe in Stuttgart. Seit April ist er Chef bei Bürkert in Ingelfingen.
Stawowy ist verheiratet und hat drei Kinder.

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