Stimme+
Künzelsau
Zur Merkliste Lesezeichen setzen

Bettina Würth: Durch die harte Schule des Bienenstocks

   | 
Lesezeit  5 Min
Erfolgreich kopiert!

Die Beiratsvorsitzende der Würth-Gruppe wird an diesem Samstag 60. Mit ihrem Vater Reinhold arbeitet Bettina Würth heute vertrauensvoll zusammen. In einem Punkt möchte sie sich seinen Wünschen trotzdem noch widersetzen.

Am Besprechungstisch empfängt Bettina Würth ihre Gäste. Einen PC sucht man in diesem Büro vergebens. Foto: Mario Berger
Am Besprechungstisch empfängt Bettina Würth ihre Gäste. Einen PC sucht man in diesem Büro vergebens. Foto: Mario Berger  Foto: Berger, Mario

Bettina Würths Büro in der Würth-Zentrale in Künzelsau ist auf den ersten Blick gar nicht als solches erkennbar. Es fehlt der Schreibtisch. Stattdessen gibt es einen Besprechungstisch, dazu eine Sitzgruppe unter Kinderkunstwerken.

Das alles gibt Hinweise auf das, was die mächtigste Frau im Würth-Konzern ausmacht. Technik ist nicht ihr Ding. Umso mehr Wert legt sie auf den persönlichen Austausch. Herzlichkeit ist hier zu spüren. Und es wird deutlich: Die Familie ist ihr wichtig - auch und gerade heute, an ihrem 60. Geburtstag.

Erinnerung an ihre erste Tochter Anne-Sophie

Die Bilder an der Wand stammen von ihren Kindern. Von Maria, die als Teil der vierten Generation nun auch im Unternehmen arbeitet. Und von Anne-Sophie, ihrer ersten Tochter.

Damit sind sie auch Erinnerung an den Schicksalstag in ihrem Leben. Es sind 23 Jahre vergangen seit dem tragischen Verkehrsunfall, der die damals Neunjährige Anne-Sophie vor den Augen ihrer Familie aus dem Leben riss. "Die schau ich mir oft an."

Anfangs habe sie nur noch von Tag zu Tag gelebt. Dann gehe es aber bald darum, dass die Kinder so wenig Schaden wie möglich davontragen, erzählt sie. Maria war acht, ihr Bruder Nikolaus vier Jahre alt, als sie mitansehen mussten, wie ihre Schwester angefahren wurde.

"Mit der Zeit lebt man damit und kann sich auch an schöne Dinge erinnern." Der Spruch, der für sie am besten dazu passe, sei: Das Leben passiert. "Es fällt uns Menschen sehr schwer zu akzeptieren, dass wir das Leben nicht in der Hand haben", sagt die 59-Jährige kurz vor ihrem runden Geburtstag.

Vieles im persönlichen Gespräch erledigen

Hier arbeitet sie - in Vollzeit, was nicht selbstverständlich ist für einen Posten, der mit einem Aufsichtsratsvorsitz vergleichbar ist. Hierher kommen Männer, die für Tausende Mitarbeiter verantwortlich sind, und erstatten Bericht.


Mehr zum Thema

Stimme+
Interview
Hinzugefügt. Zur Merkliste Lesezeichen setzen

Würth-Chef Friedmann: "Es boomt nicht nur der Bau"


Dazu braucht es keinen PC. 2006 schon hat sie angekündigt: "Ich werde mir erst einen Computer anschaffen, wenn er mit mir spricht." Entsprechend nutzt sie inzwischen ein iPad und ein Smartphone. Den Rest erledigt sie auf Papier oder im persönlichen Gespräch.

Sie ist selbstkritisch, was dieses Thema angeht. Das Faible für Technik fehle ihr. Doch gerade deshalb beobachte sie Entwicklungen wie die Digitalisierung ganz genau. Gewisse Dinge sollte man in der Arbeitswelt verteidigen.

"Der Mensch neigt dazu, von einem Extrem ins andere zu pendeln." Wenn es jedoch Veränderungen gibt, dann sollten die Mitarbeiter nach ihrer Meinung gefragt werden, dafür hat sie gesorgt. Als Beiratsvorsitzende liegt ihr daran, Veränderungen in gewisse Bahnen zu lenken.

Das Verhältnis zum Vater war einmal explosiv

Die Jubilarin sah sich in jungen Jahren nicht als diese Lenkerin. Heute fällt es ihr nicht mehr schwer, auch hochbezahlten Managern klar die Meinung zu sagen. Ihr Werdegang hat sie darauf vorbereitet. Und der war nicht ganz geradlinig. Sie redet offen darüber, wie es in ihrer Jugend regelmäßig krachte zwischen ihr und dem Vater Reinhold - "wie es halt so ist, wenn zwei temperamentvolle Menschen aufeinandertreffen".

Dann war ihre Mutter Carmen diejenige, die sie unterstützte und die ihr Sicherheit gab. Bis heute habe sie ein sehr enges Verhältnis zu ihr. Aber ihr war klar, dass sie ihre eigene Rolle finden muss.

