Nach Trump-Putin-Gipfel: Selenskyj muss jetzt einlenken
Der Gipfel von Trump und Putin in Alaska war kein Fehlschlag, sondern ein Schritt in die richtige Richtung im Ukraine-Krieg, meint Chefredakteur Uwe Ralf Heer.
Niemand konnte ernsthaft von dem Gipfel in Alaska etwas anderes erwarten, als das, was Putin und Trump ausgehandelt haben. Abseits aller verstörender Bilder sollte spätestens jetzt der Realität ins Auge geblickt werden. Russland wird den Krieg in der Ukraine nie verlieren. Im Gegenteil. Drei Jahre Sanktionspolitik haben kaum etwas bewirkt, die militärische Stärke ist unverändert groß. Man mag über Trump sagen, was man will: Er hat zumindest erkannt, dass die Atommacht Russland nicht zu bezwingen ist.
Ukraine-Krieg: EU spielt nicht nur eine Nebenrolle
Diese Realität wird auch der ukrainische Präsident akzeptieren müssen. Genauso wie seine europäischen Verbündeten. Es ist ein wichtiges Signal, dass die EU-Kommissionspräsidentin und der deutsche Bundeskanzler beim Treffen in Washington mit dabei sein werden.
Denn entgegen anderslautender und oft hämischer Kommentare, spielt die EU trotz der fehlenden Teilnahme in Alaska keine unbedeutende Nebenrolle. Ganz im Gegenteil. Sie wird auf Selenskyj einwirken, den richtigen Schritt zu machen. Auch wenn es schwer fällt.
Sinnloses Töten im Ukraine-Krieg endet zu spät
Die Ukraine wird also die Ostgebiete abtreten müssen. Ob das auf Dauer ausreicht, um Putin in Schach zu halten, weiß niemand. Aber es beendet das sinnlose Töten auf beiden Seiten.
Das hätte man auch früher haben können. So traurig dieser Pragmatismus auch sein mag.
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Kommentare
Benjamin Hagg am 17.08.2025 15:38 Uhr
Nicht ins russische Narrativ tappen
-- Russlands Wirtschaft wankt --
Russland ist weder „unbesiegbar“ noch auf der Siegerstraße – die Wirklichkeit ist widersprüchlicher.
Die jüngsten Benzin-Exportstopps zeigen, dass ukrainische Schläge auf Raffinerien Wirkung entfalten und den Binnenmarkt nervös machen.
Reuters meldete ein Exportverbot bis mindestens 31. August 2025 – ein Schritt, der ohne Druck auf das raffinierte Angebot kaum nötig wäre. Schon im Frühjahr legten Drohnenangriffe einen spürbaren Teil der Kapazität lahm.
Auch die Geldpolitik spricht nicht für Stabilität: Die Notenbank musste den Leitzins 2024/25 auf Rekordwerte anheben (Oktober 2024: 21 %), bevor sie ihn erst Ende Juli 2025 auf immer noch extreme 18 % senkte – ein Stresstest für Investitionen und Konsum. Hohe Zinsen sind Symptom struktureller Knappheiten; die Zentralbank selbst verweist auf anhaltende Inflationsrisiken.
Die Staatskasse zehrt zugleich Reserven auf: Die liquiden Mittel des Nationalen Wohlfahrtsfonds lagen im Sommer 2025 trotz Zuflüssen bei unter 50 Mrd. US-$ – deutlich weniger als vor dem Angriff 2022.
-- Putins Armee mit Nachschubproblemen --
An der Front zeigen sich ebenfalls Grenzen: Berichte dokumentieren, dass Einheiten der russischen Armee teils Esel als Lasttiere einsetzen – ein Indiz für Fahrzeug- und Treibstoffmangel sowie Tarnungsprobleme unter Drohnenaugen. Parallel ist Moskau in großem Stil auf nordkoreanische Munition angewiesen, was die eigene Produktionslage entzaubert.
Auch das russische Hinterland ist nicht sicher: Kiew trifft mit Langstrecken-Drohnen und Sabotage von Moskau bis in den Nordkaukasus. Flughäfen mussten mehrfach schließen, Energie- und Industrieanlagen wurden getroffen. Sogar ein Werk für Elektronikkriegstechnik in Stawropol wurde beschädigt.
-- Putins nukleare Drohkulisse bröckelt --
Besonders empfindlich ist die strategische Bomberflotte. Unter dem Namen „Operation Spinnennetz“ läuft eine längere ukrainische Kampagne, die an Stützpunkten wie Engels, Olenja oder Belaja mehrere Tu-95/160 beschädigte oder zerstörte. Allein im März 2025 trafen Drohnen erneut die Basis Engels – tief im russischen Kernland.
Hinzu kommt die Veröffentlichung von Bau- und Sicherheitsunterlagen zu russischen U-Booten. U-Boote gelten als Rückversicherung der nuklearen Abschreckung, doch wenn sensible Informationen in Umlauf geraten, wird dieses Potenzial geschwächt. Zusammen mit den Verlusten in der Bomberflotte bleiben fast nur noch die landgestützten Raketensilos unbeschädigt. Zwei von drei Säulen der Abschreckung sind damit angeschlagen – ein Ungleichgewicht, das Moskaus Drohkulisse deutlich weniger überzeugend macht.
