Meinung zu den hohen Energiekosten: Gas ist nicht der Ausweg
Energie wird teurer. Der Aufschrei darüber verdeckt die wahren Probleme, warnt unser Autor. Denn ohne schnellen Ausbau der Regenerativen klafft bald eine Lücke zwischen Angebot und Bedarf. Darüber freut sich leider nur der russische Präsident und sein Gazprom.
Spritpreis auf Rekordniveau, Gaspreis schießt in die Höhe, Strom wird knapp. Der Aufschrei ist groß, und sofort heißt es: Geringverdiener können das alles nicht mehr bezahlen, deshalb runter mit Steuern, Umlagen und Abgaben. Nun, die Sorge um die Schwächsten in unserer Gesellschaft ist angebracht, doch die Schlussfolgerung ist falsch.
Wer verhindern will, dass Sozialhilfeempfänger einen kalten Winter erleben, der muss ihnen zielgerichtet die Mehrausgaben erstatten. Doch darum geht es den derzeit besonders aktiven Lobbyisten nicht. Sie empfehlen pauschal "Entlastungen" - für alle und besonders für sich selbst.
Wer lenken will, darf nicht zurückzucken
Das Argument "Runter mit der Zusatzbelastung" zieht schon deshalb nicht, weil die staatlichen Anteile am Energiepreis in den letzten Monaten nicht gestiegen sind - bis auf die CO2-Abgabe Anfang des Jahres. Ausgerechnet damit wurde jedoch ein Instrument mit Lenkungswirkung eingeführt. Fossile Energieträger werden belastet, erneuerbare Quellen privilegiert. Das kann man nicht sofort wieder umkehren, wenn es anfängt wehzutun. Genau das war das Ziel.
Wenn dann auch noch die "Windarmut" des Jahres 2021 als Begründung für steigende Strompreise ins Felde geführt wird, ist der Hintergedanke offensichtlich. Richtig ist zwar, dass es 2021 viel zu wenig Windstrom im Netz gab, ebenso zu wenig Sonnenstrom. Aber das gilt es eben zu ändern - mit einem massiven Ausbau der Erneuerbaren.
Die Weltwirtschaft läuft an - mit Wucht
Aktuell gibt es aber eine ganze Reihe von Gründen für den Energiepreisschub, von denen uns einige wirklich Sorgen machen sollten. Ganz normal ist erst einmal, dass das plötzliche Wiedererwachen der Weltwirtschaft nach monatelangen Pandemie-Einschränkungen die Preise an den Rohstoff- und Energiepreisbörsen in die Höhe jagt.
Man kennt das: Jeder Aufschwung in den vergangenen Jahrzehnten wurde auch von steigenden Ölpreisen begleitet. Diesmal ist es extrem. Eine Folge: Im durchorganisierten China etwa geht vielerorts das Licht aus. Staatlich vorgeschrieben sind dort bezahlbare Strompreise. Die betroffenen Unternehmen wissen inzwischen aber: Teurer als teurer Strom ist kein Strom.
Die Lücke nach dem Automausstieg wird gestopft. Die Frage ist: Wie?
Das ist ein mahnendes Beispiel für Deutschland. Hier wird über einen Kohleausstieg bis 2030 diskutiert, während Süddeutschland ab 2023 ohne Atomstrom und ohne Windstrom-Leitungen wie Suedlink versorgt werden soll. Soll der fehlende Strom aus dem Ausland kommen? Als Ausweg, der zumindest einen Teil der Lücke schließt, wird statt Kohle und Atomkraft künftig zu großen Teilen Erdgas verstromt.
Eine durchdachte Strategie sieht anders aus. Zumal es einen gibt, der genau beobachtet, was in unserem Land passiert. Wladimir Putin und sein Gazprom sind bei ihrem Schachspiel jetzt am Zug. Sie treiben gezielt die Preise in die Höhe, um die Notwendigkeit von Nord Stream 2 zu unterstreichen.
Dabei ist die Abhängigkeit vom russischen Gas ohnehin riesig. Sie wird noch größer, wenn mit diesem Brennstoff künftig nicht nur geheizt, sondern auch noch im großen Maßstab Strom produziert wird.
Methan ist nicht sauber, sondern extrem gefährlich
Komplett irreführend ist übrigens die Botschaft, dass Gas im Vergleich zu Kohle und Öl besonders sauber ist und sich deshalb als Brückentechnologie anbietet. Erdgas besteht hauptsächlich aus Methan, das bei Produktion, Transport und Nutzung zum Teil entweicht und eine oft unterschätzte klimaschädliche Wirkung hat.
Auf 100 Jahre gerechnet ist dieser Klimakiller gut 20 Mal so schädlich wie CO2. Doch in den ersten zehn Jahren ist er noch viel gefährlicher. Es ist möglicherweise schon für rund 30 Prozent der Klimaerwärmung verantwortlich, schätzt das UN-Umweltprogramm. Wer den Klimawandel mit Erdgas bremsen möchte, verfehlt am Ende das Ziel.
Kommentare öffnen


Stimme.de
Kommentare
Volker Raith am 21.10.2021 08:10 Uhr
Die Einschätzung von Redakteur Christian Gleichauf trifft voll zu !