Deutschland braucht Fachkräfte - Doch Hunderttausende wollen das Land wieder verlassen
Die Politik will die Fachkräftezuwanderung vereinfachen. Eine Untersuchung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung zeigt dagegen einen beunruhigenden Trend: Gerade gut ausgebildete Fachkräfte wollen Deutschland verlassen. Was die Gründe dafür sind.

Deutschland fehlen Fachkräfte, das ist keine neue Erkenntnis. Und auch, dass die Politik die Einwanderung für Fachkräfte vereinfachen will, ist kein neues Ziel, denn der Fachkräftemangel droht sich in den kommenden Jahren weiter zu verschärfen. Doch wenn es schon zu wenige Fachkräfte gibt, dann will man die, die im Land sind, auf keinen Fall verlieren. Aber genau das könnte passieren, wie eine Untersuchung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zeigt.
IAB-Untersuchung: Hunderttausende Personen haben konkrete Auswanderungspläne
Demnach überlegen 26 Prozent (2,6 Millionen) der nach Deutschland eingewanderten Personen, das Land wieder zu verlassen. Drei Prozent, beziehungsweise 300.000 Personen, haben konkrete Auswanderungspläne. „Ein Drittel dieser Menschen haben sich bereits Tickets gekauft, einen neuen Job gefunden. Das ist dann schon ein harter Indikator dafür, dass sie Deutschland tatsächlich verlassen“, erklärt Professor Yuliya Kosyakova, Mit-Autorin der Studie und Leiterin des Forschungsbereiches Migration, Integration und internationale Arbeitsmarktforschung am IAB sowie Professorin für Migrationsforschung an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg.
Sie betont: Würden tatsächlich jedes Jahr 300.000 Personen Deutschland verlassen, wäre das Ziel einer Netto-Zuwanderung von 400.000 Fachkräften jährlich in großer Gefahr. Die Zahl 400.000 geht aus einer Berechnung des IAB hervor, wonach pro Jahr so viele Personen zuwandern müssten, damit das Arbeitskräfteangebot bis 2060 konstant bleibt.
Wissensintensive Branchen sind besonders von Abwanderung betroffen
Ergebnisse zu tatsächlichen Abwanderungen liegen dagegen noch nicht vor, dies wird erst Ende des Jahres mit der zweiten Befragungswelle der Fall sein, so die Autoren. Als zentrale Gründe für eine Abwanderung nennen die Befragten politische Unzufriedenheit, persönliche Vorlieben, hohe steuerliche Belastungen und Bürokratie. Höherqualifizierte denken häufiger darüber nach auszuwandern, als Menschen mit niedrigerem Bildungsniveau.
„Besonders hoch ist das Abwanderungsrisiko in wissensintensiven Branchen wie IT und technischen Dienstleistungen – Sektoren, die zugleich vom Fachkräftemangel besonders betroffen sind“, heißt es in der repräsentativen Untersuchung. Im Gesundheitswesen, der Bauwirtschaft, der öffentlichen Verwaltung und dem Einzelhandel bestehen keine überdurchschnittlichen „aber dennoch relevante“ Abwanderungstendenzen. Weiter sind die Überlegungen auszuwandern umso ausgeprägter, je höher der Bildungsabschluss ist. Personen, die aufgrund von Arbeitssuche oder für mehr Bildung nach Deutschland gekommen sind, überlegen häufiger auszuwandern als Geflüchtete.
Abwanderungspläne: Politische Lage in Deutschland ist wichtiger Treiber
Soziale Integration, gesellschaftliche Teilhabe, emotionale Verbundenheit zu Deutschland und das subjektive Willkommensgefühl sind entscheidend dafür, ob Menschen sich entscheiden zu bleiben oder nicht, auch Diskriminierungserfahrungen spielen eine wichtige Rolle. 44 Prozent der Befragten geben die politische Lage in Deutschland als Grund an, auswandern zu wollen.
„Was aus unserer Studie deutlich wird, dass die politische Lage in Deutschland ein sehr wichtiger Treiber dafür ist, zu überlegen, Deutschland zu verlassen. Das finde ich schon beunruhigend“, so Yuliya Kosyakova. Wo die eigene Familie ist, wieviel Kontakt man zu Deutschen hat und wie gut man im sozialen Leben eingebunden ist, spielen eine wichtige Rolle. „Man sollte bei Migration mehr die ganze Familie in den Blick nehmen, nicht nur das Individuum“, erklärt die Autorin. Da gebe es in Deutschland weiterhin Nachholbedarf.
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