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Trauerfeier für Helmut Kohl: Abschied vom deutschen Europäer

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Zur offiziellen Trauerfeier für den verstorbenen Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl kommen Staatsgäste aus aller Welt. In ihren bewegenden Reden verabschiedet sich EU-Kommissionspräsident Junker von einem "treuen Freund" und Bill Clinton lobt den Appetit Kohls.

Von Mirjam Moll und Detlef Drewes
Der Trauerakt für den verstorbenen Altkanzler Helmut Kohl im EU-Parlament in Straßburg.
Der Trauerakt für den verstorbenen Altkanzler Helmut Kohl im EU-Parlament in Straßburg.  Foto: Foto: dpa

Nein, Europa hält nicht den Atem an. In diesen zwei Stunden, in denen Weggefährten, politische Freunde und Widersacher Abschied nehmen, sich noch einmal erinnern, verneigt sich nicht die Welt. Aber viele, die die Welt prägten. Einen Staatsakt hatte Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker „ausgerufen“, als er – zusammen mit Kohls Witwe Maike Kohl-Richter – nach einer angemessenen Form der Würdigung für den verstorbenen 87-jährigen Kohl suchte. Den ersten in der über 60-jährigen Geschichte dieser Gemeinschaft. 

Doch er musste sofort zurückgepfiffen werden: Die EU sei kein Staat, brachten Junckers Mitarbeiter ihren Chef schonend bei, also könne sie auch keinen „Staatsakt“ ausrichten. Man deklarierte die Veranstaltung am Samstagvormittag zu einer europäischen Trauerfeier. Helmut Kohl hätte solche Wortklauberei gehasst – und mit einem Hinweis auf den „Mantel der Geschichte“ vom Tisch gewischt. Wichtiger noch: Es hätte wohl niemand zu widersprechen gewagt.

Starke Sicherheitsvorkehrungen

Erst am frühen Morgen war der Sarg von Ludwigshafen nach Straßburg gebracht worden. Wie dicht die Sicherheitskette rund um den das EU-Parlament da schon gezogen wurde, bekommen die Begleiter zu spüren: „Wir sind die Sargträger, sie sollten uns durchlassen“, müssen sich sogar jene, die eine tragende Rolle haben, gegen die auf Perfektion bedachte französische Polizei durchsetzen.

Ob Staats- oder Regierungschef, amtierend oder längst auf dem Altenteil – für alle beginnt der Besuch gleich. Einzeln werden sie in ein Protokollzimmer geführt, wo sie sich von dem Kohl verabschieden können. Keine deutsche, sondern eine Europa-Fahne liegt über dem Sarg. Nach einem Moment des Schweigens geleitet eine Art Zeremonienmeister die Gäste nach nebenan zum Eintrag in das Kondolenzbuch. Und dann sitzen sie im weiten Rund des Europäischen Parlamentes - die Führer der Welt: Frankreichs früherer Staatspräsident Nicolas Sarkozy neben dem israelische Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu, Spaniens pensionierter Monarch König Juan Carlos mit Frau Sophia neben dem Wiener Bundespräsidenten Alexander Van der Bellen. Der russische Regierungschef Dimitri Medwedjew und der frühere amerikanische Präsident Bill Clinton neben Europas junger Generation, verkörpert durch Frankreichs Staatsoberhaupt Emmanuel Macron.

Bewegende Worte

Der frühere US-Präsident Bill Clinton, Maike Kohl-Richter und EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker.
Der frühere US-Präsident Bill Clinton, Maike Kohl-Richter und EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker.  Foto: Foto: dpa

