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Wie bei Audi der Wiederanlauf gelingen soll

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Tausende Arbeitsplätze im Audi-Werk wurden in den vergangenen Wochen auf Kontaktvermeidung getrimmt. Wenn die Produktion jetzt wieder anläuft, wird das allerdings nicht alle Probleme lösen.


 

Als 1970 das Jahrhunderthochwasser die Autoproduktion bei Audi-NSU stilllegte, mussten 8000 Mitarbeiter nach Hause geschickt werden. Der Schaden ging in die Millionen und stellte letztlich den gesamten Standort Neckarsulm im VW-Konzern infrage. Zwei Tage stand das Band damals still. 50 Jahre später steht das Band wieder. Inzwischen seit nahezu 30 Arbeitstagen - wohl so lange wie noch nie seit dem Zweiten Weltkrieg.

Wiederanläufe sind in Neckarsulm keine Besonderheit. Nach jeden Werksferien werden die Einheiten nacheinander hochgefahren. Das ist Routine. Diesmal ist es anders. Lieferketten sind unterbrochen. Mehr als 10.000 Mitarbeiter befinden sich in Kurzarbeit. Und wenn sie zurückkehren, sollen sie sich nicht zu nahe kommen.

Im Presswerk, wo mit Getöse Hub für Hub schon wieder die ersten Kleinteile für China produziert werden, ist das bestens zu sehen. Zwei Audianer, sogenannte Abstapler, stehen durch transparente Kunststoffmatten und Plexiglas getrennt nebeneinander, während sie die Blechteile in Empfang nehmen, die das mächtige Werkzeug ausspuckt.

"Wir mussten alle schnell lernen"

"Wir alle mussten schnell lernen", sagt Markus Roßkopf, der seit fünf Jahren das Presswerk leitet. Die letzten Wochen hat er wie viele andere Verantwortliche im Werk damit zugebracht, Arbeitsplätze coronasicher zu gestalten. Wenn nun nach und nach die Audianer wieder zurückkehren, soll eine Infektion im Werk möglichst ausgeschlossen werden.

Außer im Presswerk, das als erster Werksteil hochgefahren wird, ist es aber vielerorts noch äußerst ruhig. Bei einem Rundgang durchs Werk wird deutlich, dass die Situation hier keiner auf die leichte Schulter nimmt. Die Aussichten für die gesamte Branche sind schließlich äußerst belastend.

Werkleiter Stettner: Es ist jetzt wichtig, Vorbild zu sein

Werkleiter Helmut Stettner will negativen Gedanken allerdings keinen Raum geben. Natürlich sei es nun ein anderes Gefühl, wenn er auf dem Gelände unterwegs ist, als während der Werksferien oder zum Jahreswechsel. "Aber es ist keine Situation, die uns runterzieht", sagt der 60-Jährige, der seit vier Jahren hier auf dem Chefposten ist.

Man spürt: über Probleme, denen sich die deutsche Schlüsselindustrie und mit ihr das Neckarsulmer Werk gegenübersieht, will er nicht viele Worte verlieren. Sein Blick ist auf die nächsten Tage und Wochen gerichtet: "Es ist jetzt noch wichtiger, Vorbild zu sein." Wenn jetzt nicht jeder einzelne seinen Beitrag leiste, werde es schwierig.

Krisenstab mit klaren Vorgaben

Dabei sitzt er am Konferenztisch, wo üblicherweise der Werkleiter-Kreis tagte. Der Krisenstab ist mittlerweile zum wichtigsten Gremium im gesamten VW-Konzern geworden.

Streng hierarchisch ist er von Wolfsburg über Ingolstadt nach Neckarsulm organisiert. Vorgaben, wie die Arbeitsbereiche im Werk "entdichtet" werden sollen, setzt der Krisenstab hier stringent um. Nichts soll dem Zufall überlassen bleiben. Zu viel hängt am erfolgreichen Wiederanlauf.

Es geht um die Zukunft des Standorts

Vergleiche mit der Zeit vor 50 Jahren, als die Zukunft des Werks auf dem Spiel stand, drängen sich auf. Auch wenn sich derzeit niemand eine Schließung des Standorts vorstellen kann. Bei fast 17.000 Arbeitsplätzen im Werk Neckarsulm gibt es allerdings viel Potenzial für weiteren Stellenabbau, was einen weiteren Bedeutungsverlust zur Folge hätte und damit der Einstieg in eine Abwärtsspirale.

