Corona wirkt als Booster für die Medizintechnik
In Heilbronn haben sich vor allem durch den Zukunftsfonds Health-Science-Firmen angesiedelt. Noch ist der Cluster nicht groß genug, um von der Aufmerksamkeit zu profitieren. Langfristig braucht es den Schulterschluss mit der Wissenschaft.

Gesundheit hat mit der Corona-Pandemie einen neuen Stellenwert erhalten. Staaten und Privatpersonen investieren mehr Geld, davon profitiert auch ein ganzer Wirtschaftszweig. Die Medizintechnik in Heilbronn ist allerdings noch ein kleines Pflänzchen, sagt Georg Matheis, Gründer von Xenios, des erfolgreichsten Heilbronner Unternehmens in diesem Bereich. Es könne sich entwickeln, glaubt er, doch es fehle noch der entscheidende Faktor: die medizinische Forschung.
Geld kann in der Medizin viel bewegen
Mit der Pandemie wurde das Rampenlicht auf ein Thema gelenkt, das sich lange im Verborgenen entwickelte. "Die Öffentlichkeit hat wahrgenommen, dass die Medizintechnik helfen kann. Plötzlich kannte jeder die Beatmungsgeräte von Draeger in Lübeck", sagt etwa der Düsseldorfer Branchenexperte Christoph Manegold, der auch Beiratsvorsitzender des in Heilbronn angesiedelten Unternehmens Seleon ist. In der Pandemie zeige sich auch, was möglich ist, wenn gezielt viel Geld gegeben wird.
Für Georg Matheis ist das keine kurze Episode: "Der Gesellschaft ist der Wert von Gesundheit bewusst geworden." Deshalb werde die Branche sicher auch in den nächsten Jahren mehr Aufmerksamkeit erhalten, auch von privaten Investoren, so der Mediziner.
Große Fortschritte seien bei den Themen Lungenversagen oder Krebsimpfungen zu erwarten. "Es wird Innovationssprünge im Gesundheitswesen geben." Schließlich sei das Investitionsklima so gut wie lange nicht.
In der Region ist Xenios der Leuchtturm der Medizintechnik. Mit seinen künstlichen Lungen spielte das Unternehmen eine wichtige Rolle für die Therapie von Covid-Patienten mit besonders schweren Verläufen. Als die Firma 2008 von Hechingen nach Heilbronn zog, zeigte das, welchen Gestaltungswillen der Zukunftsfonds Heilbronn hier an den Tag legt.
Der Risikokapitalfonds, in den der Heilbronner Unternehmer Dieter Schwarz rund 200 Millionen Euro eingebracht hat, soll junge Startups fördern und nach Heilbronn holen. Es funktionierte, auch mit anderen Firmen wie Seleon aus Freiburg, Schwarzer aus München oder PPS aus Bochum.
Die Ansiedlung neuer Firmen ist mühsam
Kein Selbstläufer Georg Matheis kam damals mit Xenios nach Heilbronn und hat hier seine neue Heimat gefunden. Aus dem Unternehmen ist er inzwischen ausgestiegen. Xenios wurde von Fresenius Medical Care (FMC) gekauft und hat so die Chance, seine künstlichen Lungen weltweit zu vertreiben.
Dieser Artikel stammt aus der WirtschaftsStimme, die am Dienstag, 2. März, der Tageszeitung beiliegt. Die Schwerpunktthemen sind Medizintechnik und Kunststoff.
"Es ist großartig, dass FMC zum Standort Heilbronn steht", sagt der 59-Jährige. Doch er warnt davor, daraus abzuleiten, dass damit automatisch ein neues Mekka der Medizintechnik entsteht. Das sei kein Selbstläufer.
Matheis ist selbst noch an einer Handvoll weiterer Firmen beteiligt, die meisten in München. Er redet nicht lange um den heißen Brei herum: "In München ist die Investorendichte wesentlich größer, es ist leichter, Personal zu finden, dort läuft die Innovationsmaschinerie auf Hochtouren."
