Audi E-Tron GT: Die Geburt des elektrischen Gran Turismo
Die Vorserie läuft: Audi fertigt den neuen E-Tron GT in den Böllinger Höfen in einer Linie mit dem Supersportler R8. Vorgestellt wird das Auto der Öffentlichkeit Ende 2020.

Audi hat in die Herstellung des E-Tron GT vieles hineingepackt, was das neue Zeitalter im Automobilbau erfordert. Karosseriebau und Montage in den Böllinger Höfen bringen modernste Smart Factory und klassisches Handwerk in der Sportwagenmanufaktur zusammen.
Das Auto selbst soll die neue "Ikone" der Marke Audi sein. Die Heilbronner Stimme hat einen Einblick in die "eigentlich noch geheime" Fertigung des Fahrzeugs erhalten.
Zwei Herzen in einer Brust?
Wolfgang Schanz streichelt fast liebevoll über den Zehnzylinder, der für den Einbau in den R8 bereitsteht. 620 PS bringt der Supersportler dann auf die Straße. Das Herz des Produktionsleiters in den Böllinger Höfen schlägt offensichtlich auch noch für dieses Kraftpaket.
Doch seinen Platz an der sportlichen Spitze muss sich der R8 nun teilen mit einem Auto, das nur in seiner Frontpartie an den älteren Bruder erinnert: der E-Tron GT. Vielleicht auch über sich selbst sagt Schanz deshalb: "Die Mitarbeiter hier brennen für den R8, aber ich war begeistert, wie schnell sie sich nun auch mit dem E-Tron GT identifizieren."
Auch E-Motoren brauchen Platz

Ein paar Schritte weiter findet in diesem Augenblick die Hochzeit des neuen E-Mobils statt: Batterie-Boden und Motoren werden mit 74 Schrauben mit dem Karosserieaufbau verbunden. Die Elektromotoren, je einer hinten und einer vorn, sind zwar nicht ganz so groß wie der Zehn-Zylinder, aber dennoch bemerkenswert.
Was sie zu leisten in der Lage sind, zeigen indirekt nur die mächtigen Keramikbremsscheiben. Sie sollen in der Lage sein, das Fahrzeug auch von Tempo 240 schnell und sicher zum Stehen zu bringen.
Der Booster bringt die Extra-Leistung
Mit 590 PS bleibt der GT übrigens nominell knapp unter der Top-Motorisierung des R8, doch der Stromer bekommt dafür noch einen Booster zur kurzzeitigen Leistungssteigerung spendiert. Genaueres ist derzeit noch nicht zu erfahren. "Auf jeden Fall ist er sehr performant", verspricht Schanz.
Bei diesem ersten Einblick in die E-Tron-GT-Produktion soll es nicht um solche Werte und das Produkt gehen. Vielmehr ist Audi stolz darauf, was innerhalb weniger Monate auf engstem Raum in den Böllinger Höfen eingearbeitet wurde. Der Platz ist begrenzt.
Schon in der Konzeptphase wurde deshalb viel Wert auf Flexibilität gelegt. Die Produktion soll nicht nur für R8 und E-Tron GT funktionieren, sondern auch für mindestens ein weiteres Derivat aus der Audi-Familie.
Smart-Factory virtuell geplant
Um Platz für den GT zu schaffen, wurden Teile des R8-Karosseriebaus - der Supersportler wird fast komplett von Hand geschweißt - in eine Halle in Böckingen ausgelagert. Dann wurden die Hallen in den Böllinger Höfen dreidimensional erfasst und virtualisiert, anschließend die Produktion am Computer geplant.
Jetzt finden sich in der Halle unzählige Roboter, die schweißen, nieten, falzen, kleben und clinchen. Der Multimaterialmix aus verschiedenen Aluminium- und Stahllegierungen erfordert alle möglichen Fügetechniken. Trotzdem ist der Karosseriebau des E-Tron GT zu 85 Prozent automatisiert.
Vielseitige Roboter, eng an eng

