Audi-Azubis entwickeln E-Rikschas, die mit ausgemusterten Batterien angetrieben werden
In Rikschas können Batterien von Elektro-Autos ein zweites Leben bekommen. Das Projekt der Neckarsulmer Audi-Azubis soll in Indien Vorbildfunktion haben.
Ziemlich verbeult war die 43 Jahre alte Rikscha aus Thailand nach Neckarsulm gekommen. Jetzt steht sie da wie ein cooles Retro-Modell, das nur darauf wartet, für die nächste Party ausgeführt zu werden. Dabei soll die Idee - wenn sie denn Schule macht - Menschen in Indien eine flexible, nachhaltige Fortbewegung und damit ein Einkommen ermöglichen. Und das mit ausgemusterten Lithium-Ionen-Batterien.
Details, die Spaß machen
Freitagnachmittag, Azubi-Werkstatt bei Audi in Neckarsulm. Man könnte meinen, die Party ist schon im Gange. Till Barz dreht erst einmal die Musik der Bluetooth-Lautsprecher etwas leiser. Zwei Wochen vor der ersten größeren Ausfahrt auf dem Werksgelände hat der angehende Kfz-Mechatroniker noch einiges an dem Fahrzeug zu tun. Auch die Lautsprecher müssen noch einen Platz finden. Details, die Spaß machen.
Nachhaltigkeit ist den Azubis wichtig
Die Idee für die E-Rikscha hat allerdings einen ernsten Hintergrund. Als es darum ging, nach zwei Jahren wieder ein Azubi-Projekt in Neckarsulm umzusetzen, sollte Nachhaltigkeit eine zentrale Rolle spielen. Gemeinsam mit Kollegen in Ingolstadt kam Timo Engler, Ausbildungsleiter Fahrzeugtechnik und Logistik in Neckarsulm, auf die Idee, ausrangierte Batterien in den in Indien so populären Rikschas einzusetzen.
"Wir sind mit der Audi-Stiftung für Umwelt ins Gespräch gekommen, die waren begeistert", erzählt Engler. Seit 2019 arbeitet die Stiftung bereits mit dem indischen Start-up Nunam zusammen, das bis jetzt vor allem alte Laptop-Akkus umnutzt. E-Rikschas mit alten Autobatterien passen da ins Konzept. Die Stiftung fördert also auch dieses Projekt.
Fünf Berufsgruppen sind am Projekt beteiligt
Seit Januar arbeiteten 14 Azubis aus fünf Berufsgruppen an der Neckarsulmer E-Rikscha. Inzwischen ist sie fast fertig. Aus dem Tuk-Tuk - so nennt man die mit tuckerndem Zweitakter ausgestatteten Gefährte landläufig - ist ein dahingleitendes Simmm geworden. In Indien zugekauft wurden dazu Achse, Elektromotor und Motorsteuerung. Dort sind das Standardteile, mit denen alte Rikschas umgebaut werden. Allerdings kommen dort bislang die herkömmlichen Blei-Säure-Akkus zum Einsatz. Sie sind schwer, gehen schnell kaputt und werden dann häufig nicht fachgerecht entsorgt. Das soll bei den Nunam-Rikschas anders laufen. Wenn die Audi-Batterien irgendwann wirklich zu alt sind, sollen sie als stationäre Stromversorgung für Licht oder andere kleine Stromverbraucher eingesetzt werden - und an ihrem Lebensende aufgearbeitet werden. Doch bis dahin können sie noch viele Jahre Dienst tun.
Die Reichweite soll 300 Kilometer betragen
300 Kilometer Reichweite sollte das Sparmobil haben, so lautete der erste Richtwert aus Indien. Erfahrungswerte gibt es noch nicht. Wenn das Konzept aufgeht, sollen möglichst viele alte Rikschas umgebaut werden. "Deshalb wird Nunam sein Wissen teilen, um weitere Initiativen zu motivieren, Produkte mit Second-Life-Komponenten zu entwickeln", sagt Rüdiger Recknagel, Chef der Audi-Umweltstiftung.
Aus den 35 Batteriemodulen eines einzigen Audi E-Trons könnten im Idealfall Stromspeicher für acht Rikschas zusammengeschaltet werden. Vier Module sind jeweils vorgesehen. Ebenso wichtig wie das Gefährt selbst ist allerdings die Lademöglichkeit. In einem Land mit unzuverlässiger Stromversorgung braucht es auch da neue Ansätze. So haben die Azubis eine Telefonzellen-ähnliche Station gebaut. Drei Solarmodule auf dem Dach laden die darin untergebrachten acht Batteriemodule tagsüber auf. Abends können so die Rikscha-Akkus mit echtem Grünstrom gefüllt werden.
