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Die Folgen der Corona-Krise für Auszubildende

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Die Corona-Krise trifft Lehrlinge in besonderem Maße. Denn manche müssen sich gerade auf Prüfungen vorbereiten. Stimme.de hat alle wichtigen Fragen und Antworten zusammengestellt, die Azubis jetzt wissen müssen.

von Marie-Luise Schächtele , Anna-Lena Sieber und Christian Gleichauf

Können Auszubildende in der Corona-Krise ihren Ausbildungsplatz verlieren?

"Bisher noch nicht", sagt Michael Hilsmann, Ausbildungsberater bei der Industrie- und Handelskammer Heilbronn-Franken (IHK). Wenn es bei den Unternehmen jedoch an die Existenz gehe, könnten Ausbildungsverträge beendet werden. "Konkrete Kündigungen abgeschlossener Verträge gab es noch nicht." Es gebe aber bereits Betriebe, die darüber nachdenken würden, von einem Vertrag zurückzutreten, weil sie feststellen, dass sie sich aufgrund der besonderen Situation keinen Azubi mehr leisten können. Wenn sie jetzt zurücktreten, sei das für den Azubi allerdings besser, als wenn sie in der Probezeit am Anfang der Ausbildung ohne Angabe von Gründen zurücktreten. Die Lage der Azubis in der Gastronomie und den Möbelhäusern ist zurzeit besonders kritisch.


Kommen auch Azubis in Kurzarbeit?

Durch den laufenden Ausbildungsvertrag hat ein Azubi ein Recht auf seine Ausbildung. Die vertragliche Vereinbarung gilt unabhängig von Außeneinflüssen. Auch bestimmte Lerninhalte sind damit verbunden. Kurzarbeit ist deshalb bei Azubis eigentlich ausgeschlossen - ein Betrieb, der in Schwierigkeiten ist, muss alles versuchen, dass es nicht so weit kommt. Möglich ist, dass die Unternehmen andere Lehrinhalte vorziehen, dass sie den Azubi mit digitalen Lernmitteln für zu Hause ausstatten oder ihn in die Lehrwerkstatt oder in eine andere Abteilung versetzen. "In Sondersituationen ist auch ein Antrag für Azubis möglich, etwa wenn ein kleiner Handwerksbetrieb auf seine Azubis angewiesen ist", erklärt Hilsmann. Für Azubis gilt: Erst nach einem Arbeitsausfall von sechs Wochen erhalten sie Kurzarbeitergeld. So lange bekommen sie ihre volle Vergütung. Es empfiehlt sich, zu überprüfen, ob Betriebe über Tarifverträge oder Betriebsvereinbarungen mit zusätzlichen Regelungen verfügen.


Welche Folgen hat das für die Auszubildenden?

Die Azubis erhalten zuallererst weniger Geld. "Aber auch die Fehlzeiten sind für sie problematisch", sagt Hilsmann. Sind sie zu hoch, etwa bei einer 50-Prozent-Kurzarbeit, ist die Prüfungszulassung gefährdet. Hatte ein Azubi schon vor der Corona-Krise viele Fehlzeiten, ist es auch möglich, dass er nicht zu den Prüfungen zugelassen wird. Die IHK entscheidet im Einzelfall, ob die Zwischenprüfungen, die aufgrund der Corona-Krise nicht absolviert werden konnten, trotzdem angerechnet werden und der Azubi zur Abschlussprüfung zugelassen wird. "Bisher ist das kein Problem, aber nach einem halben Jahr mit Strukturen wie im Moment sähe das anders aus", sagt Ausbildungsberater Hilsmann.


Wie können Ausbildungsplätze in der drohenden Wirtschaftskrise sichergestellt werden?

Eine Möglichkeit, Azubis, die keinen Ausbildungsplatz finden, eine Stelle zu verschaffen, sind überbetriebliche Ausbildungen. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) fordert zudem eine Übernahmeprämie für Unternehmen, die Azubis aus insolventen Betrieben aufnehmen.


