Wann ist mein Kind alt genug fürs Smartphone?
Wann ist das richtige Alter, um Kinder an digitale Medien heranzuführen? Kindheitspädagogin Laura von Albedyhll erklärt im Stimme-Interview, worauf es ankommt.

Die einen Eltern halten ihr Kind möglichst lange von digitalen Medien und Geräten fern. Anderen kann es gar nicht schnell genug gehen, das Kind mit Smartphone und Tablet auszustatten. So verfügen bereits 18 Prozent der Vier- und Fünfjährigen über ein eigenes Tablet, sagt Laura von Albedyhll mit Verweis auf die miniKim-Studie von 2020. Im Interview spricht die Kindheitspädagogin und Referentin der Auftaktveranstaltung zum Stimme-Medienprojekt Ziki über Vor- und Nachteile der beiden Umgangsarten mit digitalen Medien.
Was halten Sie davon, wenn Eltern kritisch sind, ihr Kind vor zu frühem Kontakt mit digitalen Medien schützen wollen und lieber aufs klassische Buch setzen als zum Beispiel auf die Lern-App?
Laura von Albedyhll: Wo die Eltern recht haben: Die Entwicklung digitaler Medien vollzieht sich viel schneller als es zum Beispiel bei den Buchmedien der Fall war. Eltern, Fachpersonal und auch die Forschung wissen sehr wenig über die Auswirkungen oder wie man sich richtig verhalten soll. Oft ist es auch so, dass die Eltern gar nicht so viel Medienkompetenz haben, um kompetent mit den Geräten umgehen zu können oder ein sicheres Umfeld für die Kinder zu schaffen. Vor diesem Hintergrund ist der Impuls natürlich richtig, zu sagen, ich verlasse mich auf die Dinge, bei denen ich weiß, was passiert.
Diese Skepsis haben die Eltern nicht, die schon ihrem Vorschulkind das Tablet in die Hand geben.
von Albedyhll: Die haben insofern recht, weil Kinder heutzutage zwangsläufig über kurz oder lang mit digitalen Medien in Kontakt kommen. Selbst wenn Eltern versuchen, einen Schutzraum zu errichten, ist es trotzdem so, dass die Kinder Freunde besuchen, sie sind im öffentlichen Raum unterwegs, sehen Personen an diesen Geräten. Sie sind ja nicht in einer Blase.
Aber dem Kind einfach ein Smartphone zu geben reicht ja nicht.
von Albedyhll: Daher ist es notwendig, dass Kinder frühzeitig lernen, wie sie sicher und kompetent mit diesen Medien umgehen können. Die entscheidende Frage ist nicht, ob Kinder mit Medien in Berührung kommen sollten, sondern wie sie es tun und wie sie dabei unterstützt werden können, Medienkompetenzen zu entwickeln.
Die da wären?
von Albedyhll: Ein Faktor bei Medienkompetenz ist natürlich: Wie mache ich das Gerät an und wie finde ich meine Sendungen? Wie gehe ich mit einer App um, wie mit Maus und Tastatur, wie tippe ich auf einem Touchscreen? Aber das ist nur ein ganz kleiner Teil, wenn wir von Medienkompetenz sprechen. Es geht für Kinder auch darum zu sehen, was ist toll, was macht mir Spaß - und was tut mir andererseits nicht gut? Etwa wenn ich zu lange herumsitze. Oder: Wie gestalte ich selbst Medien - zum Beispiel Fotos. Und wenn ich das mache: Wo sind dann Gefahren, wenn ich meine Produkte öffentlich zeige?
Das ist dann aber schon ein Thema für ältere Kinder?
von Albedyhll: Gesundheitserziehung machen wir ja auch schon im Vorschulbereich: Welches Lebensmittel ist gut für mich, welches nicht? Mit den Digitalmedien funktioniert es nicht anders. Wenn eine Kita zum Beispiel Fotos macht, die Eltern über eine App zur Verfügung gestellt werden, kann man die Kinder einbinden, indem man ihnen einmal zeigt: Wir machen Fotos mit euch, wollt ihr, dass die Eltern diese Fotos sehen? Da geht es schon los mit den Grundlagen des Datenschutzes und dem Recht am eigenen Bild. Das sind ganz grundlegende Sachen, die Kinder schon früh mitentscheiden können, und wodurch sie merken: Aha, es ist wichtig, über die Bedeutung dieser Bilder nachzudenken.
Bei unserem Stimme-Medienprojekt Ziki lernen Vorschulkinder drei Wochen lang das Medium Zeitung kennen - diese Form der Medienbildung funktioniert seit zwölf Jahren hervorragend, allerdings ist die Zeitung auch aus Papier. Wann fängt man sinnvollerweise mit digitaler Medienbildung an?
von Albedyhll: Es gibt keine feste Regel, ab welchem Alter Kinder mit digitalen Medien in Kontakt kommen sollten. Zum Beispiel können Videotelefonie mit Verwandten oder bestimmte Apps für Vorschulkinder sinnvoll sein, da sie interaktive und kontrollierte Erfahrungen bieten können. Wichtig dabei ist, dass Eltern ihre Kinder begleiten und aktiv an der Mediennutzung teilnehmen. Habe ich Eltern, die dazu bereit sind, sich mit mir hinzusetzen und die Inhalte mit mir anzusehen? Habe ich als Kind die Chance, beim Video auch mal eine Pause zu machen und darüber zu sprechen, was hier gerade passiert? Je intensiver die Begleitung ist, umso früher kann die Mediennutzung ansetzen. Dann steht das Kind dem Fernseher oder dem Digitalmedium nicht allein gegenüber, sondern dann sind wir in einer pädagogischen Vermittlungssituation, in der wir über das Medium reden.
Das heißt aber auch, wir Erwachsenen müssen uns mit digitalen Medien befassen?
von Albedyhll: Wir sollten es. Denn die Kinder werden es - mit oder ohne uns.
Info
Laura von Albedyhll, ist Referentin bei der Senatorin für Kinder und Bildung in Bremen. Forschungs- und Lehrschwerpunkte der Kindheitspädagogin M.A. und Doktorandin an der Pädagogischen Hochschule Weingarten sind: Sprachentwicklung und Sprachförderung in der frühen Kindheit, Schriftspracherwerb, Medienbildung sowie Fachkraft-Kind-Interaktion in frühpädagogischen Einrichtungen.
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