Diskussion zur Höflichkeitsregel: Sollte Duzen die Regel sein?
Für viele junge Menschen ist das Duzen selbstverständlich. Für viele ältere Personen gehört das Siezen zum guten Ton. Unsere Autoren sind geteilter Meinung, was die richtige Anrede sein sollte.

"Darf ich ‚Du" sagen?" Ja bitte, was denn sonst! Zu oft kommt man noch in unangenehme Situationen, in denen nicht klar ist, ob man jemanden duzen oder siezen soll und man sich fragt: Ist es für mein Gegenüber in Ordnung, geduzt zu werden?
Redakteurin Marie Provencal spricht sich für das Duzen aus
Diese Frage sollte überflüssig sein, zumindest aus der Sicht vieler junger Menschen der Generation Z. Es wirkt unentspannt, unnötig distanziert und: Es vermittelt das Gefühl von Hierarchien, wo keine Hierarchien nötig wären. Beharrt jemand fest darauf, gesiezt zu werden, fühlt es sich oft an wie eine unverständliche Machtdemonstration. Dass Duzen respekt- und anstandslos erscheint, ist Unsinn. Im Gegenteil: Duzen vermittelt das Gefühl von Augenhöhe, nicht davon, dass uns Respekt verloren geht.
Das ziemlich steif wirkende "Sie" ist unnötig, viele Teile des öffentlichen Lebens machen es schon lange vor. Bei "Starbucks" fragt man die Kunden nach dem Vornamen, kein Mensch interessiert sich für den Nachnamen - wozu auch? In vielen Cafés und Bars lautet die Frage selbstverständlich: "Was kann ich euch bringen?", nicht: "Was kann ich Ihnen bringen?".
Trotzdem halten viele Bereiche eisern am "Sie" fest. Schon die Kleinsten müssen ihre Lehrer in der Grundschule siezen. Nach dem Abschluss bekommt man dann oft schlagartig das "Du" angeboten - wieso nicht schon früher? Das Gefühl des Miteinanders würde verbessert, gleichzeitig das Gefühl des Machtgefälles zwischen Lehrer und Schüler verkleinert. Denn es sollte um die Sache gehen, nicht um die Form. Im Handwerk oder auf dem Bau ist deshalb das "Du" absolut geläufig. Niemandem würde es hier einfallen, sich von unnötigen Formalien aufhalten zu lassen.
Durch das kleine Wort "Du" fühlt man sich sofort verbundener, es macht Gespräche einfacher und Situationen vertrauter. Wer kann da etwas dagegen haben?
Redakteur Ben Ferdinand ist gegen das Duzen
Sie, liebe Leserinnen und Leser, haben es sicher schon unzählige Male erlebt: Beim Arzt, im Supermarkt oder auf öffentlichen Veranstaltungen - plötzlich und unerwartet werden Sie geduzt. "Kundennähe" und "lockere Atmosphäre" nennen es die Betriebe und Firmen. Doch fühlen Sie sich tatsächlich jemandem näher und sind lockerer, wenn man Sie in der Bäckerei so behandelt, als seien Sie ein alter Schulfreund?
Dies, meine Damen und Herren, ist fehlender Respekt und mangelnde Professionalität. Das "Sie" ist in der deutschen Sprache seit langem fest verankert und verkörpert eine respektvolle Distanz zum Gegenüber. Es trennt das Private vom Formellen. Besonders im Beruf, wo klare Hierarchien herrschen, ist es ein klares Muss, dass der Praktikant Respekt vor dem Betriebsleiter hat. Selbst der Stellvertreter sollte gegenüber dem Chef zunächst zum "Sie" verpflichtet sein.
Auch vor älteren Menschen und anfangs unbekannten Personen ist das Siezen eine Form der nötigen Freundlichkeit. Ein "Du" kann in vielen Fällen vom Gegenüber als respektlos und beleidigend gedeutet werden. Doch kann unnötig formelles Siezen, beispielsweise im Bekanntenkreis, ebenfalls unfreundlich sein. Man sollte hierbei auf den persönlichen Komfort und die individuellen Bedürfnisse des Gegenübers achten.
Grundsätzlich sollte daher folgender Ablauf Regel sein: Vorgesetzte, Ältere und unbekannte Personen mit einem "Sie" ansprechen - wenn diese einem das "Du" anbieten, sollte man es auf jeden Fall annehmen. Nur so kann tatsächlich eine "lockere Atmosphäre" zwischen beiden Parteien herrschen. In einer Welt, die durch Kurznachrichten, Videos und Smileys zunehmend informeller wird, ist es wichtig, diese Werte nicht aus den Augen zu verlieren. Respekt und Anstand gehören nicht ohne Grund zu den wichtigsten sozialen Fähigkeiten.
Stimme.de
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