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Audi Neckarsulm wird zur smartesten Fabrik im VW-Konzern

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Der Traditions-Standort darf bei der Digitalisierung von Produktion und Logistik vorausmarschieren. Die Cloud wird neue Technik allen anderen Werken verfügbar machen. So will der Autobauer auch mit gewachsenen Strukturen gegen Tesla & Co bestehen.

Drohnen verfolgen die mit RFID-Chips ausgerüsteten Fahrzeuge und können so jederzeit den Standort auf dem Werksgelände bestimmen. Fotos: Audi, VW
Drohnen verfolgen die mit RFID-Chips ausgerüsteten Fahrzeuge und können so jederzeit den Standort auf dem Werksgelände bestimmen. Fotos: Audi, VW  Foto: Audi

Drei Milliarden Euro investiert Audi in den nächsten fünf Jahren in Digitalisierung. Das hat der inzwischen nach Wolfsburg gewechselte Finanzchef Arno Antlitz bei der Bilanzvorlage jüngst verkündet. Eine "gewichtige Rolle" spiele Neckarsulm beim Thema digitale Produktion und Logistik, erklärte Antlitz gegenüber der Heilbronner Stimme. Der Standort soll die Speerspitze im gesamten Volkswagen-Konzern sein.

Einer für alle

Der Plan: In Neckarsulm wird entwickelt und umgesetzt, was anschließend innerhalb von kürzester Zeit im gesamten VW-Konzern ausgerollt wird. Ivan Jukic und Michael Häffner sind die zwei, die zusammen mit ihren Teams in Neckarsulm die vollständig vernetzte Fabrik schaffen wollen.

Jukic (49) leitet die IT am Standort, Häffner (44) das standortübergreifende Delivery Management zur Digitalisierung von Produktion und Logistik.

Mit der Diesel-Krise kam der disruptive Wandel

Michael Häffner
Michael Häffner  Foto: Audi

"Wir haben schon vor zehn Jahren vieles digitalisiert", sagt Häffner. "Aber damals ging es um einzelne Prozessabschnitte." Der Dieselskandal rüttelte dann vieles im Konzern durcheinander.

Es ging ein Ruck durch das Unternehmen, erinnert sich Jukic. "Wir haben damals das Disruptive im Wandel erkannt und bereiten uns seitdem aktiv darauf vor", sagt Jukic, der in Heilbronn aufgewachsen ist. Jetzt geben sie Gas in Neckarsulm.

Vorteilhafte Bedingungen im Umfeld des Bildungscampus Heilbronn

Diese Dynamik blieb den Konzernoberen offenbar ebensowenig verborgen wie die schnell verbesserten Rahmenbedingungen im Umfeld des Standorts Neckarsulm. Der Bildungscampus gedieh, die Technische Universität München siedelte sich an. Die Programmierschule Ecole 42 wurde das neue Leuchtturmprojekt.

So wurde Neckarsulm schon vor zwei Jahren eine herausgehobene Position beim Thema Industrie 4.0 im VW-Konzern in Aussicht gestellt. Dazu gründete Audi 2020 gemeinsam mit den SAP-Beratern von Capgemini das Joint Venture XL2 in Heilbronn.

Der kurze Draht nach Wolfsburg

Frank Göller
Frank Göller  Foto: privat

Ein ehemaliger Audianer ist bei VW an zentraler Stelle für die übergeordnete Koordination zuständig. Frank Göller stammt aus Lehrensteinsfeld und arbeitete von Mitte der 1990er Jahre bis 2001 im Werk Neckarsulm, bevor er als Berater tätig wurde, unter anderem bei McKinsey.

Jetzt ist er seit zwei Jahren im VW-Konzern verantwortlich für die digitale Produktion. Er sagt: "Audi treibt zentrale Projekte, die für die Digitalisierung von Produktion und Logistik im gesamten Konzern wichtig sind."

So ziehen nun viele an einem Strang. "Früher", erzählt Göller, "hat man zum Beispiel in Emden, in Ingolstadt und Neckarsulm für eine Fragestellung drei Lösungen entwickelt." Das soll künftig anders laufen.

Die Digitale Produktionsplattform wird eingeführt

Zentrales Element ist die Digitale Produktionsplattform, kurz DPP. IT-Lösungen, sogenannte Applikationen, sollen mit ihrer Hilfe standardisiert und übertragbar sein. Wenn etwas in Neckarsulm funktioniert, soll es auch für andere Marken und Standorte skalierbar sein.

Das alles läuft über die Cloud. Dort sollen Daten aller Anlagen, Maschinen, Systeme und auch einzelner Fahrzeuge verfügbar sein. Mit Amazon Web Services (AWS) hat sich VW hier für den größten Anbieter entschieden.

Die Applikationen der Cloud, auch hier kurz Apps genannt, laufen teilweise tatsächlich auch auf dem Handy. "Bei Porsche etwa können Mitarbeiter im Finishbereich heute schon mit dem Handy die zahlreichen Labels am Fahrzeug kontrollieren, die in der jeweiligen Landessprache angebracht werden", erzählt Göller.

Qualitätskontrolle durch Fehlervorhersage

Die Technik könnte bei Bedarf auch in Neckarsulm eingeführt werden. Dort dreht sich eines der weit gediehenen Projekte derzeit um das Widerstandspunktschweißen. "Wir sammeln jetzt Prozesswerte von allen Schweißzangen", erzählt Michael Häffner.

