Jens Spahn: Bundeskanzler, was sonst?
Was bewegt den Politiker und Menschen Jens Spahn? Die erste Biographie über den CDU-Politiker vergleicht seinen Aufstiegswillen mit dem von Gerhard Schröder oder Joschka Fischer.

Eines der bemerkenswertesten Fundstücke in der ersten Jens-Spahn-Biographie ist ein Foto aus der Abiturzeitung des Jahrgangs 1999 der bischöflichen Canisiusschule im münsterländischen Ahaus. Vier Schüler posieren auf dem Foto, darunter haben die Zeitungsmacher damals halb ernst, halb satirisch Berufe geschrieben. Unter dem Bild des jungen Jens Spahn steht tatsächlich: „Bundeskanzler, was sonst?“
Wenn es um die Nachfolge von Angela Merkel im Kanzleramt geht, dann fällt häufig Spahns Name. Es gibt nicht viele Unionspolitiker derzeit, die als Führungsreserve für höhere Aufgaben gelten. Spahn jedenfalls wird – von Freunden wie Gegnern – häufig genannt.
Nun liegt die erste Biographie vor, die das Leben und den Aufstieg des CDU-Politikers beschreibt, der mit seinen 38 Jahren heute als Gesundheitsminister mit am Berliner Kabinettstisch sitzt. Verfasst hat sie der Journalist Michael Bröcker, Chefredakteur der Rheinischen Post. Und er hat damit ein bemerkenswert dichtes, analytisches Porträt vorgelegt.
Er ist Stufensprecher, weil er der beste Redner ist
Der Journalist zeichnet den Werdegang Spahns nach, lässt uns an prägenden Momenten des Menschen Spahn teilhaben, die Motivation des Politikers Spahn verstehen. Der Autor bringt es an einer Stelle auf den Punkt: „Nach oben kommen. Politik machen. Führen. Anführen. Er organisiert das Ferienzeltlager der Katholischen Jugendgemeinde, wird Verbandsvorsitzender. Er ist Stufensprecher, weil er der beste Redner ist. Er organisiert Anzeigenkampagnen für ein Atomzwischenlager in seiner Heimat, weil ihn der linke Mainstream ärgert. Und weil ihn Widerstände anspornen. Bis heute."
Als Zitat, das Spahn charakterisieren soll, wählt er zum Beispiel diesen Satz: „Wer 40 ist und keinen Ehrgeiz hat, kann nach Hause gehen". Seinen Aufstiegswillen vergleicht der Autor mit dem von Gerhard Schröder und Joschka Fischer. Will er wirklich auf Merkel folgen? Bröcker schreibt: „Jens Spahn will Bundeskanzler werden. Daran lässt er in den vielen Gesprächen, die ich mit ihm für dieses Buch, aber auch in Jahren zuvor geführt habe, keinen Zweifel."
Politisch mit allen Wassern gewaschen
Spahn will nach oben, ganz nach oben. Dabei gehe er strategisch vor, er rüttelt nicht am Zaun des Kanzleramtes, er verliere es nur nicht aus den Augen. Er sei trotz seines jungen Alters ein „alter Hase im Geschäft“, heißt es in der Biographie, Spahn sei politisch mit allen Wassern gewaschen.
Zu seinen einflussreichen Förderern zählt der Autor Wolfgang Schäuble, Volker Bouffier und Edmund Stoiber. Die politische Agenda Spahns könne man kritisieren, sie habe aber eben auch starke Konturen. Spahns erklärtes Ziel: Er will die CDU nach rechts rücken. Also in die Mitte, wie er es sehe, heißt es in der Biographie. Spahn sagt dazu: „Die Mitte ist mittlerweile rechts von der CDU."
Die Korrektur der Flüchtlingspolitik sei für ihn der Weg, um das gespaltene Bürgertum wieder hinter der Union zu versammeln. Der wortmächtige Kritiker der Kanzlerin in der Flüchtlingskrise sieht die Zuwanderung Hunderttausender muslimischer Flüchtlinge als Belastung, Deutschland werde dadurch „antisemitischer, schwulenfeindlicher, machohafter und gewaltaffiner".
