Der Umgang mit PFAS ist noch kaum geregelt
Über PFAS gibt es viele offene Fragen. Wie das Ewigkeitsgift in den Boden gelangt, ist zum Beispiel oft nicht nachvollziehbar. Ein pauschales Verbot aber würde auch Solvay in Bad Wimpfen treffen.

Was genau bewirken die "Ewigkeitschemikalien" PFAS in unserem Grundwasser? Woher kommen sie? Und wie verhindern wir, dass immer mehr dieses Gifts in die Umwelt gelangt? Es gibt keine einfachen Antworten auf diese Fragen, wie zwei Beispiele aus der Region zeigen.
Es war ein mächtiger Aufschlag, als vor zwei Wochen das Thema PFAS die Titelseiten der deutschen Zeitungen dominierte. Es geht dabei um chemische Substanzen mit einzigartigen Eigenschaften. Sie sind fett- und wasserabweisend und können Wirkungen anderer Substanzen verstärken.
Ihr großer Nachteil ist aber, dass sie sich in der Natur kaum abbauen, im menschlichen Körper anreichern und dabei gesundheitliche Risiken bergen. Ein Grund, warum die EU ein pauschales Verbot plant.
Die Kettenlänge spielt durchaus eine Rolle
Das Problem: Es gibt sie in rund 10.000 Abwandlungen. Jeder Stoff müsste einzeln betrachtet werden. Deutlich wird das am Beispiel der Solvay-Produktion in Bad Wimpfen. Dort werden neben einigen anorganischen Fluorverbindungen, die in diesem Zusammenhang keine Rolle spielen, die organischen Substanzen TFAH, TFAC und ETFBO hergestellt.
Es sind allesamt Verbindungen mit zwei Kohlenstoff-Atomen, also kurzkettige PFAS im Gegensatz zu langkettigen Varianten mit vier, sechs oder acht Kohlenstoffatomen. Wie Solvay-Werkleiter Norbert Haas gegenüber unserer Redaktion erläutert, wird keine der drei Substanzen im Körper angereichert.
Das bestätigt auch das Regierungspräsidium Karlsruhe, wo für den PFAS-Hotspot Rastatt eine Stabsstelle für das Thema eingerichtet wurde. "Bei Boden- und Grundwassermessungen auf PFAS hier in Mittelbaden wird das ultrakurzkettige TFA nach dem bundeseinheitlichen PFAS-Leitfaden auch nicht berücksichtigt", sagt Monika Hofmann. Auch der zukünftige Grenzwert für PFAS in Trinkwasser schließe TFA nicht ein.
TFA-Einleitung in den Neckar soll weiter reduziert werden
Es gebe allerdings spezielle TFA-Messungen, denn das Abbauprodukt darf noch immer in den Neckar eingeleitet werden. "Es ist weniger toxisch", sagt Hofmann, "kann aber auch nicht durch Aktivkohle aus dem Trinkwasser gefiltert werden." Das Ziel müsse deshalb auch hier sein, den Eintrag zu reduzieren.
Bei Solvay wurde die eingeleitete Menge bereits um 90 Prozent reduziert und sie soll weiter reduziert werden, so dass die Werte im Neckar weit unterhalb des für Trinkwasser geltenden Leitwertes und auch unterhalb des vom Umweltbundesamt empfohlenen Wertes liegen.
Die derzeitigen Pläne bei der EU sehen aber vor, auch die im Verhältnis weniger problematischen TFA-Verbindungen komplett zu verbieten. "Aktuell wird ein Ansatz verfolgt, alle Fluorprodukte gleich zu regulieren, ohne nach Gefährlichkeit oder Notwendigkeit zu differenzieren", sagt Haas. Das sei nicht sinnvoll. Zumal mithilfe der Vorprodukte aus Bad Wimpfen bei den Solvay-Kunden Arzneien gegen Herzerkrankungen, Covid-Medikamente und auch Hilfsstoffe für die Landwirtschaft hergestellt werden. "Ich bin mir sicher, dass es bei dem geplanten Verbot innerhalb der EU eine Differenzierung geben wird", so der Werkleiter. Auf die leichte Schulter nimmt er das Thema nicht.
Verschärfungen beim Trinkwasser sind schon vorgesehen
Doch wie groß sind die Risiken, fragen sich nun vielerorts Bürger im Umfeld von Orten, wo erhöhte Messwerte festgestellt wurden. Der höchste Wert in der Region findet sich im Grundwasser unter Krautheim mit 224 Nanogramm pro Liter. "Vor ein paar Jahren wurden 200 Nanogramm bei bestimmten Substanzen noch nicht als besonders problematisch erachtet", sagt PFAS-Expertin Hofmann.
Das ändert sich jetzt. Nach einer komplizierteren Berechnungsformel werde Trinkwasser künftig etwa ab einer Belastung von 100 Nanogramm gefiltert. Dabei werden derzeit dreizehn und künftig 20 Substanzen berücksichtigt.
Zu den Ursachen, warum unter dem Gelände des Entsorgers Remondis in Altkrautheim ebenso wie unter vielen anderen Entsorgungsbetrieben und Deponien bundesweit erhöhte Werte festgestellt wurden, können die Regierungspräsidien in Stuttgart und Karlsruhe nichts sagen. Generell erfolge der Umschlag und die Zwischenlagerung beispielsweise von Hausmüll aber nur auf "flüssigkeitsdicht befestigten" Anlagen und in der Regel auch nur auf überdachten Flächen.
Auf welchem Weg also Verunreinigungen ins Wasser gelangen, ist generell kaum nachzuvollziehen. Genau das ist einer der Gründe, warum mehrere EU-Länder, darunter Deutschland, darauf drängen, PFAS generell aus dem Verkehr zu ziehen.
Pauschales Verbot hätte weitreichende Folgen
Ein vollständiges Verbot aller poly- oder perfluorierten Alkylverbindungen (PFAS) würde zu Problemen in vielen Bereichen führen. Davor warnt die Chemieindustrie, das ergibt sich aber auch aus der Menge der Anwendungen. PFAS reduzieren Reibung und werden somit auf zahlreichen Oberflächen verwendet, sie wirken als Anti-Haft-Beschichtung bei Pfannen und auf Backpapier, auf Pizza-Kartons und sonstigen Einwegverpackungen. Sie werden als wasserdichte, atmungsaktive Membran eingesetzt, etwa bei Regenjacken und Wanderschuhen. Sie werden Löschschäumen zugesetzt.
Das Problem: Am Ende landet viel davon in der Umwelt. Deshalb befürwortet auch die baden-württembergische Umweltministerin Thekla Walker (Grüne) die Initiative, PFAS in der EU "ganz überwiegend" zu verbieten. Sie sehe die Problematik für die Wirtschaft. Deshalb müssten nun aber alternative Stoffe entwickelt werden.
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