Homeoffice und die Folgen für Neckarsulm
Die Stadt Neckarsulm behält ihr großes Streitthema, trotz der ersten großen Homeoffice-Umfrage in der Region. Konkret geht es um die Frage, ob die Stadt die umstrittene neue B27-Anschlussstelle an die Binswanger Straße tatsächlich benötigt.

Bei einem Bürgerentscheid, der nicht bindend war, sprach sich die Mehrheit der Wähler dagegen aus. Der Gemeinderat beschloss dennoch, daran festzuhalten. Es wird mit Kosten von 42 Millionen Euro gerechnet, die Stadt müsste 22,6 Millionen Euro übernehmen. Unabhängig davon will der Bund die B27 zwischen der Autobahn und der Abzweigung nach Neuenstadt auf vier Spuren ausbauen.
Der Oberbürgermeister geht davon aus, dass der Verkehr weiterhin zunimmt
Neckarsulm zählt für Arbeitnehmer zu den wichtigsten Städten in der Region. Zuletzt veröffentlichten Zahlen zufolge sind in der Stadt 41 600 Menschen tätig. Oberbürgermeister Steffen Hertwig schätzt, dass gut die Hälfte davon auch zu Hause arbeiten könnte.
Dennoch bekennt sich der Rathauschef weiterhin zu der Umbau-Maßnahme an der Binswanger Straße, mit der die Innenstadt vom Verkehr entlastet werden soll. Beispielsweise sind Büros der Schwarz-Unternehmensgruppe von Norden her leichter zu erreichen. Steffen Hertwig hält den B27-Anschluss "nach wie vor für fachlich notwendig". Der Oberbürgermeister sagt: "Wir werden weiter wachsenden Verkehr haben, ob uns das gefällt oder nicht."
Zugleich ist Steffen Hertwig davon überzeugt, dass man auf die Veränderungen der Mobilität und Arbeitsweisen, die die Corona-Krise im Bereich Homeoffice ausgelöst hat, reagieren muss. Daher hat er bei Verkehrsminister Winfried Hermann angeregt, diese Veränderungen im regionalen Mobilitätspakt mit allen Partnern zu diskutieren und näher zu beleuchten.
Zum Mobilitätspakt gehören außer Neckarsulm unter anderem die Stadt Heilbronn, das Land, der Stadtbahnbetreiber AVG sowie Audi und die Schwarz-Gruppe. Die Stadt Bad Friedrichshall will dem Bündnis beitreten. Erklärtes Ziel ist es, die Belastungen durch den Individualverkehr zu minimieren. Neben Baumaßnahmen spielt die Stärkung des Öffentlichen Personennahverkehrs sowie der Ausbau der Radwege eine Rolle.
Für die Freien Wähler haben sich die Rahmenbedingungen verändert
Was die zusätzliche Anbindung der Bundesstraße an die Binswanger Straße angeht, gibt es im Neckarsulmer Gemeinderat weiterhin Gegenstimmen - gerade auch wegen den möglichen Corona-Auswirkungen. Grüne und Freie Wähler, die dem Großprojekt seit langem kritisch gegenüberstehen, würden gern darüber diskutiert. "Die Rahmenbedingungen haben sich entscheidend verändert", sagt Joachim Eble, Fraktionvorsitzender der Freien Wähler.
Homeoffice wird sich auf viele Bereiche auswirken. Davon ist Neckarsulms Oberbürgermeister Steffen Hertwig überzeugt. Dazu gehört auch, wie Unternehmen ihre Gebäude planen werden. "Jeder Büroarbeitsplatz kostet Geld, jeder Parkplatz auch", betont Steffen Hertwig. Überlegt werde sicherlich, ob beispielsweise noch jeder Teilzeitbeschäftigte einen eigenen Schreibtisch benötige. Das drückt den Preis weiterer Investitionen: Beispielsweise müssen Bürogebäude so gebaut werden, dass für alle 30 bis 40 Quadratmeter Büro-Nutzfläche ein Stellplatz entsteht.
Audi hat seit 2016 eine Betriebsvereinbarung zu Homeoffice
Die Großunternehmen in der Stadt Neckarsulm setzen schon jetzt darauf, dass Arbeitnehmer daheim tätig sein können. Beispiel Audi, wo es seit dem Jahr 2016 eine Betriebsvereinbarung zum Homeoffice gibt. "Anfang April arbeiteten im gesamten Unternehmen rund 17 000 Audiander von zu Hause, also mehr als jeder Vierte", sagt eine Unternehmenssprecherin. "Aktuell sind es in Neckarsulm noch rund zehn Prozent, was etwa 1600 Mitarbeitern entspricht." Schon jetzt können dort Mitarbeiter Produktionshallen dank dreidimensionaler, virtueller Scans von zu Hause aus vermessen und Anlagen präzise planen.
"Auch der Unterricht für den Audi-Nachwuchs konnte trotz Corona-Krise weiterlaufen - mit Hilfe des sogenannten E-Learnings, also dem elektronischen Lernen", so die Sprecherin auf Stimme-Anfrage. Die Umstellung auf das virtuelle Klassenzimmer sei zügig über die Bühne gegangen, denn schon im September 2019 hatte der Konzern diese Lernplattform eingeführt.
Kommentar: Spagat
Von Jürgen Paul
Wenn das Coronavirus etwas Gutes bewirkt hat, dann ist es der Digitalisierungsschub, den Deutschland dringend benötigte. Quasi über Nacht fanden sich Millionen Beschäftigte unfreiwillig im Homeoffice – und es hat erstaunlich gut funktioniert. Plötzlich war kaum Denkbares möglich: Arbeiten mit dem Laptop am heimischen Schreibtisch, Besprechungen mit Kollegen und Kunden per Videokonferenz.
Die Vorteile der Heimarbeit liegen für die Beschäftigten auf der Hand. Sie können sich ihren Arbeitstag freier einteilen und verlieren keine Zeit auf dem Weg ins Büro. Das entlastet zugleich den Verkehr und schont die Umwelt. Für die Arbeitgeber ist Homeoffice allerdings ein Spagat. Sie können zwar einerseits mit Modernität, Flexibilität und Vertrauensvorschuss bei Mitarbeitern und Bewerbern punkten. Andererseits wird die Planung der betrieblichen Abläufe deutlich aufwendiger. Wie viele Mitarbeiter im Homeoffice kann ein Unternehmen verkraften? Wie viel Präsenz im Betrieb ist notwendig? Diese schwierigen Fragen gilt es zu beantworten, um die Interessen der Beschäftigten mit denen des Arbeitgebers unter einen Hut zu bringen.
Bei allen Vorteilen der Heimarbeit darf nicht vergessen werden: Teamgeist und gute Ideen entstehen eher beim Plausch in der Teeküche als bei Videokonferenzen.
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