Anpacken ist gefragt – Was die Politik vom Handwerk lernen kann
Mit 140. 000 Betrieben und mehr als 800 .000 Beschäftigten ist das Handwerk eine Wirtschaftsmacht im Land. Doch unsere Betriebe können nur vernünftig arbeiten, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Die aber passen immer öfter nicht.

Mit 140. 000 Betrieben und mehr als 800 .000 Beschäftigten ist das Handwerk eine Wirtschaftsmacht im Land. Es sorgt dafür, dass Strom aus der Steckdose und Wasser aus der Leitung kommen, Autos und Fahrräder fahren, wir ortsnah Brot kaufen oder gut sehen können. Zugespitzt: Ohne das Handwerk käme sehr vieles zum Erliegen. Unsere Betriebe können aber nur vernünftig arbeiten, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Doch die passen immer öfter nicht.
Größte Herausforderung der Handwerksbranche: neue Auszubildende finden
Vergangene Woche war der Tag des Handwerks. Eine wunderbare Gelegenheit, die Strahlkraft dieses Wirtschaftszweigs zu erkennen. Handwerksbetriebe präsentierten sich von ihrer besten Seite. Auch Schüler konnten erste Eindrücke von Ausbildungsberufen gewinnen. Für viele Handwerksbetriebe ist die größte Herausforderung das Finden von neuen Auszubildenden, den Fachkräften von morgen. Sie wollen ausbilden, aber das Angebot an Stellen ist größer als die Nachfrage.

Der Schlüssel ist die Bildungspolitik
Immerhin: Wir haben aktuell deutlich mehr neue Ausbildungsverträge als im letzten Jahr. Um hier eine nachhaltige Verbesserung zu erreichen, braucht es aber mehr als das große Engagement der Betriebe. Der Schlüssel ist die Bildungspolitik. Sie muss wieder mehr Herzens- und Hauptthema werden. Der kürzlich veröffentlichte Bildungsmonitor zeigt: Baden-Württemberg hat in den letzten zehn Jahren im Ländervergleich am stärksten verloren. Das ist mehr als ein Alarmzeichen.
Aus Schülern, denen Grundkompetenzen in Mathe und Deutsch fehlen, werden später kaum gute Fachkräfte. Und weiter: Zu oft gibt es gerade an Gymnasien zwar eine Studien-, aber keine Berufsorientierung. Wie sollen sich Jugendliche für eine duale Ausbildung entscheiden, wenn sie darüber nichts wissen? Das Kultusministerium muss sich für eine bessere und ergebnisoffene Berufsorientierung an allen Schulformen einsetzen und − wenn nötig− glasklare Anweisungen an die Schulen geben. Mehr Einsatz in der Fachkräfteausbildung ist dringend notwendig. Denn nur mit genügend Fachkräften lassen sich die Mega-Themen Klima- und Energiewende erfolgreich bewältigen.
Das Handwerk ist nach wie vor das beste Bindeglied zum Bürger
Das bringt mich zu einer weiteren enormen Herausforderung für das Handwerk: In der Energiepolitik haben politisch schlecht gemachte Gesetzentwürfe zu einer enormen Verunsicherung bei Betrieben und Bürgern gesorgt. Vielleicht sollte die Politik das Handwerk mit seiner Expertise ernster nehmen.
Die Menschen im Land tun das. Bei Fragen zur Energieeffizienz hat im vergangenen Jahr fast jeder vierte Haushalt einen Handwerker zu Rate gezogen. Das zeigt: Das Handwerk ist nach wie vor das beste Bindeglied zum Bürger. Zu neuen Gesetzen und Regelungen legt das Handwerk umfangreiche Stellungnahmen vor. Aber oft gehen die Gesetze unverändert in die parlamentarische Abstimmung. Unser Appell an die Landesregierung: Nutzen Sie das Know-how des Handwerks, um realistischere Zielvorgaben in Sachen Klimawende und Planungssicherheit für Bürger und Betriebe bei der Umstellung der Energieversorgung zu schaffen.
Trotz aller Herausforderungen − Unsere Betriebe lassen sich nicht entmutigen
Ein stetig wachsendes Ärgernis für unsere Betriebe ist die enorme Bürokratie. Trotz aller Beteuerungen der Politik − vom Abbau ist bisher wenig zu spüren. Ein Beispiel: Eine Bäckerei ist im Schnitt 12,5 Wochenstunden nur mit Dokumentationsplichten beschäftigt. Zeit, die in der Backstube fehlt.
Hier bräuchte es einen echten Schulterschluss. Dass die Landesregierung den Normenkontrollrat aufgelöst − er sollte konkrete Vorschläge zum Bürokratieabbau machen − und noch nicht wieder eingesetzt hat, zeugt nicht von einer Priorität des Themas. Immerhin: Nach dem Offenen Brief von uns und sieben anderen Spitzenverbänden an den Ministerpräsidenten wurde die "Entlastungsallianz" gebildet. Sie bietet eine Chance auf Veränderung. Wir sind gespannt auf die Gespräche im Herbst und hoffen auf konkrete Ergebnisse.
Trotz aller Herausforderungen − unsere Betriebe lassen sich nicht entmutigen. Es geht nicht nur um die Zukunft der Branche, sondern der Gesellschaft. Wie und wo wollen wir leben, wie wollen wir arbeiten? Unsere Betriebe packen mit an, wenn es um Klimawende oder Künstliche Intelligenz geht. Ein Stückchen mehr vom "Anpacken" des Handwerks darf sich die Politik gerne abschauen, wenn es um die Herausforderungen und Zukunft unserer Betriebe geht − wir denken und helfen gerne dabei mit.
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