Auf heikler Mission in Polen, 1981: Ein Redakteur erinnert sich
Der ehemalige Stimme-Redakteur Hans Georg Frank macht sich im Dezember 1981 mit einem kleinen Team auf den Weg nach Polen. Trotz widriger politischer Umstände wollen die Helfer der Aktion Menschen in Not 13 Tonnen Lebensmittel, Hygieneprodukte und Medikamente ins oberschlesische Kattowitz bringen. In Polen wurde vor einem Tag das Kriegsrecht ausgerufen - aber davon will sich das Team nicht aufhalten lassen.
Am Tag der Abfahrt im Jahr 1981 ist plötzlich alles unklar. Wie gefährlich ist die Lage, kommt man überhaupt noch nach Polen? Ein Konvoi mit 13 Tonnen Hilfsgütern, finanziert mit Spendengeldern aus der Stimme-Aktion Menschen in Not, steht bereit für die Reise nach Oberschlesien, aber die Situation hat sich verändert. Es ist der 14. Dezember. Tags zuvor hat Polen das Kriegsrecht über das Land verhängt. Eigentlich ist kein Durchkommen mehr für die Lkws aus Deutschland.
Die Hilfsgüter umfassen Fleisch, Butter, Kindernahrung, Hygieneprodukte, Medikamente und vieles mehr, im Wert von mehr als 33.000 Mark. Leser der Heilbronner Stimme, die Caritas und Diakonie hatten eifrig für die Menschen im oberschlesischen Kattowitz gespendet. Nur ankommen muss die tonnenschwere Ladung noch.
Konvoi muss Grenzen in die DDR und nach Polen überqueren
„Nach einer kurzen Besprechung beschlossen wir, uns nicht aufhalten zu lassen“, erinnert sich Hans Georg Frank, der die Aktion als Berichterstatter begleitet. Auch 40 Jahre später blickt er noch mit Staunen auf das Abenteuer zurück, das er als herausragendes Ereignis in seiner journalistischen Karriere bezeichnet. Denn plötzlich, so erzählt er, sei er als Redakteur einer Regionalzeitung „mitten in der Weltpolitik“ gelandet.
Und so rollen die zwei Laster mit den Hilfsgütern durch die verschneite Landschaft, über die Grenze in die DDR, und schließlich nach Polen. Die Lage in dem Land, sowohl politisch als auch von der Versorgung der Bevölkerung her, ist heikel. „Es gab Streiks und Unruhen, viele Läden hatten nichts mehr. Die Preise waren hoch“, erzählt Hans Georg Frank. Der Ministerpräsident in Polen, Wojciech Jaruzelski, versucht in dieser Zeit, die unabhängige Gewerkschaft „Solidarnosc“ zu zerschlagen, die auch politisch immer erfolgreicher wird. Also ruft er das Kriegsrecht aus.
Zwei Grenzen muss der Konvoi passieren. Überraschenderweise wird er weder in der DDR noch in Polen aufgehalten. Das Glück: „Das Kriegsrecht war erst einige Stunden alt“, sagt Frank. Er vermutet, die polnische Miliz sei zu dem Zeitpunkt noch nicht geschult worden, welche Regeln an der Grenze gelten.
Kinder in einem Waisenhaus bekommen Schokolade
Die Kattowitzer begrüßen die Helfer mit großer Freude. „In roten Buchstaben stand ,Lebensmittel’ auf den Lkws. Die Menschen wussten also, was da kommt“, sagt Frank. Der Dekan, Pfarrer und Schwestern eines Waisenhauses nehmen die Güter in Empfang, Helfer tragen die Pakete in den Schuppen des Pfarrers. Die Heilbronner Caritas hatte zuvor mit ihm Kontakt aufgenommen, damit die Ladung unter den bedürftigen Menschen in der Gemeinde gerecht verteilt würde.
Und auch die Kinder im Waisenhaus bekommen gleich ein paar Kleinigkeiten wie eine Tafel Schokolade. „Die Kinder hatten so ein Leuchten in den Augen, dass man diesen Anblick sein Lebtag nicht vergisst“, berichtet Hans Georg Frank. Er läuft herum, schießt eifrig Fotos und nimmt Gespräche und Eindrücke in seinem Notizblock auf. „Die Not war unvorstellbar. Ein Mann erzählte mir, dass er zum vierten Mal Vater wird und die Familie bisher nur fünf Windeln hat.“
Damaliger Stimme-Redakteur wird festgenommen
Die Arbeit des Journalisten ist allerdings nicht ungefährlich. Die Miliz überwacht die Aktion streng, greift aber erst ein, als Frank den Uniformierten als Reporter auffällt. Er wird festgenommen. „In der Wache musste ich Auskunft geben, was da eigentlich abläuft.“ Er beteuert, dass die Aktion nicht politisch sei, dass die Helfer nur Spenden überreichen wollten.

Er wird freigelassen, lediglich ein Kamerafilm wird beschlagnahmt. „Sie sagten mir explizit, dass ich keine Bilder von der Freude der Menschen mehr machen dürfe.“ Heimlich fotografiert er trotzdem weiter.
Helfer übernehmen gefährlichen Botendienst
Schließlich stecken viele Kattowitzer den deutschen Helfern noch Briefe und Telefonaufträge zu. „Es gab Zensur und Telefonate wurden überwacht“, erklärt Hans Georg Frank. Die Menschen hätten Nachrichten an Verwandte in anderen Ländern übermitteln wollen. Der Botendienst, berichtet Frank, sei gefährlich gewesen. „Wenn die Briefe gefunden worden wären, hätten wir Ärger bekommen. Wir haben sie ja quasi rausgeschmuggelt.“ Das Risiko habe das Team aber eingehen wollen. „Das war für uns ein Teil der Hilfe“, sagt Frank.
Damals wie heute löst die Aktion Menschen in Not eine riesige Hilfsbereitschaft unter den Lesern der Heilbronner Stimme aus. Mit den Spenden werden heute Bedürftige in der Region unterstützt.
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