Jünger als 30 – und in den Bundestag: Was junge Kandidaten im Wahlkampf antreibt
In Parlamenten sind Menschen unter 30 Jahren unterrepräsentiert. Vier junge Kandidaten aus Baden-Württemberg wollen das ändern und kandidieren für den Bundestag.
Politik nimmt die Sorgen junger Menschen nicht ernst und ist nicht offen für die Ideen junger Leute. Das sagt zumindest die Mehrheit der Befragten (zwischen 16 und 30 Jahren) in einer aktuellen repräsentativen Studie der Bertelsmann-Stiftung.
Damit sich das ändert, ist es wichtig, dass die Interessen von jungen Menschen gehört werden, beispielsweise, indem mehr junge Politiker in die Parlamente kommen. Dort sind sie unterrepräsentiert.

Junge Kandidaten für die Bundestagswahl 2025: Die Zukunft nicht den Älteren überlassen
Trotzdem gibt es positive Tendenzen. Parteien setzen vermehrt auf junge Kandidaten und versuchen, den Nachwuchs stärker zu fördern. Kurz vor der Bundestagswahl liegen intensive Wahlkampfwochen hinter den Kandidaten der verschiedenen Parteien. Wie haben junge Kandidaten diese Zeit erlebt und wieso haben sie beschlossen, sich politisch zu engagieren? Unsere Redaktion hat mit vier Kandidaten aus Baden-Württemberg gesprochen.
Laura Hahn ist 27 Jahre alt und tritt für die FDP Esslingen an. Dass sie es für ihre Partei in den Bundestag schafft, ist nahezu ausgeschlossen. Ob die Partei überhaupt über die Fünf-Prozent-Hürde kommt, ist völlig offen. Das hat die Motivation der jungen Frau für den Wahlkampf jedoch nicht ausgebremst. Zunächst habe es sich angefühlt, als ob sie in „eiskaltes Wasser“ geworfen worden wäre, es sei eine „große Herausforderung“ gewesen. Hauptberuflich ist sie Unternehmensjuristin. „Ich habe das Gefühl, ich bin durch den Wahlkampf zehn Zentimeter in die Höhe gewachsen. Das nimmt mir keiner mehr“, erzählt sie und sagt, sie habe sich dadurch weiterentwickelt und mehr Selbstbewusstsein entwickelt. Die Anspannung in der Gesellschaft habe sie gespürt, doch angesichts der wirtschaftlichen Lage empfinde sie das auch als nachvollziehbar. Laura Hahn treibt an, dass sie das „deutsche Zukunftsversprechen“ erneuern möchte und findet: „Es ist nie eine gute Idee, den Älteren unsere Zukunft zu überlassen.“
Bundestagswahl 2025: Wenig Aussicht auf Erfolg trübt die Motivation nicht
Das will auch Jonathan Ebert, Bundestagskandidat für die Grünen im Wahlkreis Heilbronn, nicht. Der 28-Jährige arbeitet hauptberuflich als Referent im Landtag und hat seinen ersten Wahlkampf als „sehr intensiv“ wahrgenommen. „Eine Meldung jagt die nächste, alles läuft sehr verdichtet ab. Man muss schnell Antworten finden.“ Herausfordernd war für ihn, „dass mich noch niemand im Wahlkreis kannte“, erzählt er. Seit dem Heizungsgesetz sind die Grünen, beziehungsweise besonders der Spitzenkandidat Robert Habeck, für manche zum Feindbild geworden. „Man spürt, dass diese Grundskepsis da ist“, sagt Jonathan Ebert über seine persönlichen Erlebnisse im Wahlkampf. Direkten Anfeindungen sei er aber nicht ausgesetzt gewesen.
Auch für ihn ist der Einzug in den Bundestag quasi aussichtslos. Doch dadurch lässt er sich nicht unterkriegen und kann sich durchaus vorstellen, erneut zu kandidieren. Das muss nicht zwingend in der Bundespolitik sein - 2026 wird in Baden-Württemberg ein neuer Landtag gewählt, auch hierfür kann sich der 28-Jährige eine Kandidatur vorstellen: „Landespolitik ist noch einmal näher dran an den Menschen“, sagt er.
Bundestagswahl 2025: Zwischen Studium und Wahlkampf für die Bundestagswahl
Philipp Hensinger, Direktkandidat für die SPD im Neckar-Odenwald Kreis, ist im Wahlkampf besonders eines aufgefallen: „Viele Menschen wussten nicht genau, wem sie ihre Stimme geben sollen.“ Er habe durch die vielen Gespräche ein gutes Gefühl dafür bekommen, was die Leute wirklich bewegt.
Besonders herausfordernd waren für den 21-Jährigen neben dem eisigen Wetter auch seine Prüfungen, die der Student parallel zum Wahlkampf meistern musste. Tagsüber für die Partei unterwegs, früh morgens oder abends noch für die Klausuren lernen - „das ist ein echter Balanceakt“, erzählt Philipp Hensinger. Wie auch seine Mitstreiter treibt ihn der Wille an, etwas zu verändern, „mitanpacken und nicht nur debattieren“, wie er sagt. Diskussionen seien wichtig, aber „am Ende muss jemand die Ärmel hochkrempeln und Dinge voranbringen. Politik kann manchmal zäh sein, aber sie ist veränderbar!“
Junger Kandidat der AfD will „schwindende Zukunftsperspektiven“ überwinden
Viel positives Feedback, gute Stimmung, aber zu kalte Temperaturen - so hat Benjamin Götz, Kandidat der AfD für den Wahlkreis Schwäbisch Hall-Hohenlohe die vergangenen Wochen erlebt. Die AfD wird vom Verfassungsschutz in Deutschland als in Teilen gesichert rechtsextrem eingestuft. Zwar lief es größtenteils so, wie Benjamin Götz den Wahlkampf erwartet hatte, eine Sache war trotzdem eine Herausforderung: „Dass wir sooft nachplakatieren mussten, weil unsere Plakate ständig zerstört wurden. Das ist schon ermüdend“, sagt der 27-Jährige, der hauptberuflich in der Automobilindustrie arbeitet. Zwar habe er im direkten Kontakt mit Bürgern überwiegend positive Erfahrungen gemacht, doch er sieht als „Riesenproblem, dass AfD-Mitglieder im Umgang entmenschlicht werden“. Das mache ihn „traurig“, er sorge sich um die Demokratie.
Die Sorge um die Zukunft, um „schwindende Zukunftsperspektiven“ hat ihn persönlich dazu bewegt, sich politisch zu engagieren. Man könne sich „durch die steigende Islamisierung“ zunehmend nicht mehr sicher im eigenen Land fühlen. Er wolle dazu beitragen, diese Sicherheit wieder herzustellen.
Diese Zusammenhänge stimmen so nicht. Laut Bundesinnenministerium und Verfassungsschutz gehen die meisten politisch motivierten Straf- und Gewalttaten von Rechtsextremismus aus, ausländische oder religiöse Ideologie spielen eine weitaus geringere Rolle. Weiter kommt eine aktuelle Analyse des Ifo-Instituts zu dem Schluss, dass Migration nicht die Kriminalität steigert.
Unsere Redaktion hatte auch Kandidaten der CDU hierfür angefragt, aber leider keine Antwort erhalten.
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