Weg zur ökonomischen Unabhängigkeit
Für den Nunam-Gründer Prodip Chatterjee ist das mehr als nur ein interessantes Projekt. Batterien könnten Menschen in herausfordernden Lebenssituationen helfen, ein Einkommen und ökonomische Unabhängigkeit zu erzielen - "auf eine nachhaltige Art und Weise".
Die Neckarsulmer E-Rikscha wird übrigens heute in einer Woche, am Mittwoch, 22. Juni, offiziell auf dem Greentech-Festival in Berlin der Weltöffentlichkeit präsentiert. Drei weitere Rikschas baut Nunam derzeit in Indien auf - vom Austausch mit den Projektpartner profitieren auch die Audi-Azubis aus dem Werk Neckarsulm. Die indischen Exemplare sollen 2023 auf der Straße fahren. Ein Traum für die Audi-Azubis, wenn ihr Gefährt ebenfalls eine Straßenzulassung in Deutschland bekäme. Doch da hat der Tüv ein Wörtchen mitzureden.
Reparieren und upcyclen
Die Audi-Azubis hatten von Anfang an die Nachhaltigkeit im Blick. Was aufbereitet werden konnte, wurde aufbereitet. Bleche wurden ausgebeult und sandgestrahlt. Der Motorraum wurde verschlossen und beherbergt jetzt Batterie und Elektronik. Zudem wurden möglichst nur ausrangierte oder nicht mehr anderweitig nutzbare Materialien verwendet. Das Dach der Rikscha trägt deshalb zigfach die Aufschrift "Airbag", weil der widerstandsfähige Stoff bestens geeignet war, allerdings nicht mehr für Airbags verwendet werden darf. Ebenso sind die Sitzbänke mit Leder aus Restbeständen der Audi-Sattlerei in Ingolstadt bezogen worden. Der Schalthebel stammt von einem Unfallwagen. Nur beim Licht machten die Audianer keine Kompromisse. Statt stromfressender Glühbirnchen wurden der "Gaia" getauften E-Rikscha LED-Strahler verpasst. Alle Daten, die mit den E-Rikschas gesammelt werden, stellen die Sozialunternehmer von Nunam potenziellen Nachahmern auf der Open-Source-Plattform circularbattery.org zur Verfügung. Nachmachen ausdrücklich erwünscht.
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Kommentare
Raphael Benner am 25.06.2022 11:47 Uhr
Wow. In China entwickelt man Züge bis 500km/h, verkauft bereits Wasserstoffautos und hier gehts zurück aufs Rad. Wann wird der erste Esel-Anhänger marktreif?
Rainer Haseneder am 19.06.2022 18:31 Uhr
Großartige Initiative!
Ich hoffe, dass sie in Indien auch wirklich Anwendung finden wird. Was ich bislang gesehen habe ist, dass es in Indien immer heißt „Great chance for India !“ oder „This has the potential to help India !“ und dann passiert nichts, weil es keinen Investor gibt, und weil die Regierung oder die jeweilige Staatskraft sich doch nicht dafür interessiert, und lieber an den kleinen Problemen weiter arbeitet, die den Alltag in Indien schwer machen. Ich erinnere mich, dass es bereits in 2008 oder 2009 eine Initiative von indischen Studenten gab, das Tuktuk mit 27 Ideen zu verbessern: ökonomisch, funktionell, nachhaltiger, so dass es aufgrund weniger Verschleißes weniger Reparaturen bedarf.
Wir werden sehen, was sich jetzt ergeben wird. Ich hoffe sehr das es einen potenten Unterstützer für diese Idee geben wird.
Es wäre nützlich, sich einen potenten indischen Partner zu suchen, der den Willen und die finanzielle Kraft hat, dies auf seine Fahnen zu schreiben und zu unterstützen, am besten sogar in sein Produkt Management und Produkt Entwicklung zu integrieren. Am besten den Hersteller Bajaj dazu mit ins Boot nehmen oder alternativ Tata Industries (Mischkonzern: Fahrzeughersteller, Netzwerkbetreiber und Dienstleister in IT und Finanzen). Ansonsten wird das wie andere Sachen, die Indien hätten voranbringen können, zu einem weiteren Rohrkrepierer.
Indien muß weg von diesen Zweitaktmotorfahrzeugen, die die Luft der Städte in Indien furchtbar verpesten.
Diese Initiative ist die Chance dazu.
Ich würde gerne am Businessplan mitarbeiten.
Raphael Benner am 18.06.2022 07:02 Uhr
das neue Deutschland. Und die Chinesen bauen Züge mit 500km/h und verkaufen Wasserstoffautos.