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Berlin setzt große Hoffnung in Paraffin-Rakete

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Experten sind überzeugt, dass es dem Startup HyImpulse gelingt, erstmals nach 1944 wieder mit deutscher Technik in den Weltraum vorzustoßen. Ein Erstflug ist bis September geplant. Dann soll alles sehr schnell gehen.

So ähnlich würde es aussehen: Von einem Startplatz auf den Shetlandinseln könnte der erste Flug einer HyImpulse-Rakete in diesem Jahr erfolgen.
Foto: Shetland Space Centre
So ähnlich würde es aussehen: Von einem Startplatz auf den Shetlandinseln könnte der erste Flug einer HyImpulse-Rakete in diesem Jahr erfolgen. Foto: Shetland Space Centre  Foto: Shetland Flyer Aerial Media

Das Startup HyImpulse aus Neuenstadt will bis September einen ersten Testflug seiner selbst entwickelten Rakete absolvieren. Diese nutzt einen weltweit einzigartigen Hybrid-Antrieb auf Paraffin-Basis, der besonders sicher und günstig ist. 2023 sollen mit einer größeren Trägerrakete bereits mehrere Kleinsatelliten in erdnahe Umlaufbahnen gebracht werden.

Die erste Rakete soll an der Grenze zum Weltraum kratzen, wenig später könnte eine zweite diese Grenze dann überfliegen. Es wäre das erste Mal seit mehr als 77 Jahren, dass deutsche Raketentechnik dies ermöglicht. Geht der Plan auf, sollen 2030 bereits 30 Starts pro Jahr erfolgen. Denn der Bedarf für Transportmöglichkeiten in den Orbit wächst.

Die Bundesregierung ist beeindruckt

Das bleibt der Politik nicht verborgen. Bei einem virtuellen Pressegespräch bekannten sich gestern Bundes- wie Landesregierung zu dem Vorhaben. Thomas Jarzombek, Koordinator der Bundesregierung für Luft- und Raumfahrt, würdigte das, was sich in Neuenstadt entwickelt, mit deutlichen Worten: "Wir Deutschen neigen ja nicht so zu pathetischem Auftreten. Aber was hier stattfindet, ist schon historisch."

Seit dem weltweit ersten Weltraumflug der Aggregat 4 im Jahr 1944, der mit der Entwicklung der mit Sprengkopf ausgerüsteten V2 verbunden war, sei Deutschland jetzt erst wieder auf dem Weg, mit eigenen Raketen in den Weltraum zu fliegen, sagt Jarzombek. "Ich bin hoffnungsfroh, dass daraus jetzt auch etwas wird."

 


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Mit der dreistufigen, 36 Tonnen schweren Trägerrakete sollen mehrere Hundert Kilogramm an Kleinsatelliten in eine erdnahe Umlaufbahn gebracht werden.
Visualisierung: HyImpulse
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Mit Kerzenwachs in den Weltraum


HyImpulse ist eines von drei Startups, die von der Bundesregierung in einem sogenannten Mikrolauncher-Wettbewerb mit 500 000 Euro gefördert wurden. Im zweiten Schritt sollen zwei dieser Unternehmen noch einmal zehn Millionen Euro erhalten.

Neben HyImpulse sind die Firman Isar Aerospace aus München und Rocket Factory in Augsburg noch im Rennen.

Günstige Technik mit potenziellem Öko-Treibstoff

 Foto: DLR

Selbstbewusst erzählen die Geschäftsführer Mario Kobald und Christian Schmierer aber auch, dass HyImpulse als bislang einziges Unternehmen sein Haupttriebwerk getestet hat. Das liege auch daran, dass die Kosten für die verwendete Hybrid-Technik nicht so hoch sind wie bei Flüssig- oder Feststoffraketen. Zum anderen sei der Aufbau der Triebwerke so gestaltet, dass sie nicht explodieren können. "Sie sind sehr sicher", sagt Kobald.

Obendrein wird das Triebwerk auch noch mit dem günstigen Paraffin betrieben. Ein Alleinstellungsmerkmal. Dieses Kerzenwachs soll künftig aus grünem Wasserstoff und Kohlendioxid klimaneutral hergestellt werden, sodass HyImpulse eine echte Öko-Rakete in den Weltraum schießen würde.

Das Unternehmen hat sich dazu bereits um eine Förderung beim Land beworben und will diesen Weg auf jeden Fall beschreiten. Der Wasserstoff, der beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) aus Windstrom im Harthäuser Wald produziert werden soll, spielt dabei vorerst jedoch noch keine Rolle.

Weitere Tests müssen wohl auf den Shetlands stattfinden

Nach den ersten Tests beim DLR in Lampoldshausen im vergangenen Jahr hätten nun bald weitere auf dem großen P2-Prüfstand stattfinden sollen. Doch weil es dort Verzögerungen gab, werden weitere Versuche nun auf den zu Schottland gehörenden Shetlandinseln erfolgen.

Die Zusammenarbeit mit dem Shetland Space Centre ist weit gediehen, ein Start von den Inseln im Herbst ist ebenfalls möglich. Der Brexit habe hier zwar manches komplizierter gemacht. "Aber das kriegen wir hin", ist Schmierer optimistisch.