Klassische Herangehensweise funktioniert in der Medizintechnik nicht
Denn die Medizintechnik unterscheide sich in vielerlei Hinsicht von anderen Wirtschaftszweigen. Den Unterschied zu den vielen Hidden Champions in der Region Heilbronn-Franken sieht er bereits im Ansatz: "In der Medizintechnik kann man keinen Weltmarktführer aufbauen, indem man die Technik einer Spritze verbessert und dann versucht, das hoch zu skalieren. Das macht mir übrigens persönlich auch gar keinen Spaß", sagt Matheis.
Stattdessen gehe es darum, einen medizinischen Bedarf zu erfassen und dann eine Therapie und die notwendigen Produkte zu entwickeln.
Dreiklang aus Wirtschaft, Wissenschaft und Medizin
Um in Heilbronn wirklich Fortschritte auf dem Gebiet zu machen, brauche es engen Austausch mit universitärer Forschung. Vorstöße in diese Richtung habe es schon gegeben. Doch bislang ohne Erfolg. Manegold sieht das ähnlich.
Seiner Meinung nach braucht es zumindest einen Dreiklang: Institute, an denen praxisorientiert geforscht wird, Unternehmer, die diese Entwicklungen nutzbar machen, und Kliniken, in denen die Entwicklungen zur Anwendung kommen. Gute Beispiele für solche funktionierenden Cluster gebe es in Aachen oder in Hannover. Heilbronn spielt in dieser Liga noch keine Rolle.
Lob für die SLK-Kliniken
Mit einer Komponente steht Heilbronn übrigens sehr gut da. "Die SLK-Kliniken erreichen fast Uniklinik-Niveau", sagt Matheis, sie hätten eine unglaubliche Innovationskraft, seien teils weniger bürokratisch als universitäre Einrichtungen.
Die Klinikdirektoren Marcus Hennersdorf und Uwe Martens machten einen "Riesenjob". Die große Chance wäre, wenn die TUM eine medizinische Fakultät in Heilbronn eröffnen würde.
Dieter-Schwarz-Stiftung zurückhaltend
KI statt Uni Der Geschäftsführer der Dieter-Schwarz-Stiftung, Reinhold Geilsdörfer, räumt dieser Idee derzeit geringe Chancen ein. Es sei schlicht zu teuer, auf diese Weise sichtbar zu werden. "Da würden wir nach den Sternen greifen."
Aber die Medizintechnik in Kombination mit künstlicher Intelligenz, das habe in Heilbronn Zukunft, ist Geilsdörfer überzeugt. Das Molit-Institut, das mit SLK und der Hochschule Heilbronn kooperiert und von der Stiftung unterstützt wird, biete die besten Voraussetzungen.
Der kleine Schwerpunkt im Zukunftspark Wohlgelegen
Xenios kam 2008 unter dem Namen Novalung nach Heilbronn. Finanziert wurde die Firma damals maßgeblich vom Zukunftsfonds Heilbronn ZFHN. Nach dem Zusammenschluss mit der Medos AG aus Stolberg bei Aachen firmierte das Unternehmen ab 2013 unter dem neuen Namen Xenios und wurde 2016 an Fresenius Medical Care verkauft. Der Standort im Zukunftspark Wohlgelegen wurde jedoch erhalten. Dort finden sich weitere Unternehmen mit Verbindungen zum Zukunftsfonds, etwa die Diagnostik- und Analytik-Spezialisten Schwarzer Cardiotek, Seleon und Protagen Protein Services (PPS). Sie haben hier ihren Hauptsitz. Weiter sind vertreten der Röntgenspezialist Yxlon, die Beratung Pharmaplace, der Arzneimittelhersteller und Dienstleister Uniqsana (vormals Curafaktur) oder die Gesundheitsberatung Fintho.
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