Zum Weltfrauentag: Gleichberechtigung ist notwendiger denn je
Die westliche Welt und mit ihr Gleichberechtigung und Feminismus sind heute so bedroht wie lange nicht. Unsere Autorin ist überzeugt: Benachteiligung und Ungleichheiten müssen gerade deshalb viel eindeutiger kritisiert werden.
„Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es (On ne naît pas femme: on le devient),“ hat die französische Schriftstellerin Simone Beauvoir 1949 gesagt. Damit hat sie recht, und man wird es schnell: Mädchen lernen von Kindesbeinen an, was sich für „ein Mädchen gehört“ und was nicht. In der Schule sind sie „fleißig“, die Jungs sind „begabt“.
Weltfrauentag: Die Gesellschaft ist auf Männer ausgerichtet – seit Jahrhunderten
Schreien die Jungs herum und sind laut, dann „sind sie eben so“, zeigen sich Mädchen dominant und unnachgiebig sind sie „zickig“ oder „schwierig“. Dann werden sie mal beiseite genommen, ermahnt sich zu beruhigen, höflich zu sein und anständig zu bleiben im Ton. Spätestens wenn aus Mädchen junge Frauen werden, werden sie ohne Scham und Unterlass nach äußerlichen Kriterien bewertet. Zu dünn, zu dick, zu neugierig, zu fordernd, zu langweilig - sie können nicht gewinnen.
Dabei wollen sie nicht einmal gewinnen, sondern gleichbehandelt werden in einer Gesellschaft, die seit Jahrhunderten von Männern, dem Patriarchat, kontrolliert wird. Nein, das Patriarchat ist keine feministische Übertreibung, es ist ein historisch gewachsener Zustand, der auf der systematischen Bevorzugung männlicher Macht ausgelegt ist. Egal ob wirtschaftliche, soziale oder politische Strukturen - sie sind auf Männer ausgerichtet.
Weiter Weg zur Gleichberechtigung: Frauen leisten mehr unbezahlte Arbeit, sind schlechter bezahlt und politisch unterrepräsentiert
Aktuell sind Antifeminismus, Hierarchie, Hass und Hetze auf dem Vormarsch, Präsidenten, Diktatoren und Tech-Milliardäre bedrohen die westliche Welt. Einen bedrohlichen Rechtsruck sowie Sympathie für überholte Rollenmuster sieht man auch hierzulande. Im neuen Bundestag sind 32,4 Prozent Frauen vertreten, so wenige wie seit 16 Jahren nicht. Das ist fatal, denn wo Frauen wenig vertreten sind, werden sie wenig beachtet. Die Union stellte kürzlich ein Bild ihrer neuen Führungsriege kurz nach der Wahl ins Netz: Nur Männer, keine Frau.
Frauen verdienen 16 Prozent weniger als Männer, arbeiten häufiger in Teilzeit und in schlecht bezahlten Berufen und sind als Folge häufiger von Altersarmut betroffen. Sie übernehmen nach wie vor den größten Teil der (unbezahlten) Sorgearbeit in Familien und Beziehungen. Ihre Krankheiten werden später und seltener erkannt, weil die medizinische Forschung auf den männlichen Körper ausgerichtet ist. Damit sich das ändert, müssen sich Strukturen ändern - und damit sich Strukturen ändern können, müssen sie kritisiert und infrage gestellt werden. Das passiert immer noch viel zu wenig und viel zu leise.
Sexuelle Belästigung, häusliche Gewalt und Femizide, die Täter: Männer müssen Verantwortung übernehmen
2023 wurden 938 Femizide begangen, das heißt Frauen wurden ermordet, weil sie Frauen sind. Opfer von häuslicher Gewalt sind zu 70 Prozent weiblich, von Partnerschaftsgewalt sind sie zu 80 Prozent betroffen. Und 2023 wurden mehr als 50.000 Frauen Opfer von sexueller Gewalt. Sexuelle Belästigung ist verstörend normal, die Gefahr ist Teil des Alltags, beinahe jede Frau hat sie schon erlebt - egal ob auf Konzerten, Festen, in der Bahn oder auf der Arbeit. Und beinahe jede Frau kennt die Scham, die absurderweise damit einhergeht: Unangenehm, dass einem das passiert ist, wieso konnte man es nicht verhindern?
Benennt man hier Männer klar als Täter und Problem, das sie sind, ist die Reaktion häufig: „Aber nicht alle Männer“. Schnell steht der Vorwurf von Pauschalisierung im Raum. Nein, nicht alle Männer, aber am Ende ist es trotzdem immer ein Mann. Männer sollten diese kollektive Verantwortung anerkennen statt stets darauf zu verweisen, dass ja nicht alle Männer so sind. Eine Frau hat nachts Grund zur Vorsicht vor einer Gruppe Männer, ein Mann nicht vor einer Gruppe Frauen.
Junge Männer wählen laut einer Studie immer rechter und wünschen sich traditionelle Rollenbilder zurück, man muss sich wundern: Was ist los mit ihnen? Unterdrückung wird mit Tradition verwechselt, der Angst vor Kontrollverlust äußert sich in autoritären Wahlentscheidungen. Das ist besorgniserregend und erschreckend und zeigt: Es gibt keinen Grund, Gleichberechtigung weniger deutlich einzufordern, im Gegenteil: Es ist nötiger, denn je.
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