Großer Zapfenstreich für Joachim Gauck
Reinhard Kiauka ist der Mann am Taktstock, wenn Bundespräsident Gauck am Abend aus seinem Amt verabschiedet wird. Im Interview spricht der Leiter des Stabsmusikkorps der Bundeswehr über die Liedwünsche des Staatsoberhaupts, Vuvuzelas und temperamentvolle Nationalhymnen.

Herr Kiauka, es ist Ihre erste Verabschiedung eines deutschen Bundespräsidenten. Sind Sie aufgeregt?
Reinhard Kiauka: Also in den zweidreiviertel Jahren, die ich hier bin, habe ich schon viele hochrangige Veranstaltungen leiten und dirigieren dürfen. Da ist immer eine gesunde, positive Anspannung da. Man freut sich ja auf so herausragende Dinge. Und da wir eine sehr enge Verbundenheit zum jetzigen Bundespräsidenten Joachim Gauck haben, ist das natürlich eine wunderbare Ehrensache auch diesen Großen Zapfenstreich zu seiner Verabschiedung durchzuführen.
Welche Lieder hat sich Joachim Gauck denn gewünscht?
Kiauka: Er hat sich „Freiheit, die ich meine“ gewünscht. Das passt ja gut zum Thema seiner Amtszeit. Er hat sich ja immer für die Freiheit maßgeblich eingesetzt. Außerdem: „Über sieben Brücken musst Du gehen“ von Karat. Und, was für mich keine Überraschung war, ein Choral, nämlich „Eine feste Burg ist unser Gott“ von Martin Luther. Wir haben ja jetzt 500 Jahre Reformation. Das ist also eine runde Sache, die auch zu seiner Person passt, sodass, denke ich, der Zuschauer oder Zuhörer das mit ihm verbinden kann.
Sind diese Stücke denn für Sie einfach einzustudieren?
Kiauka: Den Choral „Eine feste Burg ist unser Gott“ werden wir in einer Bearbeitung von Johann Sebastian Bach spielen. „Freiheit die ich meine“ – das haben wir recht schnell einstudiert, da nehmen wir noch ein paar Veränderungen vor. „Über sieben Brücken musst Du gehen“ ist ja moderne Unterhaltungsmusik. Da muss ich erstmal ausprobieren, welches Arrangement wir nehmen. Wir sitzen nicht auf der Bühne, wo man sich der elektronischen Instrumente bedienen kann. Die können wir beim Marschieren im Fackelschein nicht mitführen. Aber ich bin guter Dinge, dass gerade auch dieser Titel am Freitag sehr gut klingen wird.
Wie haben Sie Joachim Gauck denn kennengelernt. Ist er ein musikalischer Präsident gewesen?
(lacht) Spielen Sie jetzt auf Walter Scheel an, der sich der Musik auf besondere Weise verbunden fühlte, weil er auch selbst auftrat? Also es ist so, dass der Bundespräsident sich bei seiner Ehrenformation, die aus dem Wachbataillon und dem Stabsmusikkorps der Bundeswehr besteht, vor drei Wochen in der Kaserne persönlich verabschiedet hat. Das war eine ganz tolle Geste, die bei den Soldatinnen und Soldaten natürlich hervorragend ankam, die die ganzen Jahre für ihn bei Wind und Wetter seine Gäste bei den Staatsempfängen oder zum Staatsbankett empfangen haben.

Für heute sind zehn Grad und Regen gemeldet. Sie werden im Freien spielen. Leiden da nicht die Instrumente?
Die Militärmusiker spielen, egal zu welcher Jahreszeit. Das zeichnet uns auch besonders aus. Und wenn Sie sagen, es sind zehn Grad, sage ich: Wunderbar für Mitte März. Es könnte auch viel schlimmer sein, nämlich winterlich mit sechs Grad minus. Dann hätte man wirklich ein Problem, weil dann die Blechblasinstrumente einfrieren und sie die Ventile nicht mehr betätigen können. Wenn der Regen wegbleibt, sind wir natürlich froh. Es wird aber trotzdem auch im Regen gespielt. Dann müssen sie nach dem ganzen Einsatz eben das Instrument umso sorgfältiger wieder trockenlegen und pflegen.
Gegen den Großen Zapfenstreich für Christian Wulff gab teilweise heftigen Widerstand. Demonstranten haben sogar versucht, mit Vuvuzelas zu stören. Sie waren damals noch nicht Leiter des Stabsmusikkorps, aber schon in der Militärmusik tätig. Wie haben Sie die Debatte wahrgenommen?
Ich empfinde das natürlich aus der Sicht des praktischen, aufführenden, leitenden Musikers. Ein Großer Zapfenstreich ist eine ganz feierliche Veranstaltung. Und freie Meinungsäußerung: alles wunderbar. Nur sollte die dann auch da Grenzen haben, wo man die anderen, die dieses Erlebnis gerne in Ruhe genießen wollen, dabei stört. Und mit Vuvuzelas ist das ja eindeutig der Fall. Das verträgt sich natürlich nicht mit dieser Stille und dem Gebet, wie sie im Großen Zapfenstreich stattfinden. Aber es war ja auch eine Ausnahme.
Kritiker bemängeln ebenfalls immer wieder, der Große Zapfenstreich sei nicht mehr zeitgemäß.
Das Zeremoniell ist eben auch seine Jahrhunderte alt, von den Ursprungselementen her, die sich dann im 19. Jahrhundert zu diesem Großen Zapfenstreich zusammen gebildet haben. Durch die Serenade, die dazugehört, hat es ja immer die Tradition, die einerseits gleich fortgeführt wird, aber durch die Auswahl der Stücke durch den Bundespräsidenten auch immer eine gewisse Aktualität und persönliche Note.
Wenn das Stabsmusikkorps nicht gerade den Bundespräsidenten verabschiedet, was macht es dann?
Der Hauptauftrag ist die Durchführung des protokollarischen Ehrendienstes, also dass wir alle Staatsgäste der Bundesrepublik Deutschland empfangen für den Bundespräsidenten, die Bundeskanzlerin, die Verteidigungsministerin und den Generalinspekteur. Und darüber hinaus geben wir auch öffentliche Benefizkonzerte wie jetzt am Sonntag im Großen Saal der Berliner Philharmonie zu Gunsten des Fördervereins Berliner Stadtschloss. Und bei unseren an die 250 Auftritten pro Jahr sind neben diesen Auftritten auch zahlreiche kammermusikalische Einsätze bis hin zu Dixie-Combos und Einsätzen in Botschaften im Ausland. Es ist ein ganz breitgefächertes Spektrum.
Das heißt sie müssen eine ganze Menge an Hymnen im Repertoire haben. Welches ist denn die schwierigste?
Ich sage mal, von der Ausführung her am anspruchsvollsten sind die südamerikanischen Nationalhymnen. Weil sie fast alle wie kleine Opernouvertüren sind – sehr temporeich, spritzig und quirlig. Während andere Länder oftmals eine getragene, ruhigere Hymne haben, ist da deutlich mehr Temperament vorhanden. Da wünscht man sich dann warme Temperaturen, damit man die Finger virtuos und schnell bewegen kann.
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