Wird es in Zukunft noch genügend Ausbildungsstellen geben?

Silke Ortwein, Regionssekretärin des DGB für den Stadt- und Landkreis Heilbronn, glaubt: "Es gibt einen großen Willen unserer Firmen, weiterhin Azubis einzustellen." Da Fachkräftemangel herrsche, hätten die Firmen ein großes Interesse daran, ihre Azubis zu halten. Eine Firma, die jedoch bereits kämpfe, verpflichte sich aus Verantwortung auch nicht, neue Azubis einzustellen. "Die Firmen, die ihre Auszubildenden in der Finanzkrise behalten haben, waren froh darüber", sagt auch IHK-Berater Hilsmann. Immerhin dauere es mehrere Jahre, bis neue Fachkräfte ausgebildet seien. Sie hätten vermutlich daraus gelernt. Was die weitere Entwicklung betrifft, ist Hilsmann daher optimistisch: "Ich bin positiv gestimmt, dass es auch in Zukunft genügend Ausbildungsplätze gibt." Die Region sei wirtschaftlich stark, daher sei viel Potenzial da, dass sich die Betriebe über Wasser halten könnten. Zudem gab es vor der Corona-Krise viel mehr Ausbildungsplätze als Auszubildende.


Prüfungsvorbereitung ohne bei Audi am Schaltschrank zu stehen

Fabian Hoenig ist bei Audi im zweiten Lehrjahr und bereitet sich derzeit auf den ersten Teil der Abschlussprüfung vor. Statt am Schaltschrank aber Komponenten zu verdrahten und zu messen, sitzt er seit 19. März zu Hause vor dem Computer und erarbeitet sich die Themen weitgehend selbstständig. „Wenn wir wieder in den Betrieb dürfen, dann sind wir zumindest was die Theorie angeht auf dem besten Stand“, ist der 21-Jährige aus Neckargerach überzeugt.

757 Auszubildende werden bei Audi Neckarsulm derzeit virtuell unterrichtet. In zehn Ausbildungsberufen sorgen insgesamt 40 Trainer dafür, dass die Azubis auch zu Hause etwas zu tun haben. Dabei kommt die Lernplattform Moodle zum Einsatz, die bereits vor der Krise im vergangenen Jahr eingeführt wurde. „Das war ein Glück. Somit waren vor allem die Azubis im ersten und zweiten Lehrjahr schon mit der Technik vertraut und konnten direkt loslegen“, erzählt Fabian Hoenigs Trainer Karsten Müller.

Fabian Hoenig bereitet sich von zu Hause aus auf die Prüfungen vor. Foto: privat
Fabian Hoenig bereitet sich von zu Hause aus auf die Prüfungen vor. Foto: privat

Die Krise hat die seit Jahren vollzogene Digitalisierung der Ausbildung beschleunigt. Für die neuen Azubis sind iPads ausgegeben worden, damit sie mit der Lernplattform arbeiten können. „Moodle war schon das Tüpfelchen auf dem i“, sagt Müller. Doch inhaltlich musste es erst gefüllt werden. Derzeit erstellen die Azubis mit Hilfe der Trainer Erklärvideos. Dazu kommen schriftliche Aufgaben oder ein Quiz – ein wertvoller Grundstock, auf den man aufbauen kann.

„Wir haben jetzt auch gesehen, wie viel Verantwortung wir den Auszubildenden übertragen können“, sagt Müller. Das sei besser, als wenn man es nur im Unterricht erklärt. Die Azubis können über die Chatfunktion jederzeit nachfragen, es gibt auch ein anonymes Feedback, „damit sie ohne Scham ihre Defizite mitteilen können“, erklärt Müller. Mit dem Programm kann auch die Anwesenheit überprüft werden. „Wir müssen schon die sieben Stunden vor dem Computer verbringen“, sagt Fabian Hoenig. In der Zeiteinteilung sind sie relativ frei. Jeden Tag müssen aber bis Ende der Arbeitszeit um 15.10 Uhr alle Aufgaben erledigt sein. Dann wird kontrolliert. Fabian Hoenig schaltet seinen Rechner dann aber nicht aus. Er ist in der Corona-Krise zum neuen Telefon geworden. „Da man sich derzeit ja nicht mit Freunden treffen kann, tauschen wir uns inzwischen gerne über Skype aus.“