Bereits im Herbst hatte Audi ein Sparprogramm verabschiedet, das den Abbau von mehr als 7000 Stellen im Konzern vorsieht. Da war die Stimmung unter den Audianern in Neckarsulm bereits im Keller, auch weil der Standort bei den Investitionen in die Elektromobilität das Nachsehen hatte. Das ist bitter, weil Audi insgesamt 30 E-Modelle bis 2025 auf den Markt bringen will.

Dennoch: Die Sorge um einen Verteilkampf zwischen Ingolstadt und Neckarsulm gebe es nicht, versichert Stettner. "Der A6 in Neckarsulm, der A3 in Ingolstadt, der A4 über die Drehscheibe, das sind klare Vereinbarungen." In erster Linie gehe es um den Konzern. "Was das Beste für den Konzern ist, das ist auch das Beste für den Standort Neckarsulm."

Manch ein Fragezeichen wird größer

Baustellen zeigen, dass investiert wird auf dem Werksgelände, dessen Luftbild hinter Stettner an der Wand zu sehen ist. Hunderte Millionen Euro gibt der Konzern Jahr für Jahr für Neubauten aus - wenn auch über einer riesigen Freifläche und einem imposanten Rohbau derzeit ein Fragezeichen prangt, was die künftige Nutzung angeht. Je länger der Shutdown des Werks dauert, desto größer werden diese Fragezeichen. Autos, die nicht produziert wurden, können auch nicht verkauft werden. Audi stehen denkwürdige Monate und Jahre bevor.

Während große Teile des Werks nun über mehr als fünf Wochen stillstehen, ging die Arbeit im Entwicklungszentrum unvermindert weiter. "Wir wollen gestärkt aus der Krise gehen", sagt Stephan Reil, Chef der Technischen Entwicklung am Standort Neckarsulm. Mitte Juli findet der Modelljahreswechsel statt. Im Herbst gilt die neue, verschärfte Euro-6d-Abgasnorm. "Sobald das Gesetz scharfgestellt wird, müssen wir die Antriebsstränge umgestellt haben", sagt Reil.

40.000 Fernzugriffe aus dem Homeoffice

Ein Gutteil der 2000 Mitarbeiter hier konnte ins Homeoffice ausweichen. "Die IT hat bei uns einen riesigen Job gemacht. Die Fernzugriffe wurden innerhalb kürzester Zeit von 15.000 auf 40.000 erhöht, und alles läuft stabil", sagt Dr. Michael Niemeyer, der für Prüfstände und Gebäude verantwortlich ist.

Um bei den verbliebenen Ingenieuren und Prüfstandsfahrern das Risiko einer langen Infektionskette zu minimieren, finden beispielsweise die früher üblichen Schichtübergaben nicht mehr statt. Nun liegt eine halbe Stunde Puffer zwischen Früh- und Spätschicht, damit sich die Mitglieder der einzelnen Gruppen nicht begegnen.

Für die Übergabe wird alles schriftlich dokumentiert. Was in den verschiedenen Bereichen vom Krisenstab und den Gesundheitsexperten an Entdichtungsmaßnahmen entwickelt wurde, taugt durchaus als Vorbild für andere Unternehmen.

Wer nicht gesund ist, soll daheim bleiben

Beteiligt an der Ausarbeitung der Vorgaben war der Leiter des Audi-Gesundheitsschutzes in Neckarsulm, Dr. Horst Mann. "Wir haben uns etwa mit Mitarbeitern mit Vorerkrankungen beschäftigt", sagt Mann. Einige Hundert Betroffene seien beraten worden. Sie sollen künftig grundsätzlich einen Mund-Nase-Schutz tragen.

Besonders wichtig sei zudem, dass kein Arbeitnehmer mit grippeähnlichen Symptomen bei der Arbeit erscheint. Wer doch Symptome zeigt, wird im Gesundheitszentrum direkt in die eigens vorbereitete Infektambulanz umgeleitet. Bisher habe es in der Belegschaft 18 dokumentierte Fälle von Corona-Infektionen gegeben.