Öffentliche Auftritte liegen ihm schon in der Schulzeit
Doch Bröcker will auch zeigen, wie der Privatmensch Spahn tickt. Und das mag für manchen überraschend sein. Der Autor zeichnet mit feinem Strich Facetten, beobachtete Herzlichkeit, Sensibilität, manchmal sogar Zurückhaltung, dann eher Bodenständigkeit und immer wieder fällt ihm die Wissbegierde auf. Das habe er sich bewahrt. Auch daheim sei Spahn umgeben von Gedankenwerken, Sachbücher zur Entspannung, die andere „wohl nur während ihres Studiums" lesen würden. Bröcker lässt unter anderem hierzu Spahns Eltern zu Wort kommen. An seine Schulzeit erinnert sich Spahn selbst wie folgt: „Ich war nicht so unbeliebt wie die meisten Streber, aber war jetzt auch nicht einer von den coolen Jungs.“ Spahn spielte auch in der Theater-AG. „Hat er richtig gut gemacht. Öffentliche Auftritte lagen ihm“, erinnert sich eine Mitschülerin.
Der Autor ist Spahn in vielen Städten begegnet, von Berlin bis Brüssel, hat annähernd 100 Menschen befragt, wie sie Spahn erleben oder erlebt haben, Familienmitglieder, Freunde und Gegner.
Jens Spahn, zwei jüngere Geschwister, wächst gut behütet in Ahaus-Ottenstein auf, einer 3700-Seelen-Gemeinde einen Steinwurf von der holländischen Grenze entfernt. Die Bischöfliche Canisiusschule gilt als christlich, konservativ, streng. Einfühlsam beschreibt der Autor, wie der zwölfjährige Jens in einem Wald in Thüringen vorübergehend seine Eltern verliert und fünf Stunden verzweifelt herumirrt. Eine frühe, prägende Erfahrung, die seine Bindung zu Mutter und Vater weiter verstärkt.
Der Autor beschreibt auch, wie eine psychische Erkrankung des Vaters die gesamte Familie in eine schwere Krise stürzte. Aber der Vater arbeitete sich wieder aus diesem Tief heraus und wurde gesund. Spahn erzählte seinem Biographen: „Ich bin stolz auf ihn, auf meine Mutter, auf unsere Familie, dass wir das gemeinsam durchgestanden haben.“ Tiefe Täler kann man durchschreiten - mit festem Willen, der Bereitschaft zur Anstrengung sowie einem familiären Vertrauensfundament.
Mit 22 der jüngste direkt gewählte Abgeordnete aller Zeiten
Die Eltern standen zu Jens, als er sich ihnen klar offenbarte. Vorher war seine Neigung zum gleichen Geschlecht nur angedeutet. Das Münsterland ist hier ausgesprochen konservativ und katholisch.
Jens Spahn glaubte, dass ihn ein politischer Gegenspieler bei einer Veranstaltung öffentlich outen könnte. Das war 2001, der Jungpolitiker war 21 Jahre jung, und strebte die Kandidatur für den Bundestag an. „Ich bin dann zu meinen Eltern rein und habe mich mit ihnen in die Küche gesetzt. Das war wohl das erste Mal, dass wir so richtig offen darüber gesprochen haben.“ Mutter Ulla sagt dazu dem Biographen: „Wie dumm wäre es, sein Kind zu verprellen?“ Spahn, der heute mit dem Berliner Journalisten Daniel Funke verheiratet ist, wird schließlich bei der Bundestagswahl 2002 der jüngste direkt gewählte Abgeordnete aller Zeiten. Er ist 22.
Nach oben kommen. Politik machen. Führen. Anführen. Spahn, so lautet eine Botschaft dieser Biographie, lässt sich auf seinem Weg nicht abbringen.
Info zum Buch "Jens Spahn - Die Biografie", Autor: Michael Bröcker, Verlag Herder, 304 Seiten, ISBN: 978-3-451-38336-6, Preis: 24 Euro
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