Aus Heilbronn soll ein Booster für die Fahrzeugentwicklung kommen
Das Ferdinand-Steinbeis-Institut entwickelt eine neue Plattform, die Kooperationen bei der Auto-Software-Entwicklung ermöglichen soll. Zahlreiche Unternehmen machen schon mit. Aber ein großer deutscher Autohersteller hält sich zurück.

Fahrzeugentwicklung dauert. Die Produktzyklen der großen Autohersteller erstrecken sich über fünf, sechs Jahre und mehr. Und die Vorlaufzeit wird derzeit eher länger. Schuld daran sind häufig Verzögerungen bei der Fahrzeugsoftware.
Dass praktische neue Funktionen innerhalb von Minuten programmiert und dann direkt getestet werden können, mag da wie ein Wunschtraum klingen. Und doch ist es inzwischen möglich - auf einer Plattform, die von einer internationalen Kooperation unter Federführung des Heilbronner Ferdinand-Steinbeis-Instituts (FSTI) entwickelt wird.
Wischer programmieren und das Programm dann einfach übertragen
Die Plattform digital.auto - übers Internet im Browser aufzurufen - zeigt ein generisches Fahrzeug: vier Räder, ansprechendes Design. Dirk Slama sucht nach einem Scheibenwischer, platziert ihn und zeigt die Programmierung dafür. Standardmäßig wäre das eine Intervallschaltung - langsam - schnell. Ein Regensensor kann eingebunden werden.
"Wir könnten den Scheibenwischer jetzt aber auch mit einer Künstlichen Intelligenz steuern, die mit Bildern einer Frontkamera gefüttert wird", erklärt der IT-Spezialist.

Dirk Slama ist seit drei Jahren Direktor des AIoT-Lab am Ferdinand-Steinbeis-Institut in Heilbronn. AIoT steht für die Verknüpfung von AI, also Künstlicher Intelligenz, mit dem Internet der Dinge, IoT. Er pendelt zwischen Wissenschaft und Praxis und hat die digital.auto-Plattform aus diesem AIoT-Labor heraus entwickelt. In diesen Wochen präsentiert er sie der Weltöffentlichkeit: Herstellern, Zulieferern, Start-ups. Sie alle sollen künftig damit arbeiten können.
Testgemeinde gibt sofort Rückmeldung
"Manches werden die großen Autohersteller weiterhin selbst entwickeln wollen, um sich damit von anderen abzuheben", sagt Slama. Vieles andere müsse aber einfach nur funktionieren - etwa der Scheibenwischer. Wie er funktioniert, kann auf der Plattform übrigens auch getestet werden, virtuell zwar, aber von echten Menschen. Eine Testgemeinde gibt Feedback, das auch zur Verbesserung genutzt werden kann.
Kommt beispielsweise ein Zulieferer dann bei einem neuen Modell zum Zug, soll die Scheibenwischersoftware einfach übertragen werden können. Voraussetzung dafür ist eine universelle Schnittstelle: Covesa. Von diesem neuen Standard hat noch kaum ein Laie gehört, doch er hat das Zeug, die Abläufe und die Zusammenarbeit in der Branche grundlegend zu verändern.
Amerikanische und europäische Firmen wie Ford, GM, Bosch oder BMW haben sich auf ihn geeinigt und wollen bei der Fahrzeugentwicklung mit seiner Hilfe den Chinesen Paroli bieten. Denn viele in der Branche warnen: Ohne schnellere Entwicklung der Software würden viele etablierte Autohersteller von China abgehängt werden. "Wir brauchen diesen Standard, um auf China Speed zu kommen", sagt Heiner Lasi, Leiter des FSTI in Heilbronn.
Die Software bremst derzeit noch häufig alles andere aus

China Speed, das hört sich derzeit an wie Lichtgeschwindigkeit - unerreichbar. Zumal gerade die Fahrzeugsoftware derzeit häufig die Funktion des Bremsklotzes übernommen hat. Volkswagen etwa hat vier Jahre nach Einrichtung der Software-Einheit Cariad die Reißleine gezogen. Unter neuer Führung soll jetzt das ambitionierte neue Betriebssystem E3 2.0 komplett neu entwickelt werden, wie das "Manager Magazin" kürzlich berichtete.
Zum neuen Covesa-Standard erklärte VW-Chef Oliver Blume in dieser Woche am Rande einer Veranstaltung in Heilbronn: "Ich kann mir durchaus auch solche Partnerlösungen für die Zukunft vorstellen. Doch an diesem Punkt sind wir noch nicht." Blume ist zugleich überzeugt, dass VW bereits mit der Softwareversion 1.2 Anwendungen für die Kunden bieten kann, die dem Wettbewerb überlegen sind. So wird sich Volkswagen der Allianz vorerst nicht anschließen.
SDVCON-Konferenz in Heilbronn am 22. November
Allerdings verschließt sich der Konzern einer Zusammenarbeit gerade in Heilbronn auch nicht. Audi und sein Neckarsulmer Werkleiter Fred Schulze werden bei der internationalen SDVCON-Konferenz (SDV für software-defined vehicle) am Mittwoch, 22. November, auf dem Bildungscampus in Heilbronn dabei sein, wenn die neue Plattform erstmals einem internationalen Fachpublikum vorgestellt wird. Mercedes, BMW und Bosch sind auch dabei.
Dieter-Schwarz-Stiftung steht dahinter
Gefördert wird das Ferdinand-Steinbeis-Institut (FSTI) in Heilbronn von der Dieter-Schwarz-Stiftung. Mit Ansätzen wie der digital.auto-Plattform will sich das FSTI weiterentwickeln. 25 der 40 Mitarbeiter des Instituts sind in Heilbronn beschäftigt, erzählt Geschäftsführer Michael Köhnlein. In fünf Jahren sollen es insgesamt 65 sein. "Dafür brauchen wir eine breitere Aufstellung."
„Die Wertschöpfung verändert sich“, sagt auch Institutsleiter Heiner Lasi. „Es geht darum, was Unternehmen künftig brauchen, um erfolgreich zu sein.“ Den Kulturwandel will das FSTI begleiten.
Infos zur Veranstaltung: SDVcon 2023

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