Digitalfestival re:publica will im Sturm der Krisen Antworten geben
Erstmals seit 2019 findet Europas größtes Digitaltreffen, die re:publica, wieder als Präsenzkonferenz in Berlin statt. Auch Bundeskanzler Olaf Scholz wird als Redner erwartet.

Als sich vor drei Jahren die Teilnehmenden der re:publica, der internationalen Konferenz der digitalen Gesellschaft, wieder in alle Winde verstreut hatten, blieb als eine Erkenntnis haften, dass die Sehnsucht nach einer besseren Debattenkultur im Netz groß ist. Zugleich wurde damals die Digitalisierung als Säule der Nachhaltigkeit beschworen, der Blick auf die Vernetzung in der Kreislaufwirtschaft oder bei den erneuerbaren Energien gerichtet. Die Digitalisierung als Fortschrittsmotor im Kampf für das Klima. Die Zukunft schien schwierig, aber es überwog der Optimismus.
Präsenztreffen statt Kacheln
Nun treffen sich in Berlin von diesem Mittwoch an bis Freitag tausende Blogger, Politiker, Wissenschaftler, Unternehmer, Künstler und Aktivisten auf der größten Digitalkonferenz Europas – erstmals seit 2019 wieder in Präsenz. Es ist die 15. Auflage des Netzfestivals in Berlin. Auf 2019 waren zwei digitale Konferenzen gefolgt, die aber weit weniger Aufmerksamkeit bekamen als die echten Präsenztreffen. Nun zeigt sich: Die digitale Gesellschaft hat die Nase erkennbar voll von ausschließlich digitalen Meetings, bei denen man die Mitdiskutanten nur auf kleinen Kacheln sieht.
Nicht unterkriegen lassen - egal, woher der Wind weht
Klimakrise, Pandemie, Krieg, noch mehr Hass und Hetze im Netz - seit 2019 ist die Welt mit vier großen Krisen konfrontiert, die ihren Ausdruck im Programm der „re:publica 22 finden, und auch in ihrem Motto: „Any Way the Wind Blows“. Es signalisiert, dass man sich nicht unterkriegen lassen will, egal, woher und wie stark der Wind auch weht. Die Konferenz endet stets mit dem feierlichen gemeinsamen Singen von Queens „Bohemian Rhapsody“. „Any Way the Wind Blows“ ist die letzte Zeile dieses Songs und es waren damit auch die letzten Worte, die im vorpandemischen Miteinander der re:publica 2019 fielen.
Als Motto für die erste re:publica „in real life“ nach drei Jahren Trennung soll dieser Faden nun symbolisch wieder aufgegriffen werden, so die Veranstalter. Das Motto beschreibe darüber hinaus den Zufall und das Leben in seiner Unberechenbarkeit, es ermahne zur Demut vor dem Kontrollverlust, mache aber auch Mut und werbe für Optimismus. Johnny Haeusler, Mitgründer und Geschäftsführer, sagt mit Blick auf das Real-Treffen, die re:publica 2022 sei „eine Erlösung, eine Rückkehr, ein Wiedersehen“.
Schauplatz ist ein Industriedenkmal an der Spree
Bei der letzten Auflage in Präsenz kamen rund 20.000 Teilnehmer aus 80 Ländern an den drei Konferenztagen in Berlin zusammen, um aktuelle Themen der digitalen Gesellschaft zu diskutieren. Das Festival findet erstmals in der Arena Berlin und dem Festsaal Kreuzberg statt, einem Industriedenkmal an der Spree. Beim Aufbau der Konferenz wurde darauf geachtet, fast ausschließlich regenerative Materialien zu verwenden und Kunststoffe, wo sie unvermeidbar sind, aus recyceltem Material zu nutzen, die nach der Veranstaltung zurück in den Kreislauf gegeben werden können.
Der Kanzler-Besuch ist ein Novum
Ein Höhepunkt des Programms: Bundeskanzler Olaf Scholz wird am Donnerstag über die globalen Herausforderungen der Digitalisierung sprechen. Die Kanzler-Visite ist ein Novum: Die Veranstalter hatten jahrelang vergeblich versucht, Amtsvorgängerin Angela Merkel zu einem Besuch zu bewegen.
Ebenfalls dabei sind Bundesinnenministerin Nancy Faeser, der Bundesminister für Digitales und Verkehr Volker Wissing, Arbeits- und Sozialminister Hubertus Heil, Familienministerin Lisa Paus. Zu den weiteren Programm-Highlights der re:publica zählen ein Gespräch mit Philosophin Carolin Emcke und Klimaökonom Ottmar Edenhofer, Vorträge und Gespräche u.a. mit Klima-Aktivistin Luisa Neubauer, Wirtschaftswissenschaftlerin Claudia Kemfert, Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim oder KI-Wissenschaftlerin Kate Crawford. Die Virologin Melanie Brinkmann und Ethikrat-Vorsitzende Alena Buyx reden über ihre Rolle in der Öffentlichkeit während der Pandemie.
„Wir sind momentan alle Entwicklungsländer”
Insgesamt sind rund 500 Vorträge, Workshops und Diskussionen geplant. Zum Auftakt sprach die Transformationsforscherin Maja Göpel. Ihre Botschaft, die motivieren soll: Der Wandel ist keine theoretische Größe, sondern rein praktisch könne jede und jeder etwas, um etwas zu verändern. Die aktuellen Krisen öffneten den Raum für Innovationen. „Wir sind jetzt gefragt, es anders zu machen, damit sehr viele Menschen eine gute und friedvolle Zukunft haben”, sagte sie, und: „Wir sind momentan alle Entwicklungsländer. Wir tragen alle gleichermaßen Verantwortung für die Zukunft des Planeten.”
Aus Sicht von Markus Beckedahl, Mitbegründer der re:publica, will die 15. Ausgabe der Konferenz Antworten auf drängende Fragen geben, die die vier großen, aktuellen Krisen aufwerfen: Wie gestalten wir die ökologisch-soziale Transformation in Zeiten der Klimakrise? Welche Entwicklungen machen Hoffnung, und wie können wir Digitalisierung und Klima zusammen denken?
Mit Blick auf den Krieg gegen die Ukraine widmet sich der Kongress vor allem den medialen und digitalen Aspekten: Wie wird das Netz genutzt, um zivilgesellschaftliches Engagement zur Aufnahme von Geflüchteten zu ermöglichen, wie reagiert der Journalismus auf die neuen Herausforderungen? Und wie sind, so Beckedahl, „wir als Rezipienten gegen diesen Informationskrieg gewappnet?”
Neues Veranstaltungsformat „.txt”
Das Programm-Special des Jugendablegers „Tincon“ am 10. Juni umfasst Talks mit jungen und bekannten Sprechern, Workshops und einer Gaming Area. Neben Comedian und Podcaster Aurel Mertz werden unter anderem auch Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach, Moderatorin Ariana Baborie sowie die Musikerin Luna auf der Tincon-Bühne zu Gast sein. Neu auf dem Kongress: Am 11. Juni präsentieren die Veranstalter der re:publica und Tincon erstmalig das Netzwerk-Veranstaltungsformat .txt (gesprochen: „Text“), das sich im Programm ausschließlich dem geschriebenen Wort widmet.

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