Gegen Greenwashing, für mehr Transparenz: Heilbronner Steinbeis-Institut ist Teil eines neuen internationalen Netzwerks
Ein Netzwerk aus 15 Unternehmen und Forschungseinrichtungen will den CO2-Fußabdruck von Produkten in der gesamten Wertschöpfungskette genauer ermitteln und Technologien entwickeln, um Emissionen zu senken. Eine Idee: Produkte könnten zunächst in einer virtuellen Welt entwickelt und getestet werden.
Greenwashing - so nennt man das, wenn Unternehmen ihre Produkte als besonders umweltfreundlich und nachhaltig bewerben, obwohl sie es bei genauerem Hinsehen gar nicht sind. Eine für Kunden transparente, einheitliche und zertifizierte Auskunft zum CO2-Fußabdruck eines Produkts gibt es noch nicht. Vor allem bei verzweigten Lieferketten haben Unternehmen oft selbst keinen Überblick über die gesamten Emissionen, die bei der Herstellung eines Produkts zusammenkommen.
Hier will der neu gegründete Verein Estainium ansetzen. Er besteht aus einem internationalen Netzwerk von 15 Unternehmen und wissenschaftlichen Einrichtungen und wurde von Siemens initiiert. Aus Heilbronn ist das auf dem Bildungscampus angesiedelte Ferdinand-Steinbeis-Institut (FSTI) vertreten.
Daten austauschen, um Transparenz zu schaffen
Zweck des Vereins, so steht es in der Satzung, ist "das Engagement eines jeden Einzelnen und jedes Unternehmens für die nationale und globale Aufgabe", um "den Ausstoß von Treibhausgasen in die Atmosphäre zu reduzieren" und "damit die Überlebensgrundlagen der Menschheit auch für die Zukunft zu sichern".
Dabei, erklären die FSTI-Ansprechpartner Professor David Rygl und Dr. Daniel Werth, stehen besonders zwei Maßnahmen im Fokus.
Erstens: Die Mitglieder tauschen Daten aus, damit sie den ökologischen Fußabdruck ihrer Produkte innerhalb der gesamten Wertschöpfungskette zuverlässig nachverfolgen können, um "Transparenz zu schaffen", sagt Rygl. Zweitens: Neue Technologien sollen entwickelt werden, die den CO2-Ausstoß nicht nur ermitteln und zertifizieren können, sondern auch aufzeigen, wie Emissionen reduziert oder kompensiert werden können.
Produkte im Metaversum testen
Daniel Werth nennt ein Beispiel: Künftig könnte ein Produkt etwa in einer virtuellen Welt, dem Metaversum, entwickelt und getestet werden. Dadurch könne es "eins zu eins abgebildet" und auch vom Kunden, egal wo sich dieser auf der Welt befindet, begutachtet werden, ohne dass Prototypen wirklich hergestellt werden müssen.
Die virtuelle Produktion koste zwar viel Energie, aber die Emissionen für die Herstellung in der realen Welt, die noch höher seien, würden wegfallen.
Großer Teil der Emissionen stammen aus der Lieferkette
"Industrielle Wertschöpfungsketten machen bis zu 20 Prozent des globalen CO2-Ausstoßes aus", erklärt Rygl. Zudem würde ein sehr großer Teil, nämlich bis zu 90 Prozent der klimaschädlichen Emissionen eines Produkts, in der Lieferkette zustande kommen. Umso wichtiger also, auch die Lieferkette in die Berechnung des gesamten CO2-Fußabdrucks einzubeziehen.
Tobias Ebi von der Estainium Association erklärt, insgesamt würden drei Faktoren berücksichtigt: der eigene CO2-Ausstoß bei der Produktion, die Emissionen, die durch die Energiequelle eines Unternehmens dazukommen, und der CO2-Fußabdruck der Lieferanten, die zu einem Produkt beisteuern.
Der ökologische Gesamtwert soll dann, so das Ziel, auch den Endkunden zur Verfügung stehen. "Und zwar zertifiziert, um sicherzustellen, dass kein Greenwashing stattfindet", sagt Ebi. Um eine einheitliche Zertifizierung zu erreichen, sei zum Beispiel der TÜV Süd als Mitglied des Vereins an Bord. Damit könne der Verein einen Standard schaffen.
Verein will schnell und branchenübergreifend wachsen
"Es darf nicht jeder für sich handeln", sagt Daniel Werth. Nur durch globale Zusammenarbeit, auch zwischen Wirtschaft und Forschung, gebe es "eine realistische Chance, einen Beitrag zu leisten". Die Mitglieder hoffen, dass der Verein schnell und branchenübergreifend wächst. Dann gebe es umso mehr Anreiz, sich klimafreundlich zu verhalten, weil die Unternehmen sich mit den gemeinsam entwickelten Technologien einen Wettbewerbsvorteil schaffen könnten.
Die Gründungsmitglieder des Vereins Estainium sind die deutschen Unternehmen Siemens, Bison Forest, Circular Tree, Faber-Castell, Merck, Weidmüller, Wts, die Schweizer Firmen Ecobrain AG und Sustainaccount, das japanische Unternehmen NTT Data, das kanadische ATS sowie der TÜV Süd.
Von wissenschaftlicher Seite sind das Ferdinand-Steinbeis-Institut, die Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und die australische University of Technology Sydney dabei. Die Mitglieder von Estainium kommen regelmäßig in vier Arbeitsgruppen zusammen, die sich folgenden Themen widmen: Technologie und Infrastruktur, Standards und Normen, Abscheidung, Nutzung, Speicherung und Kompensation von Kohlenstoff sowie Bildung und Kommunikation.
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