Bundesregierung soll in Kourou Flagge zeigen

Als Alternative komme der Startplatz Esrange bei Kiruna in Schweden infrage, oder aber auch Kourou in Französisch-Guayana, wo bisher die Europäischen Trägerraketen Ariane und Vega starten.

Hier möchte sich auch Raumfahrtkoordinator Jarzombek behilflich zeigen: "Wir fordern einen diskriminierungsfreien Zugang zu Kourou. Ich werde mich selbst vor Ort dafür einsetzen." Schließlich finanziere Deutschland den Weltraumbahnhof mit. Es werde Zeit, dass die Bundesregierung dort Präsenz zeigt, sagt Jarzombek.

Der Markt ist umkämpft, aber wächst rasant

 Foto: DLR

Damit unterstreicht er auch, wie hoch das Potenzial der Neuenstädter Firma und ihrer Technik eingeschätzt wird. Zuspruch kommt auch von Constantinos Stavrinidis, der seit 45 Jahren in der Raumfahrt tätig ist und HyImpulse inzwischen auch als Vorstandsmitglied unterstützt. Ebenso von Thomas Reiter, Deutschlands Astronaut mit der längsten Dienstzeit im All. "Der Zugang zum Weltraum ist essenziell", sagt er. Der Markt sei hart umkämpft, die Anzahl der Raketenstarts hätten sich in den vergangenen 20 Jahren auch nahezu verdoppelt.

Diese Entwicklung gehe noch weiter, erläutert Stefanos Fasoulas, der Leiter des Instituts für Raumfahrtsysteme an der Universität Stuttgart: Habe es 2017 erst sieben Satelliten in erdnahen Umlaufbahnen von maximal 2000 Kilometer Höhe gegeben, werde sich diese Zahl in den nächsten acht Jahren voraussichtlich auf über 50.000 erhöhen. "Der Markt verzehnfacht sich bis 2040."

SpaceX ist billiger - und doch keine übermächtige Konkurrenz

Dominiert wird er derzeit vom amerikanischen Unternehmen SpaceX des Tesla-Chefs Elon Musk. Mit den teils wiederverwendbaren Falcon-Raketen kostet ein Kilogramm Fracht teilweise unter 2000 Euro. HyImpulse visiert eine Marke von 7000 Euro an, sobald die Serienproduktion angelaufen ist.

Christian Schmierer ist überzeugt, dass die Rakete damit dennoch konkurrenzfähig ist. "Ein Startup, das für seinen Satelliten einen gewissen Startzeitpunkt und einen gewissen Orbit benötigt, das wird nicht auf das Angebot von SpaceX zurückgreifen können." HyImpulse biete mit seiner Flexibilität klare Vorteile. Das sei vergleichbar mit der Logistik, wo es auch Bedarf für große Containerschiffe und ebenso für kleine Sprinter gebe.

Große Rakete folgt 2023

Die Nutzlast der ersten HyImpulse-Trägerrakete liegt bei etwa 250 Kilogramm. Die größere SL1 nutzt zwölf Triebwerke und soll dann 500 Kilogramm in den Weltraum bringen können. 2023 ist der erste Start dieser SL1 geplant.

Es wäre ein Erfolg für Deutschland, aber auch für Baden-Württemberg, wo 60 Prozent aller deutschen Raumfahrt-Ingenieure ausgebildet werden. Aus Stuttgart wollte deshalb Ministerpräsident Winfried Kretschmann dabei sein. Die aktuelle Pandemielage machte ihm einen Strich durch die Rechnung.

Kurzfristig schickte der Chef der Staatskanzlei, Florian Stegmann, eine Grußbotschaft. Die jungen Unternehmer hätten die Landesregierung in persönlichen Gesprächen von ihrem bahnbrechenden Vorhaben überzeugt: "Wir sind stolz darauf, ein solches Unternehmen in Baden-Württemberg zu haben."

 

Großer Finanzbedarf und Expansionspläne

Mehr als 50 Mitarbeiter beschäftigt HyImpulse derzeit. Das Unternehmen wächst schnell, Ende des Jahres sollen es rund 100 sein. Ebenso schnell wächst nun auch der Finanzbedarf. Neben Förderungen von EU, Bund und Land hat das Startup den visionären Chef des Luft- und Raumfahrtdienstleisters IABG, Rudolf Schwarz, für sich gewinnen können. Er ist Minderheitsgesellschafter und Berater für HyImpulse und wird in diesem Jahr dafür sorgen, dass die benötigten 25 Millionen Euro zur Verfügung stehen.

Serienproduktion nicht in Neuenstadt

Im kommenden Jahr werden die Neuenstädter dann noch einmal 50 bis 75 Millionen Euro benötigen, um die Serienproduktion aufzubauen. Diese wird dann voraussichtlich nicht mehr in Neuenstadt angesiedelt sein, sondern in der Nähe eines Hafens, möglicherweise in Schottland. Die HyImpulse-Gründer versichern aber: Die Entwicklung bleibe im Raum Heilbronn.

 
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