-- Russische Verluste übersteigen die ukrainischen --
Unabhängige Schätzungen (z. B. CSIS) sehen 2025 kumulativ deutlich höhere russische Gesamtverluste (Tote + Verwundete) als ukrainische – im hohen sechsstelligen Bereich gegenüber mittleren sechsstelligen in der Ukraine. Verwundete machen dabei regelmäßig ein Mehrfaches der Gefallenen aus, was für noch höhere Zahlen auf russischer Seite spricht.
-- Die Stärke der Ukraine: Dezentralisierung --
Warum hält die Ukraine trotz allem durch? Ein Schlüssel ist die hochgradige Dezentralisierung ihrer Rüstungsproduktion. Tausende Werkstätten, Start-ups und Stiftungen produzieren verteilt, sodass es kaum „entscheidbare“ Ziele gibt. Kiew setzt massiv auf Abfang- und Jagd-Drohnen, skaliert die Fertigung und verweist auf tausendfache Stückzahlen pro Tag als Zielkorridor. Diese Netzwerke sind anpassungsfähig, kosteneffizient und schwer auszuschalten – anders als wenige große Fabriken.
-- Geländegewinne: teuer erkaufte ukrainische Felder --
Und die Lage am Boden? Russlands Geländegewinne bleiben inkrementell – „langsam, aber stetig“ in Teilabschnitten, gemessen in wenigen Kilometern und oft unter enormen Verlusten. In diesem Tempo wäre eine flächendeckende Eroberung der Ukraine eine Frage von Jahrzehnten, nicht Monaten.
-- Fazit --
Wer jetzt behauptet, Kiew müsse „einlenken“, weil Russland „unbesiegbar“ sei, übernimmt ein Narrativ, das ökonomische Spannungen, Verwundbarkeit in der Tiefe, Verluste strategischer Waffensysteme und die Resilienz der ukrainischen Rüstungslandschaft ignoriert.
Man erinnere sich: Wollte Russland nicht innerhalb von drei Tagen die Ukraine überrollen? Wollte der Kreml nicht Kursk binnen weniger Wochen zurückerobern? Und beansprucht Moskau nicht seit fast drei Jahren ganze Regionen wie Donezk, Luhansk, Saporischschja oder Cherson, ohne sie bis heute vollständig kontrollieren zu können?
Die Realität zeigt: Die Ukraine verliert punktuell Gelände – doch Russlands Fähigkeit, entscheidende Effekte zu erzwingen, ist weit weniger beeindruckend, als es das eigene Propagandanarrativ glauben machen will.
Markus Henkel am 17.08.2025 15:07 Uhr
"Die Ukraine wird also die Ostgebiete abtreten müssen. Ob das auf Dauer ausreicht, um Putin in Schach zu halten, weiß niemand."
Doch, das weiß man sehr genau: Die völkerrechtswidrige Annektion der Krim 2014 hat Putin auch nicht "in Schach gehalten".
Putin hat diesen Angriffskrieg begonnen, obwohl Russland 1994 im Budapester Memorandum die Souveränität und territorialen Grenzen der Ukraine anerkannt hat. Es ist völliger Unsinn, die russische Kreml-Propaganda von der NATO-Osterweiterung zu übernehmen, denn sogar Gorbatschow bestätigte, dass eine derartige Zusage im Rahmen der deutschen Wiedervereinigung gar keinen Sinn gehabt hätte, da die Länder des Ostblocks damals noch im Warschauer Pakt waren.
Putin hat sogar 2002 erklärt „Hinsichtlich der Nato-Erweiterung haben wir keine Sorgen mit Blick auf die Sicherheit der Russischen Föderation.“ Jedes Land habe das Recht, seine eigene Form der Sicherheit zu wählen. 2005 sagte Putin, wenn die Ukraine der NATO beitreten wolle, würden Russland ihre Entscheidung respektieren, da es ihr souveränes Recht sei, über die eigene Verteidigungspolitik zu entscheiden. Dieser Schritt würde die Beziehungen zu Russland nicht verschlechtern.
Heers Fazit "Das hätte man auch früher haben können." ist zutiefst zynisch, wenn man bedenkt, dass sich die Ukraine seit 3½ Jahren tapfer gegen unvorstellbare russische Kriegsverbrechen gegen jedes Völkerrecht und Menschrecht verteidigt. Was hätte die Ukraine denn machen sollen? Sich einfach nicht von Putin überfallen lassen? Sein Ziel ist völlig klar, er hat es immer klar geäußert: Er will die ganze Ukraine und er wird erst aufhören, wenn er die ganze Ukraine eingenommen und die ukrainische Kultur ausgelöscht, das Land und die Bevölkerung russifiziert hat. Danach sind das Baltikum, Polen, Georgien und die Republik Molau dran.