Über der Sitzgruppe hängen die Kinderbilder ihrer Töchter. Maria ist heute im Unternehmen aktiv. Die Werke von Anne-Sophie sind Erinnerung an ihre älteste Tochter, die bei einem Unfall ums Leben kam. Foto: Mario Berger
Über der Sitzgruppe hängen die Kinderbilder ihrer Töchter. Maria ist heute im Unternehmen aktiv. Die Werke von Anne-Sophie sind Erinnerung an ihre älteste Tochter, die bei einem Unfall ums Leben kam. Foto: Mario Berger  Foto: Berger, Mario

So rebellierte sie, ging vorzeitig von der Schule und zog nach München, lebte kurzzeitig ein Leben ohne den Status der Würth-Tochter. Umso überzeugter kehrte sie 1984 zurück und ging doch ins Unternehmen. Mit 24 Jahren begann sie ihre Ausbildung bei der Adolf Würth GmbH & Co. KG und arbeitete sich durch Abteilungen und Stationen.

Ein Würth-Manager in den 90er Jahren: "Frauen will ich nicht im Vertrieb."

Sie erinnert sich auch, wie nach ihrer Ausbildung der damalige Vertriebs-Chef, unter dem sie arbeiten wollte, gesagt hat: "Frauen will ich nicht im Vertrieb, und die Tochter vom Chef schon gar nicht." Also musste sie andere Wege gehen.

Über die Division Holz und Bau stieg sie 1992 ein, baute ab 1997 die Division Bau in Deutschland auf - und hatte damit auch das Sagen in einem Vertrieb. "Ein Vertrieb ist ein Bienenstock. Da lernt man, gradlinig und konsequent zu sein und Dinge klar auszusprechen."

Das überzeugte dann auch Reinhold Würth. Vor 15 Jahren bot er ihr den Posten der Vorsitzenden des Beirats der Würth-Gruppe an. Sie sagte zu. Seitdem steht nur noch ihr Vater über ihr. "Wir arbeiten heute sehr eng zusammen, sehen uns zweimal die Woche, wenn er da ist", sagt sie über ihn.

Mit der Entwicklung der Würth-Gruppe war sie selten so zufrieden wie in den vergangenen Monaten, sagt sie. Dass sie den Weg durch das Unternehmen von ganz unten nach ganz oben gegangen ist, dafür bringt man ihr viel Respekt entgegen. "Man merkt auch, dass sie die Tochter ihres Vaters ist", sagt einer über sie, mit dem sie eng zusammenarbeitet.

Reden hält sie nicht gern

Und doch gebe es Unterschiede. Während Reinhold Würth in der Regel bei einer Meinung bleibe, wenn er sie mal geäußert hat, lasse Bettina Würth sich auch mal von Argumenten überzeugen. Während der Vater gerne im Mittelpunkt steht, sucht Bettina Würth selten das Licht der Öffentlichkeit. Reden halte sie nicht gern, gibt sie zu. "Aber ich sag was, wenn ich was zu sagen hab."

So hat Bettina Würth - außer mit ihrer Familie - auch noch nie ihren Geburtstag größer gefeiert. Daran wird sich an diesem Samstag nichts ändern. Was der Tag für sie bedeutet? "Das weiß ich auch noch nicht so genau", sagt sie. Danach gefragt sagt sie, dass sie übers Aufhören zwar nachdenke, es aber keine konkreten Pläne gebe.

Gerne würde sie noch ein bisschen mehr und etwas länger verreisen. Ihr Vater wünscht sich allerdings, dass sie noch mindestens 15 Jahre weitermacht. "Das glaub ich nicht", sagt Bettina Würth knapp. Und auf keinen Fall werde sie mit 86 noch so aktiv im Unternehmen sein wie ihr Vater heute.

Die Familie

Durch die Heirat mit dem Schweizer Hotellier Markus Rusch erhielt Bettina Würth die Schweizer Staatsbürgerschaft zusätzlich zur deutschen. Vor elf Jahren zog sie in die Schweiz. Damals befand sich die Würth-Familie im Clinch mit den deutschen Steuerbehörden. Heute ist ihr Ehemann, der den Nachnamen Würth angenommen hat, im Ruhestand. Seitdem die Kinder nicht mehr in der Schule sind, habe sich der Lebensmittelpunkt wieder nach Künzelsau verlagert.

Ihr Sohn Nikolaus (27) ist seit vergangenem Jahr ausgebildeter Fotograf. „Er ist eher der Künstler“, sagt Bettina Würth über ihn. Sohn Benedikt (20) startet mit einer Bankausbildung. Einer Ausbildung bei Würth, wo jeder weiß, wer er ist, sei er damit erst einmal bewusst aus dem Weg gegangen. Ihre Tochter Maria (30) gehört seit 2017 als Mitglied der Familie dem Kunstbeirat der Würth-Gruppe an und arbeitet an der Seite von C. Sylvia Weber, die die Kunst- und Kulturaktivitäten der Würth-Gruppe verantwortet.

An ihre in Davos verstorbene Tochter Anne-Sophie erinnert unter anderen die 2006 eröffnete „Freie Schule Anne-Sophie“ in Künzelsau. 2011 eröffnete die Stiftung Würth eine gleichnamige Schule in Berlin. Das Hotel Anne-Sophie in Künzelsau kümmert sich seit 2003 um die Inklusion behinderter Mitarbeiter.

Mit ihrer Schwester Marion hatte sich Bettina Würth 1996 den Traum erfüllt, eine Eventagentur zu gründen: die Marbet (der Name setzt sich aus den Vornamen zusammen). Die Agentur sei heute „wie ein Kind, das flügge geworden ist“, sagt Bettina Würth. 

 

Kommentare öffnen
Nach oben  Nach oben