Kritik am digitalen Medienkonsum von Jugendlichen: "Es geht um die Inhalte, nicht um das Medium"
Ob eine App zum Lernen, Youtube, Instagram oder Tiktok: Social Media ist überall. Medienpädagogin Alia Pagin spricht im Interview über den richtigen Umgang mit digitalen Medien für Jugendliche und worauf Eltern achten sollten.

Gewalt an Schulen ist vielschichtig. Über den Umgang mit digitalen Medien und die Nutzung von Fotos hat die Frankfurter Medienpädagogin Alia Pagin bei der Fachtagung in Heilbronn gesprochen.
Eltern sind Vorbild, wenn es um die Nutzung von Tablets und Handys geht. Wie schwer ist es, Mütter und Väter davon zu überzeugen, dass ihre Kinder Regeln brauchen?
Alia Pagin: Da differenziere ich. In der Elternarbeit erlebe ich unterschiedliche Wahrnehmungen. "Wir müssen alles jetzt irgendwie mit digitalen Medien machen", "Das ist das Zeitalter", "Wir wollen nicht, dass die Kinder sich abgehängt fühlen": Das sind die einen Aussagen. Es gibt auch das andere Extrem: "Die bösen Medien" oder "Wenn wir das Internet abschalten würden, hätten wir diese ganzen Probleme nicht mehr". Die Kunst ist hier, mit einer differenzierten Betrachtungsweise Eltern Mut zu machen, sich mit dem Medienkonsum der Kinder auseinanderzusetzen. Das fehlt an vielen Stellen.
Warum?
Pagin: Das ist keine Verwahrlosung der Kinder oder Desinteresse von Eltern. Viele Mütter und Väter fühlen sich überfordert. Sie wissen nicht, was TikTok ist oder wie die Algorithmen dahinter Inhalte beeinflussen.
Nimmt diese Überforderung zu?
Pagin: Das ist schwer zu sagen. Durch digitale Medien ist alles sehr viel greifbarer geworden. Man merkt mehr, dass Kinder auf ihre Handys starren oder vor einem Bildschirm sitzen. Das war vor 20 Jahren ähnlich mit dem TV-Gerät. Es hieß damals eben: Fernsehen macht doof, Bücher machen schlau. Das stimmt natürlich auch nicht. Es gibt grottenschlechte Bücher. Ich will Empathie für die Kinder und Jugendlichen wecken und das Bewusstsein, dass es immer um die medialen Inhalte geht, nicht um das Medium an sich.
Inwiefern?
Pagin: Wir alle haben als Kinder und Jugendliche ebenfalls aus unterschiedlichen Gründen Medien genutzt. Sie informieren und unterhalten, und sie tragen zu einem Zugehörigkeitsgefühl bei. Wenn Eltern sich an ihre eigene Kindheit erinnern, können sie ihre Kinder mit diesem Verständnis besser begleiten.
Heilbronn steht vor einer Digitalisierungsoffensive an Schulen, alle Schüler können Tablets erhalten. Kann diese stadtweite Initiative helfen, alle Kinder im richtigen Umgang mit digitalen Medien zu schulen?
Pagin: Ja, genau das versuche ich seit Jahren zu erklären. Man darf die technische Ausstattung nicht mit einer adäquaten medienpädagogischen Begleitung verwechseln. Natürlich ist es hilfreich, wenn es WLAN gibt und Kinder mit einem Tablet im Internet Dinge recherchieren oder Vokabeln per App lernen können. Mir fehlt aber häufig die Sensibilisierung für die kritische Auseinandersetzung mit den eigentlichen Inhalten.
Was verstehen Sie darunter?
Pagin: Kinder und Jugendliche beschaffen sich über digitale Medien Informationen über tagesaktuelles Geschehen. Ihnen fehlt häufig das Bewusstsein dafür, was ein qualitätsjournalistischer Bericht ist und was ein Inhalt, der einfach nur viele Klicks bringt.
Wann sollte denn die medienpädagogische Bildung bei Kindern ansetzen?
Pagin: Mit Kindern im Alter von zehn oder zwölf Jahren über das Internet zu sprechen ist sehr spät. Kinder sind in ihren Familien schon sehr viel früher mit medialen Inhalten konfrontiert. Eltern sagen beispielsweise nur, google doch mal. Sie geben keine Anleitung, wie Google überhaupt funktioniert. Ich sage Kindern immer: Wenn wir jetzt alle gleichzeitig nach demselben Begriff suchen, erhalten wir unterschiedliche Suchergebnisse. Da fallen allen erstmal die Kinnladen runter, den Eltern übrigens auch. Es fehlt das Bewusstsein dafür, welche Macht diese großen Unternehmen haben, und wie sie das Bewusstsein für gesellschaftliche und politische Zusammenhänge beeinflussen können.
Können Eltern zugeben, dass sie sich nicht auskennen?
Pagin: Ja. Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Ich lerne immer unglaublich viel Technisches von den Kids. Bei den Inhalten stehen aber wir in der Verantwortung. Demokratiefeindliches oder menschenverachtende Äußerungen und Bilder kommen vor allem im Netz sehr subtil daher, oft sind sie kodiert. Da müssen wir die Kinder unterstützen und ihnen etwas erklären.
Machen Sie Schularten aus, wo die medienpädagogische Bildung besonders notwendig ist?
Pagin: Die Herausforderungen sind überall dieselben. Und Medienkompetenz muss auch von Erwachsenen gelernt werden.
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