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Fünf Jahre nach Corona: Was man aus der Pandemie lernen muss

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Fünf Jahre nach Corona wächst die Forderung nach Selbstkritik und politischer Aufarbeitung. Was bei künftigen Pandemien nicht mehr passieren darf, beschreibt Stimme-Chefredakteur Uwe Ralf Heer in seinem Editorial.


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Schon fünf Jahre – oder erst fünf Jahre? Die Pandemie ist für viele ganz weit weg, für andere noch sehr nah. Mit allen Auswirkungen. Medizinisch, gesellschaftlich, politisch und finanziell. Die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache, auch wenn sie von einigen angezweifelt werden: 700 Millionen Infektionen und sieben Millionen Tote in Zusammenhang mit dem Virus weltweit. Bis zum 15. Mai 2024 stieg die Zahl der Todesfälle in Deutschland mit oder wegen Corona auf 183.155. Bis zu diesem Tag wurden mehr als 38,8 Millionen Infektionen gemeldet.

Wir blicken zurück auf die Anfänge der Corona-Zeit und auf ihre Auswirkungen in allen Lebensbereichen. Ob am Arbeitsplatz oder in der Freizeit, ob in Wirtschaft, Kultur, Sport, Gastronomie oder Handel. Es soll eine sachliche Einordnung sein, in der heute wie damals unterschiedliche Sichtweisen beschrieben werden. Und es soll keine hämische Kritik werden, die sich nur auf das Wissen von heute bezieht. Fünf Jahre später sind viele schlauer. Wichtig ist Bereitschaft zur Selbstkritik, ebenso – endlich – die politische Aufarbeitung der Corona-Zeit. Der künftige Kanzler Friedrich Merz hat das versprochen, daran wird man ihn messen.

Corona: Rückblick auf die Anfänge
Corona: Rückblick auf die Anfänge  Foto: nicht angegeben

Corona: Applaus für Helden in Klinken

Dabei geht es auch um ein paar grundsätzliche Einschätzungen. Wer bezweifelt, dass es Corona jemals gegeben hat und es sich um nichts Gravierendes handelte, der lässt sich vom Gegenteil wohl nicht mehr überzeugen. Vielleicht würde hier ein Besuch bei all den Menschen helfen, die an Long-Covid leiden und die nur schwer in den Alltag zurückfinden. Und erinnert sei auch an den Beginn der Pandemie, als klar wurde, dass zur Behandlung von schweren Corona-Fällen die Betten auf Intensivstationen knapp werden könnten. Krankenhäuser, Ärzte und Pfleger haben dabei Großartiges geleistet. Am Anfang gab es Applaus, danach jedoch eine Impfpflicht in Kliniken, die einem Berufsverbot gleich kam und die dazu geführt hat, dass noch mehr Pflegekräfte ihren Job verlassen haben. Und schließlich folgte nicht einmal die nötige Wertschätzung beim Gehalt.

Wie gesagt: Mit dem Wissen von heute würde man einiges anders machen. Es war dabei nicht so, dass es – wie Corona-Leugner oder manche Verschwörungstheoretiker behaupten – generell eine Einheitsmeinung zur Pandemie gab. Das kann man selbst in unserem Archiv nachlesen. Wer aber damals die Maßnahmen und Einschränkungen als zu hart kritisiert hatte, dem wurde vorgeworfen, damit zum Massensterben beizutragen. Was ebenso eine völlige Verdrehung der Tatsachen war, wie die Behauptung, Corona sei nicht mehr als eine normale Grippe. Wenn man etwas aus dieser Zeit lernen sollte, dann ist es, bei Krisen wieder mehr zu differenzieren. Auf beiden Seiten.

Einsames Sterben in Pflegeheimen und Wut über Ausgangs- und Kontaktsperren

Jenseits des Zahlenwerks des Robert Koch-Instituts mit Covid-19-Fallzahlen, Sieben-Tage-Inzidenzen und Todesfällen gab es vor allem menschliche Schicksale. Beispielsweise beim einsamen Sterben in Pflegeheimen. Aber auch bei all jenen, die mit oder wegen Covid 19 ohne Angehörige sterben mussten. Und es gab Menschen, die extrem unter Ausgangs- oder Kontaktsperren litten. Vor allem Kinder, die nicht mehr mit Freunden spielen durften. Es war eine Zeit der Entbehrungen, der Trauer, der Angst und auch der Wut.

Die Wirksamkeit und Verhältnismäßigkeit der Pandemiemaßnahen muss neu bewertet werden. Der Eingriff der Politik in die Grundrechte der Bürger darf so nicht mehr stattfinden. Am Ende gab es einsame Entscheidungen von Politikern, die entweder wenig, gar nicht oder falsch beraten worden sind. Von wem auch immer. Immerhin gibt es die späte Einsicht, dass die Schließung von Kitas und (Hoch-)Schulen, von Gastronomie, Kulturszene und Geschäften bis hin zu Ausgangssperren in vielen Teilen überzogen oder gar falsch war. Nachts eingesperrt zu sein, auf Parkbänken nur mit Verwandten sitzen zu dürfen oder im Freien meterweise Abstand zu halten – aus heutiger Sicht unsinnig.

Maßnahmen während Corona-Pandemie hinterlassen irreparable Schäden

All das hat zudem zu einem wirtschaftlichen Schaden geführt, der in einigen Bereichen irreparabel war. Nicht wiedergutzumachen sind die Folgen, die aus der völlig hysterischen Impfdebatte entstanden sind. Dazu haben auch wir Medien einen Teil beigetragen. Wer sich nicht impfen lassen wollte, wurde ausgegrenzt. Ob Nachbarn, Arbeitskollegen, Künstler oder Sportler. So etwas darf in dieser Art und Weise nicht wieder vorkommen. Das Selbstbestimmungsrecht der Menschen muss gewährleistet bleiben.

Gelernt haben wir auch, dass Ämter mit Fax-Geräten mangelhaft auf die Pandemie vorbereitet werden. Ist das alles besser geworden? Man darf zweifeln. Immerhin gab es eine Besinnung darauf, was im Leben wichtig ist: Familie, Freunde und vor allem die Gesundheit. Zudem gab es wieder eine stärkere Wertschätzung für das, was zuvor als selbstverständlich angesehen wurde. Wie Reisen, Kultur, Sport treiben, Ausgehen. Corona hat dieses Land überstanden. Irgendwann kommt die nächste Pandemie. Auf die müssen wir aber mit dem Wissen von heute anders und besser vorbereitet sein.

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