Konzentriert findet sich dieser hohe Automatisierungsgrad an der sogenannten Doppel-Framing-Station, wo auf engstem Raum die inneren und äußeren Seitenteile montiert werden. "Hier arbeiten zehn Roboter mit insgesamt 32 Werkzeugen", erläutert der Leiter des Karosseriebaus, Christoph Steinbauer.
Entsprechend müssen einige Roboter drei oder vier Mal ihr Werkzeug wechseln, um alle Arbeiten auszuführen. An Komplexität sei das kaum zu überbieten, kommentiert Steinbauer.
Die Roboter verrichten ihre Übungen bereits zuverlässig - oft noch ohne Teile. Auf diese Weise sollen während der Vorserienphase alle Takte optimiert werden.
Aus der Presse kommt ein besonders markantes Seitenteil
Die markanten äußeren Seitenteile hängen in einem Ständer ein paar Meter weiter. Für technisch Interessierte hat Steinbauer auch hier noch ein paar Schmankerl auf Lager: Nur 5,8 Kilogramm wiegen die fast fünf Meter langen Aluminiumprofile. Und was die Form, die "Ziehtiefe" angeht, sei man an die Grenze des Machbaren gegangen. Der elektrische Gran Turismo - dafür steht das GT der komfortablen Sportwagen - kommt entsprechend konturiert daher.
Schon unterwegs mit der schwarz-weißen Tarnfolie
Zu sehen ist das Fahrzeug hier bereits überall - in der Produktion oder auch, wie er fertig vom Band fährt. Nur fotografieren darf hier niemand. Wo die Arbeiter in der Montage gerade Pause machen, sind die Exemplare abgedeckt. Denn der Spannungsbogen soll erhalten bleiben, auch um zum Verkaufsstart die maximale Wirkung zu erzielen. Fahrzeuge, die die Halle für Testfahrten verlassen, werden deshalb mit der typischen schwarz-weißen Tarnfolie beklebt.
Bedeckt hält sich Audi auch bei der Frage, wie viele E-Tron GTs hier einmal gebaut werden können. Nur so viel ist klar: Im Zweischichtbetrieb soll es losgehen. Bislang wurden die R8 in 18 Takten á 15 Minuten montiert. Jetzt gibt es 36 Takte, wodurch sich die Kapazität verdoppelt. Geschätzte 80 Fahrzeuge könnten täglich also die Manufaktur verlassen.
Derzeit ist allerdings nur jeder dritte Takt belegt, und es arbeitet auch nur eine Schicht. Derzeit wird Personal aufgestockt - es ist ein begehrter Arbeitsplatz, der angesichts der langen Taktzeiten aber auch eine besondere Qualifizierung erfordert.
Die Karosserien fahren derweil autonom auf "fahrerlosen Transportfahrzeugen", kurz FTFs, durch die Halle, übergeben unterwegs für die anspruchsvolleren Arbeiten an eine elektrische Hängebahn, die wiederum an die FTFs übergibt. Bunt durcheinandergewürfelt kommen R8 und E-Tron GT in die Montagelinie.
Jeder Mitarbeiter muss seine Arbeiten jetzt an beiden Fahrzeugen beherrschen. "Wir können 100 Prozent R8 oder 100 Prozent E-Tron GT fahren", sagt Produktionsleiter Schanz. Und natürlich jeden Anteil dazwischen. In der Vorserie soll aber auch hier noch alles optimiert werden.
Was die Genauigkeit angeht, ist Tesla kein Vorbild
Denn auch wenn Tesla häufig als Vorbild in der elektromobilen Welt gesehen wird, nimmt sich Audi zumindest kein Beispiel daran, dass Genauigkeit in der Produktion dort wenig zählt, solange nur Software und Reichweite stimmen. Die zuletzt so oft zitierten Spaltmaße zwischen Türen und Kotflügel oder anderen Bauteilen müssen auch bei diesem Audi höchsten Ansprüchen genügen. Und nicht nur die.

"Bei Relevanten Befestigungspunkten etwa für die Lenkung bewegen sich die Toleranzen im Bereich von 0,15 Millimeter", sagt Karosseriebauchef Steinbauer. Das sei ein Qualitätsmerkmal, das man als Autofahrer spüren könne. "Mit so einem Auto können Sie auch mal spitz einlenken", sagt Steinbauer. Die Vorfreude bei manch heimlichem Rennfahrer dürfte wachsen.
Höhepunkt für die Audi-Tochter Audi Sport
Seit 2014 baut Audi in den Böllinger Höfen den R8 in der sogenannten Sportwagenmanufaktur. "Hier ist der Ort, wo Ikonen das Licht der Welt erblicken", sagt Julius Seebach, Geschäftsführer der Audi Sport GmbH, mit Blick auf den Produktionshochlauf des E-Tron GT.
Das Elektroauto soll das neue sportliche Aushängeschild des Autobauers sein und ist somit - obwohl nur in Kleinserie gebaut - auch für den Standort Neckarsulm und die Tochterfirma Audi Sport ein wichtiger Imageträger. Seebach betont, Audi Sport habe nicht nur das jüngste Portfolio seiner Geschichte in der Pipeline, sondern steht auch vor der größten Modelloffensive. Höhepunkt ist die Präsentation des neuen Audi E-Tron GT Ende des Jahres.



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