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Dachser rollt Öhringer Digitalisierungs-Pilotprojekt weltweit aus

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Der Digitale Zwilling ermöglicht eine Echtzeit-Verfolgung jeder Palette in einem Umschlaglager. Das Projekt von Dachser und dem Fraunhofer-Institut hat den Probelauf erfolgreich bestanden.

Der digitale Zwilling wurde bei Dachser in seinen Niederlassungen Unterschleißheim bei München und Öhringen erfolgreich getestet.
Der digitale Zwilling wurde bei Dachser in seinen Niederlassungen Unterschleißheim bei München und Öhringen erfolgreich getestet.  Foto: Dachser

Der Logistikdienstleister Dachser und das Fraunhofer Institut IML sind mit dem Deutschen Logistik-Preis für das Projekt "Digitaler Zwilling @ILO" ausgezeichnet worden.

Der Standort Öhringen ist eines von zwei Pilot-Umschlaglagern von Dachser, wo das System schon läuft und eine neue Form der Transparenz in die Stückgutlogistik bringt. Nun hat Dachser Kunden, Partner und Wettbewerber nach Öhringen eingeladen, um sich die Innovation einmal genauer anzuschauen.

Das Umschlaglager war bisher eine Blackbox

Das Thema Sendungsnachverfolgung kennen auch Privatpersonen. Ein Klick auf den Link in der Versendermail, und man sieht, wo sich das Paket befindet und wann es voraussichtlich zugestellt werden soll. "Das ist bei uns auch schon seither möglich", erklärt Stefan Hohm, der im Vorstand von Dachser für das Thema Innovationen verantwortlich ist.

"Aber das Umschlaglager war eine Blackbox." Wenn auf 10.000 Quadratmetern innerhalb von Stunden 4000 Paletten hereinkommen und hinausgehen, dann sei es schon eine Herausforderung, für jedes Teil alle Informationen jederzeit parat zu haben. Mit dem Projekt @ILO - kurz für Advanced Indoor Localization and Operations, also etwa Ortung und Betrieb in Innenräumen - ist das nun möglich.

Bisher keine vergleichbare Lösung am Markt

"Es gibt viele Lösungen am Markt", sagt Volker Lange vom Projektpartner Fraunhofer Institut. Aber keines würde alle vier der zentralen Funktionen abdecken, die das @ILO-System bietet. Das identifiziert eine Palette, zeigt an, wann sie wohin kommt, und verfolgt, wo sie sich zu jedem Zeitpunkt befindet.

Das alles lässt sich live darstellen am PC oder kleinen Tablets. Und obendrein wird jedes Stückgut auch noch vermessen, sodass theoretisch auch eine optimale Beladung der Lkw möglich ist.

An diesem letzten Punkt hakt es noch ein wenig. Es geht um Zentimeter bei der Beladung. Die Fehlerquote sei da noch zu hoch, räumt Dachser-Vorstand Hohm ein. "Aber das kommt", ist er zuversichtlich.

Zusammenarbeit zwischen Dachser und Fraunhofer IML geht weiter

Gerade wurde der Vertrag mit dem Fraunhofer IML um weitere drei Jahre verlängert - sechs Jahre arbeiten das Institut und der Logistiker bereits zusammen daran. Funktioniert die Messung, soll künftig auch vermehrt Künstliche Intelligenz eingesetzt werden. Gerade beim "Tetris-Spiel" der Lkw-Beladung wird KI eine wichtige Rolle spielen.

Doch erst einmal soll das System jetzt ausgerollt werden. Zehn Standorte kommen in diesem Jahr dazu, in fünf bis sechs Jahren sollen alle relevanten Standorte - insgesamt hat Dachser 379 weltweit - damit ausgerüstet sein.

Die Investitionen sollen sich an jedem Umschlagplatz innerhalb von zwei bis drei Jahren amortisieren. Von 15 bis 35 Prozent Zeiteinsparung spricht Hohm - "das komme zustande durch den Wegfall von vielen Mikroprozessen", vieler kleiner Kleinigkeiten.

Auch die Wettbewerber sind mit dabei

Wie üblich lassen sich die Logistik-Preisträger einen Tag lang über die Schulter schauen. Rund 70 Gäste nutzen die Gelegenheit und wollen den digitalen Zwilling in Aktion sehen.

Vertreten sind Partnerfirmen wie Sick aus Waldkirch, die Kameras und Sensoren liefern, aber auch Wettbewerber wie DHL, Schenker, Kühne & Nagel und weitere Mittelständler, die von solchen Vorteilen im eigenen Betrieb profitieren könnten. Etwas Vergleichbares gibt es offenbar nicht auf dem Markt.

Seinen Kunden will Dachser das System auf jeden Fall anbieten. "Das ist eine Win-Win-Situation." Ob es auch extern vermarktet werden soll, das werde gerade geprüft. "Wir haben es ja in erster Linie für uns entwickelt", sagt Stefan Hohm. Dachser mit seinen rund 33.000 Mitarbeitern sei eben in erster Linie Logistiker und nicht Technologie-Anbieter. Man habe sich aber bewusst gegen Patente entschieden und alles öffentlich gemacht. Theoretisch könnte also jeder das System nachbauen. "Aber es kommt eben auf die Orchestrierung aller Komponenten an", sagt Hohm. Ganz so einfach sei das nicht.

Was ist der digitale Zwilling

Als "Meilenstein in unserer digitalen Transformation und Quantensprung in der Stückgutlogistik" bezeichnete Dachser-Chef Burkhard Eling das @ILO-System bei der Verleihung des Logistikpreises durch den Bundesvereinigung Logistik (BVL). Der digitale Zwilling soll den kompletten Warenverkehr eines Umschlaglagers abbilden.

Dabei haben sich die Partner Dachser und Fraunhofer IML gegen übliche Verfahren wie RFID-Chips oder Bluetooth-Technologie entschieden. "Die Paletten verlassen unser Haus, und wir sehen sie nie wieder", erklärt Dachser-Vorstand Stefan Hohm. Statt dessen wird ein einfacher, zweidimensionaler Code - ähnlich dem bekannten QR-Code - auf jedes Stückgut geklebt. Er ermöglicht die Identifikation und Ortung über die Kameras, die an der Decke angebracht sind.

Jeder Lagerarbeiter bekommt so exakte Informationen auf sein Display gespielt, sobald er eine Palette aufnimmt. Zudem können über die Größe des 9,5 mal 9,5 Zentimeter großen Codes auch die Verpackungsmaße berechnet werden.

 
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