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Bei Huber in Öhringen kriselt es nicht erst seit Corona

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Gleich mit mehreren Baustellen sieht sich der Öhringer Verpackungshersteller Huber konfrontiert. Besonders die verunglückte Akquise von 2015 brachte dem Unternehmen Millionen-Verluste ein. Das Hausverbot für Betriebsratschef Siegfried Hubele ist mittlerweile aufgehoben.

Die Produktion des Fünf-Liter-Fässchens in Öhringen − das mit Sechs-Farben-Maschinen auch gleich bedruckt werden kann − lief auch in der Corona-Krise gut. Industrie-Dosen wurden dagegen weniger bestellt.
Foto: Huber
Die Produktion des Fünf-Liter-Fässchens in Öhringen − das mit Sechs-Farben-Maschinen auch gleich bedruckt werden kann − lief auch in der Corona-Krise gut. Industrie-Dosen wurden dagegen weniger bestellt. Foto: Huber  Foto: Huber

Nach verlustreichen Jahren, in denen der Öhringer Blechverpackungshersteller Huber Packaging mit den Folgen eines missglückten Großeinkaufs zu kämpfen hatte, rechnete das Management in diesem Jahr mit schwarzen Zahlen. Dann kam das Corona-Virus. Damit rücken die Probleme, die das Unternehmen ohnehin schon hatte, wieder in den Vordergrund. Die Geschäftsführung hofft auf Zugeständnisse der Belegschaft.

Siegfried Hubele geht im Juli in den Ruhestand

Immerhin ein Thema ist jetzt geklärt: Das Hausverbot für den langjährigen Betriebsratschef Siegfried Hubele, das vor Wochen für Aufsehen gesorgt hat, wurde aufgehoben. "Die Einigung entspricht unseren Vorstellungen", sagt Hubele. Wie geplant wechselt er am 1. Juli in den Ruhestand.

Er will das Thema ebenso schnell hinter sich lassen wie der Huber-Chef. "Herr Hubele arbeitet jetzt noch bis 30. Juni bei uns, uns ist eine ordentliche Übergabe wichtig", sagt Martin Lüer. Man gehe friedlich auseinander, betont er.

Der Betriebsrat wird voraussichtlich im Laufe des nächsten Monats einen neuen Vorsitzenden wählen. Bis dahin führt nach dem Ausscheiden Hubeles der stellvertretende Vorsitzende Klaus Bauer die Geschäfte der Arbeitnehmervertreter.

Noch immer sind Nachwehen zu spüren 

Was das operative Geschäft angeht, ist die Situation nicht so schnell zu klären. Noch immer leidet Huber unter den Nachwehen einer Großakquisition. 2015 hatte das damalige Management um CEO Thomas Hagen vier Werke des Wettbewerbers Crown gekauft. "Für viel Geld, und auch auch nach dem Kauf hat es mehr gekostet, als es eingebracht hat", sagt der Geschäftsführer Finanzen, Johannes Alberti.

Vielsagend war schon der Projektname gewesen:"Big Wheel". Ein großes Rad sollte gedreht werden. Das ist gründlich nach hinten losgegangen. Lüer wie Alberti werden ziemlich deutlich, wenn sie die Entscheidung von damals kommentieren sollen.

Millionen-Verluste 

CEO Martin Lüer und CFO Johannes Alberti mit Beispielen für Dosen, die Huber abseits der bekannten Partyfässchen herstellt.
Foto: Christian Gleichauf
CEO Martin Lüer und CFO Johannes Alberti mit Beispielen für Dosen, die Huber abseits der bekannten Partyfässchen herstellt. Foto: Christian Gleichauf  Foto: Gleichauf, Christian

Insgesamt bescherte das Abenteuer der Firma schmerzliche Verluste. Unter dem Strich standen minus 17 Millionen Euro im Jahr 2018. 2019 waren es noch zwei Millionen. Besser stand das Werk in Öhringen da, erklärt Alberti. Nach 6,8 Millionen Euro 2018 blieben 2019 aber nur noch 4,2 Millionen Euro operativer Gewinn und damit eine Umsatzrendite von drei Prozent. "Das ist nicht genug", sagt Lüer. In guten Zeiten seien hier mehr als zehn Millionen Euro pro Jahr verdient worden.

Jetzt müsse man nach vorn schauen. Und da fehle Geld, das in die Zukunftsfähigkeit des Werks investiert werden müsse, etwa für Automatisierung. Statt dessen bediene man die Darlehen bei den Banken. Rund 30 Millionen Euro Schulden stehen in den Büchern. Bis 2023 verbleiben etwaige Gewinne vollständig in der Firma, die Gesellschafter entnehmen nichts, das sei festgeschrieben. "Aber uns fehlt das Wasser unter dem Kiel", sagt Lüer.

Dann kam Corona dazu 

Jetzt auch noch Corona. Statt mit den planmäßigen gut 180 Millionen Euro Umsatz rechnet Finanzchef Alberti in diesem Jahr noch mit 165 Millionen. Dabei lief das Geschäft lange Zeit überraschend gut weiter, Kurzarbeit war kein Thema, weil die "atmenden Arbeitszeitkonten" dick im Plus waren. Doch jetzt seien die Auswirkungen vor allem im Industriegeschäft zu spüren. Am Ende fehlen wohl an die zehn Prozent Umsatz, schätzt Alberti.

Hoffnung auf Zugeständnisse von der IG Metall

So wollen Lüer und Alberti noch einmal auf die IG Metall zugehen. Anfang des Jahres waren sie mit dem Versuch gescheitert, Zugeständnisse bei Lohn oder Arbeitszeit für das Stammwerk Öhringen zu erwirken, wo rund 600 Mitarbeiter beschäftigt sind. Der Ergänzungstarifvertrag wurde als "Attacke auf den Tarifvertrag" abgelehnt. Nach der Verschärfung der Situation durch die Corona-Krise schließen die Geschäftsführer Stellenabbau aber nicht mehr aus.

Bei 42 Millionen Euro liegt der Personalaufwand pro Jahr. Zwei Millionen sollen zusätzlich eingespart werden, alle Kostengruppen stehen auf dem Prüfstand. Im schlechtesten Fall bleibt das Thema ungeklärt bis ins nächste Jahr. Dann möchte Huber eigentlich sein 150-jähriges Bestehen feiern. Betriebsbedingte Kündigungen würden die Laune da doch ziemlich trüben.


Hintergrund: Schweres Erbe

Von den vier Werken, die Huber Packaging 2015 vom Wettbewerber Crown gekauft hat, wurde im vergangenen Jahr eines in Frankreich mit 100 Mitarbeitern geschlossen, was allein zehn Millionen Euro kostete. Das finnische Werk mit dann nur noch 20 verbliebenen Mitarbeitern wurde verkauft. Das Werk in England soll erhalten werden. Immerhin die Schweiz mache Freude. Es ist der einzige ehemalige Crown-Standort, der gute Gewinne macht - auch wenn die bisher für den Sozialplan in Frankreich verwendet werden mussten. In der Schweiz werden Kunststoffverpackungen hergestellt.

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