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Deutschland muss endlich lernen, sein RAF-Trauma aufzuarbeiten

Die Fronten in der Bundesrepublik sind erstarrt wie Beton, findet unser Autor. Die Hinterbliebenen von 34 von der RAF getöteten Menschen wissen nicht, wer ihre Liebsten ermordet hat.

Andreas Gugau
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Lesezeit 2 Min
Herrhausen-Attentat RAF
Bis heute ist unklar, wer Deutsche-Bank-Chef Alfred Herrhausen getötet hat.  Foto: dpa

Die Fahndungsplakate in Postämtern, Banken, Polizeiposten sind längst verschwunden, die schlecht gedruckten Porträts von "anarchistischen Gewalttätern", für deren Ergreifung zehntausende Mark Belohnung ausgelobt waren. Aber die drei Buchstaben R, A und F sind geblieben. Geblieben im bundesrepublikanischen Gedächtnis und dort ist die Rote Armee Fraktion in bester Gesellschaft unaufgearbeiteter Traumata.

Die brutale deutsche Kolonialgeschichte, die langsam hinterfragt wird, der Nationalsozialismus, dessen Täter noch immer nicht alle benannt sind, weil sie im Kollektiv gedeckt und einer Aufarbeitung in Form der Strafverfolgung entzogen wurden und die Rote Armee Fraktion sind nach wie vor nicht vollständig auf- und verarbeitet. Es wurde viel geschrieben über die RAF, aber Spekulation ersetzt noch immer Wahrheit.

Dabei sollte Deutschland Interesse haben, dieses blutige Kapital seiner Geschichte endlich abzuschließen. Denn die RAF hat nicht nur 34 Menschenleben im Staat und mindestens 27 in den eigenen Reihen gefordert, sie hat diesen Staat auch dermaßen in die Enge gedrängt, dass er bereit war, rechtsstaatliche Prinzipien über Bord zu werfen. In fast allen Fällen ist die Tatbeteiligung bis heute unklar, die Hinterbliebenen von 34 von der RAF getöteten Menschen wissen nicht, wer ihre Liebsten ermordet hat.

Verurteilt wurde in den Gerichtssälen von Stammheim und anderswo großzügig, alleine die Zugehörigkeit zur Gruppe reicht der Justiz für ein Lebenslang. Und doch ist nach Jahrzehnten nicht klar, wer Bomben gelegt, wer den Abzug gedrückt hat.

Der Staat weiß mehr als er zugibt

Dabei weiß der Staat vermutlich viel mehr, als er zugibt. Die Stasi vermerkte in den 1970er Jahren, dass Verena Becker seit Anfang des Jahrzehnts "unter Kontrolle des westdeutschen Gemeindienstes" ist. Peter Urbach vom Berliner Verfassungsschutz versorgte nicht nur die Demonstranten vor dem Springer-Verlag mit Molotowcocktails und militante Gruppen mit Bomben, sondern auch die Baader-Meinhof-Gruppe mit Waffen.

Der Verfassungsschutz hörte während der Geiselkrise in der Stockholmer Botschaft in Stammheim die Zellen der RAF-Häftlinge im siebten Stock ab, später sogar die Gespräche zwischen Angeklagten und ihren Verteidigern, aber ausgerechnet im Deutschen Herbst und in der "Todesnacht von Stammheim" am 18. Oktober 1977 will er weggehört haben. Das ist unglaubwürdig.

Der Staat müsste sich bewegen, so wie er Anfang der 1990er Jahre bereit war, über die Begnadigung lang inhaftierter RAF-Mitglieder nachzudenken. Er muss aufklären, was im Deutschen Herbst in außerparlamentarischen (und außergesetzlichen) Krisenstäben beschlossen wurde und er müsste endlich den Ehemaligen aus der RAF ermöglichen, die Wahrheit auszusprechen, ohne erneut Strafverfolgung fürchten zu müssen.

Bubacks Mörder

Dass die Justiz nichts mehr zur Wahrheitsfindung beitragen kann, hat sich vor einigen Jahren gezeigt, als sich wieder ehemalige RAF-Mitglieder wegen der Ermordung von Generalbundesanwalt Buback vor Gericht verantworten mussten. Bubacks Sohn Michael wollte Antworten auf die Frage, wer seinen Vater am Gründonnerstag 1977 getötet hat und er hat sie wieder nicht erhalten.

Dieses Land muss nach einem halben Jahrhundert einen Weg finden, dass eine Verena Becker, eine Brigitte Mohnhaupt, ein Christian Klar reinen Tisch machen können, Alfred Herrhausens Mörder aus dem Dunkel treten. Der Staat ist den Hinterbliebenen eine Lösung schuldig. Die Brüder des 1986 von der RAF ermordeten Diplomaten von Braunmühl warfen der RAF vor, sie benutze eine Sprache wie Beton. Aber die Bundesrepublik hat sich genauso hinter einer Betonwand verschanzt.

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