Sie verabschieden nicht nur einen deutschen Bundeskanzler. „Ich nehme Abschied von einem treuen Freund, der mich über Jahrzehnte liebevoll begleitet hat. Hier spricht nicht der Kommissionspräsident, sondern ein Freund, der Kommissionspräsident wurde“, sagt Jean-Claude Juncker. Er habe bewegende Momente mit dem Kanzler geteilt. „Ich bin wahrscheinlich der Einzige in diesem Saal, der Helmut Kohl während einer Sitzung hat weinen sehen“, erzählt er. Im Dezember 1997 beschlossen die Staats- und Regierungschefs – darunter damals auch Juncker als luxemburgischer Premier – die große Erweiterung der EU nach Mittel- und Osteuropa, die 2004 verwirklicht wurde.  Mit „Tränen erstickter Stimme“ habe Kohl damals gesprochen und (in diesem Moment wurde Junckers Stimme brüchig) gesagt, „dass dieser Tag des Auftaktes der Beitrittsverhandlungen zu den schönsten Momenten seines Lebens gehörte“. Schließlich sei der deutsche Kanzler still geworden und habe minutenlang feuchte Augen gehabt. 

Es ist viel vom Freund, vom deutschen Europäer, von dem Staatsmann die Rede. Aber es spricht wohl niemand so bewegend und zugleich würdevoll von einem Freund wie der frühere amerikanische Präsident Bill Clinton. „Meine Frau Hillary denkt, ich mochte ihn, weil er noch mehr aß als ich“, sagt das Ex-Staatsoberhaupt. Dabei habe Kohl versucht, ihn dazu zu bringen „Dinge zu essen, die ich wirklich nicht essen wollte“. Clinton erinnert an die Fragen, die damals die Alliierten beschäftigen: „Soll es nach dem Fall der Mauer ein wirklich vereintes Deutschland geben?“ Es sei Kohl Leidenschaft gewesen, die ihn überzeugte.

Clinton: „Ich liebe diesen Mann. Denn er hatte einen Appetit. Und der ging deutlich über das Essen hinaus. Er wollte eine Welt schaffen, in der niemand dominieren würde, eine Welt, in der Zusammenarbeit besser wäre als die Entscheidung individueller Diktatoren“. Deswegen, so Clinton weiter, „sind wir heute all hier: Danke, dass du uns die Chance gegeben hast, an etwas teilzunehmen, dass größer ist als wir selbst.“ „Schlaf gut, mein Freund“, gibt er seinem verstorbenen Freund Helmut mit. Tosender Applaus verschluckte die letzten Worte seine Rede. Als Clinton an dem Sarg vorbeigeht, salutiert er.

Bundesinnenminister Thomas de Maiziere (r, CDU) und Bundesaußenminister Sigmar Gabriel (SPD) nehmen im Dom zu Speyer Abschied am Sarg von Altkanzler Helmut Kohl.
Bundesinnenminister Thomas de Maiziere (r, CDU) und Bundesaußenminister Sigmar Gabriel (SPD) nehmen im Dom zu Speyer Abschied am Sarg von Altkanzler Helmut Kohl.  Foto: Foto: dpa

Und auch Bundeskanzlerin Angela Merkel gelingt gleich ein mehrfacher Brückenschlag mit dem Mann, der ihr politischer Ziehvater war – „ohne Sie stünde ich heute nicht hier“ – und dem sie deshalb versprach: „Ihr Vermächtnis werden wir weiter tragen“. Sie ist die Einzige, die Kohls verstorbene erste Ehefrau Hannelore erwähnt. Und obwohl Merkel wusste, wie verbittert Kohls Frau Maike ihre Rede zu verhindern versucht hatte, erhebt sie sich nach ihrer Ansprache noch einmal, um der Witwe die Hand zu geben. Eine Geste, die in der Trauer verbinden soll, aber Kohl-Richter bleibt sitzen.

Zwei Hymnen zum Abschluss

Bevor der Sarg aus dem Saal getragen und nach Speyer zum Trauergottesdienst geflogen wird, spielt das Orchester erst die deutsche und dann die europäische Hymne, die eine „Ode an die Freude“ ist. Zuvor hatte Kommissionschef Juncker seinem Weggefährten noch eine Bitte mitgegeben: „Lieber Helmut, du bist jetzt im Himmel. Versprich mir, dass du dort nicht sofort einen CDU-Ortsverein gründest. Du hast genug getan für deine Partei, dein Land und dein Europa – vielen Dank.“

 

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