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Ungestört den Vorstand löchern

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Die Erfahrungen mit virtuellen Hauptversammlungen sind teils ernüchternd. Fragerunden ufern aus, und nicht alle Fragen sind an der Sache orientiert. Doch den Zweck scheinen die Online-Veranstaltungen zu erfüllen.

Wie in einem Fernsehstudio: An der Hauptversammlung von Siemens in diesem Jahr konnten Aktionäre nur übers Internet teilnehmen. Foto: dpa
Wie in einem Fernsehstudio: An der Hauptversammlung von Siemens in diesem Jahr konnten Aktionäre nur übers Internet teilnehmen. Foto: dpa  Foto: Felicitas von Imhoff

Es ist eine neue Welt für Aktionäre. Mit der Corona-Krise hat die Digitalisierung auch das Verhältnis von Anteilseignern, Geschäftsführung und Aufsichtsrat verändert. Hauptversammlungen werden nicht mehr als Präsenzveranstaltung abgehalten, sondern per Internet-Stream live übertragen. Vor allem kleinere Gesellschaften sparen dadurch allerdings kaum Geld. Die Frage, ob dies als Zukunftsmodell taugt, lässt sich nicht ohne Weiteres beantworten.

Corona verhindert den ordnungsgemäßen Ablauf

Mit den Kontaktbeschränkungen wurden ab März 2020 auch Hauptversammlungen von Aktiengesellschaften, wie sie bis dato üblich waren, untersagt. Stattdessen ermöglichte der Gesetzgeber, solche Veranstaltungen virtuell stattfinden zu lassen. Reihenweise gab es die Online-HVs seitdem - auch bei Firmen in der Region. Angefangen hatte es bei den Südwestdeutschen Salzwerken, weiter ging es mit Bechtle, der Zeag und dem Explosionsschutzspezialisten R. Stahl.

Zuletzt war Audi an der Reihe, wo die HV zugleich Premiere als auch Schlusspunkt war. Erstmals gab es keine Präsenz-Hauptversammlung mehr, künftig wird es nach dem Squeeze-out gar keine solchen Veranstaltungen mehr geben. VW besitzt jetzt 100 Prozent der Aktien. Trotz hoher Abfindung für die verbliebenen Aktionäre gab es allerdings auch hier noch einmal den Wunsch, alles ganz genau erklärt zu bekommen.

Wie sieht denn die Inflationsrate in Indien aus?

Die vorab eingereichte Frage eines Aktionärs, mit welcher Inflationsrate der Vorstand denn in Indien rechne, zeigte aber, dass es auch in dieser besonderen Situation nicht nur um die Sache ging. Offenbar fand so mancher Aktionär Gefallen daran, noch ein letztes Mal den Vorstand löchern zu können. Und wer sich Fragen im stillen Kämmerlein überlegen darf und diese dann per Knopfdruck abschickt, bekommt kein Feedback, das einen langen Fragenkatalog abkürzen könnte.

Interesse auf dem Online-Kanal deutlich geringer

Audi war hier jedoch keine Ausnahme. Ähnliches war bei der R. Stahl AG zu beobachten. Das Interesse an den Hauptversammlungen der Waldenburger geht generell zurück. In den Vorjahren hatten sich die Teilnehmerzahlen von 400 auf 200 halbiert, bei der Online-Variante in diesem Juli waren nur noch rund 50 Aktionäre vertreten - was auch Unternehmenssprecher Thomas Kornek überraschte. Schließlich sei die Online-Teilnahme ja nicht mit Fahrtkosten verbunden. "Aber da sieht man auch, dass wir viele Aktionäre aus der Region haben, die die Veranstaltung auch als soziales Event betrachtet haben."

Entsprechend kurz hätte also die Fragerunde ausfallen können. Doch dem war nicht so. Während im vergangenen Jahr vier Aktionäre 44 Fragen stellten, reichten in diesem Jahr acht Personen 169 Fragen ein. Einer wurde besonders kreativ, stellte gleich 75 Fragen am Stück.

"Mancher Aktionär spannt wohl nur ein Schnürchen"

"In den vergangenen Jahren war allgemein zu beobachten, dass Fragen gestellt werden, die für Investoren kaum eine Rolle spielen", sagt Kornek, der bei Stahl auch für Investor Relations zuständig ist. "Oft wird wohl auch nur gefragt, um ein Schnürchen zu spannen, über das die Geschäftsführung stolpern soll."

Denn das kann teuer werden. Und um solchen Problemen aus dem Weg zu gehen, gibt es wohl auch einige rechtlich versierte Aktionäre, die darauf spekulieren, vom Unternehmen eine Art Schweigegeld zu erhalten.

Die Kosten sind nicht der entscheidende Punkt

So spielen die Ausgaben für die Ausrichtung einer Hauptversammlung im Verhältnis eine untergeordnete Rolle. Zumal die Übertragungstechnik, die möglichst ausfallsicher sein muss, nicht ganz billig ist. Bei R. Stahl lagen die Kosten dieses Jahr bei rund 60 000 Euro und damit in der Größenordnung der Präsenzveranstaltungen in den Vorjahren. Für die Salzwerke kostete die Online-Variante 94 000 Euro, die Veranstaltung 2019 in der Harmonie 113 000 Euro.

Interaktion ist auch fürs Management wichtig

Kornek betont aber, dass der Sinn einer Hauptversammlung nicht vergessen werden dürfe. Es gehe darum, die notwendigen Beschlüsse fassen zu können, um handlungsfähig zu bleiben. Auf welchem Weg das passiere, sei nicht entscheidend. Angesichts der geringen finanziellen Unterschiede wünschten sich aber auch große Teile des Managements eine Rückkehr zu Präsenzveranstaltungen, wo eine direkte Interaktion stattfinden kann.

 

Befristete Regelung

Eine Virtuelle Hauptversammlung war gesetzlich nie vorgesehen. Erst mit der Corona-Pandemie schuf der Gesetzgeber die rechtlichen Rahmenbedingungen dafür. Allerdings ist die Ausnahmregelung bisher auf dieses Jahr beschränkt. Da ein Ende der Pandemie nicht absehbar ist, könnte eine Verlängerung dieser Option anstehen. Zugleich wird auch diskutiert, ob Online-Veranstaltungen dauerhaft erlaubt werden sollen. Ob durch die vereinfachte Teilnahme an einer solchen Veranstaltung aber die Teilhabe der Aktionäre wirklich zunimmt, darüber gehen die Meinungen auseinander.

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