Rote, gelbe und grüne Arbeitsplätze

Alle Arbeitsplätze im Werk wurden kategorisiert in grün, gelb und rot. An grünen Arbeitsplätzen ist das Risiko, mit Kollegen in Kontakt zu kommen, gering. Gelbe Plätze konnten entweder so angepasst werden, dass sie letztlich doch unbedenklich und damit grün wurden. Wo ein Kontakt weiter nicht ausgeschlossen werden konnte, wurden auch sie rot, wo ab sofort grundsätzlich Mund-Nase-Schutz vorgeschrieben ist.

In Aufenthaltsräumen wurden Stühle entfernt, Werkbänke abgeklebt. Mitarbeiter aus der Montage und im Presswerk wurden aus der Kurzarbeit geholt, um dabei zu helfen, Trennwände herzustellen. Aus Holz, oder in bester Fließband-Manier aus Karton, der zugeschnitten, gefaltet und geklebt wird. "Die kann man beim Vespern auf den Tisch stellen", sagt Thorsten Klein, Leiter Vormontage Tür und Cockpit.

190.000 Quadratmeter verwaist

Verlassen wirkt auch noch der Karosseriebau. Auf 190.000 Quadratmetern in zwei Gebäuden sind derzeit nur eine Handvoll Elektriker unterwegs und schauen, dass es keine offensichtlichen Defekte an den Anlagen gibt.

Bei 98 Prozent Automatisierungsgrad sind hier die meisten Arbeitsplätze ohnehin schon entdichtet, wie es bei Audi so schön heißt. "In dieser Halle etwa arbeiten sonst nur 20 Leute", sagt Dr. Detlev Fuest, Leiter Instandhaltung im Karosseriebau, bei einem Rundgang. Nur im Finish, wo alles begutachtet wird, kommen wieder die Masken zum Einsatz.

Weil Ausgänge fehlen, wird der Arbeitsplatz rot

Vor dem Produktionsstopp wurden hier die Anlagen leergefahren. Mit den ersten Teilen aus dem Presswerk werden sie in dieser Woche wieder gefüttert. Dann geht es hinüber in die Lackiererei. Auch dort ist jetzt nur eine Notbesetzung bei der Arbeit.

Wo die Mitarbeiter den Lack auf die gefürchteten Nasen und Einschlüsse kontrollieren, hat Daniel Himmerich, der Verantwortliche für den Decklack, den offenen Raum mithilfe von Folien in eine Vielzahl an Arbeitsbereichen unterteilt. Somit ist ein direkter Kontakt für die Mitarbeiter erschwert. Doch weil sich die Wege bei jedem Toilettengang doch noch kreuzen, ist auch hier der Mund-Nase-Schutz vorgeschrieben. "Wir haben in diesem Bereich zu wenig Ausgänge", sagt Himmerich. So sind auch diese Arbeitsplätze rot. Pro Schicht und Woche benötigt die Lackiererei 4650 Masken.

Unwägbarkeiten bleiben

Nicht leergefahren wurde die Montage. Hier hängen und stehen - abgedeckt mit Folie - halbfertige Autos. Fotografieren verboten: Der Stillstand soll nicht auch noch visuell dokumentiert werden. Laut Plan läuft kommende Woche Montag hier das Band an. Doch Unwägbarkeiten bleiben. Akribisch wird die Teileversorgung vorbereitet. "Wir sind im Gespräch mit unseren kritischen Lieferanten, etwa in Italien", sagt Werkleiter Stettner. Und dann kommt es darauf an, dass die produzierten Autos wieder Abnehmer finden. Es wird kein Selbstläufer. Viele Autohäuser weltweit haben noch geschlossen.

Vorgaben der Politik teils verschärft
Seit dem 23. März steht die Produktion im Audi-Werk Neckarsulm still. Wie lange die Kurzarbeit für Teile der Belegschaft noch gelte, ist ungewiss. Alexander Reinhart, Betriebsrat für die Montage, ist mit den Vorbereitungen für den Wiederanlauf im Werk allerdings sehr zufrieden. "Wir haben versucht, im Vorfeld alles abzuwägen." Der Schutz und die Sicherheit der Mitarbeiter sei im Vordergrund gestanden. Die Vorgaben von Bund und Land seien von Audi teils aktiv verschärft worden. Im Zweifelsfall komme nun immer der Mund-Nase-Schutz zum Einsatz. "Sicher wird es noch die eine oder andere Stelle geben, wo wir nachbessern müssen", sagt Reinhart.

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