Ein Präsenztag pro Woche in der Eberhard-Lehrwerkstatt

Die rund 15 Azubis des ersten und zweiten Lehrjahrs schickte der Werkzeughersteller Eberhard ins Homelearning. „Ich habe ihnen in einem Ordner Unterlagen zusammengestellt“, sagt Ausbilder Robin Weber. Damit erlernen die Schüler nun zu Hause Grundlagen zum Drehen, Fräsen, Bohren und Feilen und müssen Tests ablegen. Die Azubis nutzen eine E-Learning-Software, die sie auch in der Berufsschule verwenden. „Die Auszubildenden melden sich täglich per E-Mail oder rufen an.“ Einmal in der Woche kommen die Azubis in die Lehrwerkstatt. „Wir wollten bereits auf digitales Lernen umstellen und haben das nun beschleunigt“, sagt Weber. Auch wenn die jetzige Situation kein Dauerzustand bleiben soll.


Der Kundenkontakt fehlt den Friseuren

Waschen, schneiden, föhnen − wegen der vorübergehenden Schließung der Friseure geht das im Moment noch nur an einem Übungskopf.
Foto: dpa
Waschen, schneiden, föhnen − wegen der vorübergehenden Schließung der Friseure geht das im Moment noch nur an einem Übungskopf. Foto: dpa  Foto: Britta Pedersen

Auf die richtige Handhaltung in genau dem richtigen Winkel kommt es bei Friseuren an – unter anderem. „Sowas kann man via Skype nur sehr bedingt beeinflussen“, sagt Ralph-Joachim Hoffmann, Friseurmeister und Eigentümer der Scissorys Friseure. Seit vier Wochen unterrichtet er seine zwei Lehrlinge über Skype. Die sind beide im dritten Lehrjahr und stehen kurz vor der Prüfung. Übungsköpfe, Scheren und Kämme haben sie mit nach Hause genommen. Aber: „Das Haareschneiden an dem Übungskopf ist ganz anders als bei einem Kunden.“ Weil die Haare in den Kopf gestanzt sind und unnatürlich abstehen. Hoffmann ist froh, dass seine Lehrlinge bereits so weit sind: „Wären sie jünger, wäre das eine Katastrophe.“


Digitales Lernen bei der Läpple AG

350 Auszubildende hat Klaus Neuwirth, Ausbildungsleiter der Läpple AG, unter seinen Fittichen. „Wir hatten das digitale Lernen schon seit letztem Jahr auf dem Schirm“, sagt Neuwirth. „Nur deshalb war es möglich, so schnell auf Homeoffice umzustellen“. Innerhalb einer Woche waren er und seine 350 Schützlinge online. „Das läuft jetzt alles über Telefon- und Videokonferenzen.“ Die Auszubildenden sind in 30 Gruppen aufgeteilt. Höchstens zwölf Azubis sind in einer Gruppe. Jeder Ausbilder hat zwei der Gruppen zu betreuen.

„Das Wichtigste war für uns, täglich mit den Auszubildenden in Kontakt zu stehen“, sagt der Ausbildungsleiter. Die Azubis bekommen eine Stunde Input am Tag und können ihre Unterlagen von einer Onlineplattform herunterladen. „Wenn sie mal hängen, gibt es eine Hotline, unter der sie ihren Ausbilder erreichen können. Von unserem Stand der Planung aus können wir das bis Mitte Juni so durchziehen.“ Die Azubis arbeiten mit alten Prüfungsaufgaben. Vom 23. bis 25. Juni ist Theoriesommerprüfung. Parallel läuft die praktische Prüfung. „Dafür müssen sie dann vor Ort sein.“

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