Ist die Datenbasis groß genug, können mithilfe von künstlicher Intelligenz Anomalien, also Abweichungen im Schweißprozess, erkannt werden. Damit erfolgt die Qualitätssicherung während des Vorgangs. Fehler werden vorhergesagt, noch bevor sie passieren.

In der Wolke braucht es viel Platz

Die Datenmenge wächst dabei rasant. Mit jedem Schweißpunkt werden unzählige Informationen gesammelt, in einem Karosseriebau pro Tag 100 Gigabyte, im gesamten Werk 44 Terabyte pro Jahr. "Und das ist nur die eine Fügetechnik neben dem Kleben, Schrauben oder Nieten", sagt Häffner. Mit jedem neuen Standort wird es mehr.

Insgesamt 21 Werke im VW-Konzern sind schon an die DPP angeschlossen, darunter Neckarsulm und Ingolstadt. Die Audi-Werke in Brüssel, Györ in Ungarn und San José Chiapa in Mexiko folgen in diesem Jahr.

Die Größe wird zum Vorteil

Es ist dieser Skalen-Effekt, den VW jetzt konsequent nutzen möchte. Oder wie Häffner es ausdrückt: "Wenn VW etwas angeht, dann rockt das richtig."

Denn die schiere Größe unterscheidet den derzeit noch zweitgrößten Autokonzern der Welt insbesondere von dem deutlich kleineren Schreckgespenst Tesla. Die Amerikaner müssen viele Fabriken erst noch bauen. Wenn im VW-Konzern eine Applikation wie die aus Neckarsulm funktioniert, dann soll sie künftig in allen anderen Werken sofort zum Einsatz kommen können. Dafür muss die Cloud sorgen.

Auf der grünen Wiese funktioniert manches anders

Ivan Jukic
Ivan Jukic  Foto: nele fotografie

Einen Nachteil gibt es. Es sind allesamt gewachsene Werke. In Neckarsulm etwa werden seit 115 Jahren Autos produziert. Da sieht die Transformation in Richtung Industrie 4.0 anders aus als auf der grünen Wiese, die Tesla bevorzugt.

Doch die drei IT-Experten Jukic, Häffner und Göller sind überzeugt, dass Audi und VW einiges bewegen, wenn sie an einem Strang ziehen. "Die Digitalisierung wird es ermöglichen, Autos effizienter, flexibler und schneller zu bauen", sagt Häffner, der seit 2004 bei Audi in Neckarsulm arbeitet. In einer immer volatileren und komplexeren Welt sei das von entscheidender Bedeutung.

Personal muss noch aufgestockt werden

Die Vielfalt in Neckarsulm, was Produktionstechniken und Modellreihen angeht, scheint dafür offenbar die richtige Testumgebung zu sein. Bereits während der Frühphase der Pandemie, als alles still stand, wurde hier erstmals die gesamte Produktion dreidimensional erfasst und virtualisiert.

Dass der Standort aber dauerhaft die Speerspitze bei der Digitalisierung im Konzern bleiben darf, ist nicht in Stein gemeißelt. Noch bewegt sich die personelle Ausstattung auf überschaubarem Niveau. Von den 90 Mitarbeitern, die mit Ivan Jukic in der IT am Standort arbeiten, beschäftigt sich rund die Hälfte mit der Digitalisierung von Produktion und Logistik. Ähnlich viele arbeiten in Michael Häffners Team. Bei Audi wie auch bei externen Partnern wie XL2 sollen in den nächsten Jahren aber viele Stellen geschaffen und auch eigene Mitarbeiter weiterqualifiziert werden.

Eine Chance auch für Heilbronn

Dabei spielt der Raum Heilbronn-Neckarsulm eine nicht zu unterschätzende Rolle. Hier soll schon bald eine Kooperationsplattform geschaffen werden, die eine enge Vernetzung von Wissenschaft und Forschung mit den Unternehmen im Umfeld ermöglicht. Der Standort und mit ihm die ganze Region sollen zu einem führenden Digitalisierungs-Cluster werden.

Drohne wird zum autonomen Helfer

RFID-Datenträger ermöglichen die durchgängige Identifizierung der Fahrzeuge in der Produktion vom ersten Schritt bis zur Auslieferung. Der Audi-Standort Neckarsulm setzt als erstes Automobilwerk im VW-Konzern diese Technologie zur Fahrzeugidentifikation durchgängig im gesamten Produktionsprozess ein.

Der Standort legt damit eine weitere wichtige Grundlage für eine vollvernetzte Fertigung. Vorreiter war Audi auch in den Böllinger Höfen beim E-Tron GT mit der Einführung des On-Metal-Tags, der direkt an der Karosserie angebracht werden kann. Bisher war hier ein Abstandhalter nötig, damit die Kommunikation nicht gestört wird.

Die Technik soll nun ebenfalls im gesamten Konzern ausgerollt werden. Mithilfe des RFID-Chips ist es auch möglich, die Fahrzeuge auf dem Gelände zu verorten. Dabei kommen Drohnen zum Einsatz. Sie überfliegen die Fahrzeugversandflächen autonom und unterstützen die Mitarbeiter bei der Lokalisierung der Fahrzeuge indem sie die Position anhand des RFID-Tags erfassen.

 

 
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