Debatte um Syrer in Deutschland muss versachlicht werden – ein Faktencheck

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Werden 80 Prozent der hier lebenden Syrer in ihr Heimatland zurückkehren? Bundeskanzler Friedrich Merz hat eine Diskussion angestoßen, die an den Realitäten vorbeigeht. Das zeigt ein Blick auf die Fakten.


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Die Debatte um die massenhafte Rückkehr von Syrern in ihr Heimatland ist voll entbrannt. Angeblich hat der syrische Übergangspräsident Ahmed al-Scharaa bei seinem Besuch in Deutschland gefordert, dass 80 Prozent der in Deutschland lebenden Syrerinnen und Syrer binnen drei Jahren wieder in ihr Heimatland zurückkehren sollen. Das behauptet zumindest Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU).

Ob al-Scharaa dieses Ziel wirklich so formuliert hat, ist unklar und wird von einigen Medien bestritten. Die Diskussion um die Zukunft der syrischen Flüchtlinge läuft dennoch, und dabei geht es nicht immer sachlich zu. Ein Blick auf die Zahlen und die rechtlichen Grundlagen können helfen, das emotionale Thema zu versachlichen.

Zahlen, Aufenthaltsstatus und Einbürgerungen: So viele Syrer leben in Deutschland

Ende Oktober 2025 haben sich in Deutschland rund 944.000 Syrer aufgehalten. Davon hatten 663.000 eine befristete Aufenthaltserlaubnis, 515.000 von ihnen aus politischen, humanitären oder völkerrechtlichen Gründen. 77.000 weitere Syrer befanden sich in einem laufenden Asylverfahren. Dazu kommen jene Syrerinnen und Syrer, die mittlerweile einen deutschen Pass besitzen.

Nach Angaben des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (Bamf) sind zwischen 2016 und 2024 244.000 Syrerinnen und Syrer eingebürgert worden. Die Zahl der ausreisepflichtigen Syrer lag im Oktober 2025 bei 10.300. Allerdings waren davon nur 870 sofort ausreisepflichtig, alle anderen hatten einen Duldungsstatus. Das Abschiebepotenzial ist also überschaubar.

Die Lage in Syrien ist Experten zufolge alles andere als sicher

Dass Syrer in großem Stil in ihr Heimatland zurückkehren, ist aus mehreren Gründen unwahrscheinlich. Denn dass der Fluchtgrund nach dem Sturz des Diktators Baschar al-Assad Ende 2024 entfallen sei und damit bestehende Aufenthaltstitel entfallen könnten, ist rechtlich umstritten. Völkerrechtler und Asylexperten weisen darauf hin, dass die aktuelle Lage in Syrien alles andere als stabil und sicher sei. Immer wieder erschüttern Gewaltwellen das in Trümmern liegende Land. Massenhafte pauschale Abschiebungen sind daher Völkerrechtlern zufolge nicht möglich, zumal das Bamf jeden Einzelfall überprüfen müsse. 

Außerdem können gut integrierte Syrer, die selbst für ihren Lebensunterhalt sorgen, andere Aufenthaltstitel beantragen, um dauerhaft in Deutschland bleiben zu können. So können gut integrierte Flüchtlinge nach fünf Jahren eine unbefristete Niederlassungserlaubnis erhalten (Spurwechsel). Das könnte für viele hier arbeitende Syrer eine Option sein, wie ein Blick auf deren Integration in den Arbeitsmarkt zeigt.

Beschäftigungsquoten und Branchen: Welche Rolle syrische Fachkräfte im Raum Heilbronn spielen

Demnach sind nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit derzeit rund 320.00 Syrerinnen und Syrer in Deutschland beschäftigt – davon 266.100 sozialversicherungspflichtig. Im Landkreis Heilbronn waren im Juni 2025 (neuere Zahlen liegen nicht vor) nach Angaben der Arbeitsagentur Heilbronn 826 Syrer sozialversicherungspflichtig beschäftigt, in der Stadt Heilbronn waren es 712 Syrer. In Heilbronn lebten Ende 2025 2434 Menschen mit syrischem Pass.

Die Beschäftigungsquote für alle syrischen Geflüchteten liegt nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit bei 47 Prozent, bei der Gruppe, die seit 2015/2016 in Deutschland lebt, sogar bei 60 Prozent. Zum Vergleich: Deutsche Staatsbürger haben eine Beschäftigungsquote von 71 Prozent.

Viele Syrer sind gut in den deutschen Arbeitsmarkt integriert

„Wir finden eigentlich aus Sicht der Bundeagentur für Arbeit, dass sich die syrischen Geflüchteten gut in den Arbeitsmarkt integriert haben“, sagte die Vorsitzende Andrea Nahles am Dienstag. Vor allem im Gesundheitswesen, in der Pflege, im Handel und in der Logistik leisteten die Syrerinnen und Syrer gute Arbeit und linderten den Fachkräftemangel in diesen Branchen.

Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW)  in Köln weist darauf hin, dass etwa die Hälfte der syrischen Beschäftigten auf Fachkräfteniveau tätig ist und gut zehn Prozent auf Spezialisten- oder Expertenniveau. Dazu kommen laut IW rund 21.000 Syrerinnen und Syrer, die eine Berufsausbildung absolvieren – darunter viele in Engpassberufen wie Zahnmedizin, Sanitär- und Heizungstechnik und Bauelektrik.

Syrer werden auch beim Wiederaufbau ihres Landes benötigt

Unstrittig ist aber auch, dass gerade gut ausgebildete syrische Fachkräfte in ihrem Heimatland dringend für den Wiederaufbau gebracht werden. Hier sollte die Politik stärkere Anreize zur freiwilligen Rückkehr setzen statt den unrealistischen Eindruck zu erwecken, in großem Stil abschieben zu können. Das sieht auch das IW so: „Eine pauschale Rückkehrforderung wird der Komplexität der Integration der Syrer nicht gerecht und birgt das Risiko, dass auch Qualifizierte und gut integrierte Personen freiwillig abwandern“, schreiben die Wirtschaftsforscher. Statt die Integration generell infrage zu stellen, solle die Politik die Interessen Syriens beim Wiederaufbau mit den Bleibewünschen gut integrierter Menschen in Deutschland austarieren, so das IW.

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